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Fazit nach Liveübertragung der Zuger Sinfonietta: Das Experiment ist geglückt

Die Zuger Sinfonietta mit Maurice Steger als Solist und Leiter hat erstmals ausschliesslich virtuell gespielt.

Haymo Empl
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Die Liveübertragung aus dem zwangsläufig leeren Lorzensaal funktioniert einwandfrei.

Die Liveübertragung aus dem zwangsläufig leeren Lorzensaal funktioniert einwandfrei.

Bilder: Stefan Kaiser (Cham, 12. Dezember 2020)

Die Spannung steigt am Samstagabend kurz vor 19.30 Uhr. Wird das klappen mit der Liveübertragung des Konzerts der Zuger Sinfonietta aus dem Lorzensaal in Cham?

Sämtliche Befürchtungen erweisen sich bei Konzertbeginn nach Eingabe des notwendigen Passwortes als unbegründet. Die Bildmischung ist hervorragend, die Regie ebenfalls, das Konzertgefühl stellt sich alleine schon durch den brillanten Audiomix ein, und die verschiedenen Kameras tun ihr übriges. Rein technisch also hervorragende Live-­Bildmischung, solide Regie und beste Kameraführung. Das Licht hätte vielleicht etwas vorteilhafter sein können, oft war es gar etwas düster, und man hätte bei diesem Produktionsaufwand da und dort noch zusätzliche Scheinwerfer aufstellen können.

Maurice Steger zeigte virtuoses Blockflötenspiel

Auftakt also für Maurice Steger als Dirigent und Solist zusammen mit der Sinfonietta: Auf dem Programm stand eine Europareise des Barock.

Zum Auftakt wählte man einen sicheren Wert: Johann Sebastian Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 3, gefolgt von Concerto per flauto g-Moll HWV 287. Passenderweise reiste Händel ja selbst ausgiebig durch Europa und wirkte bis zu seinem Lebensende in England. Daher machte es Sinn, dass darauf Henry Purcell mit seiner Suite from King Arthur – zusammengestellt von Maurice Steger – folgte.

Geleitet wurde das Ensemble von Maurice Steger der auch als Solist Blockflöte spielt und in einem fast leeren Lorzensaal engagiert zu Werke geht.

Geleitet wurde das Ensemble von Maurice Steger der auch als Solist Blockflöte spielt und in einem fast leeren Lorzensaal engagiert zu Werke geht.

Spätestens bei Georg Philipp Telemanns Concerto in C-Dur für Blockflöte und Streicher blieb einem dann stellenweise der Atem stocken, weil hier Maurice Steger sein ganzes Können in Reinform zeigte.

Der 49-jährige Starmusiker mit dem Lausbubencharme zeigte sich energetisch und durchgehend virtuos. Steger spielte auf einer barocken Altblockflöte, und zwar derart umwerfend, dass man sich nicht sicher war, ob da nicht ein Kameratrick zum Einsatz kam.

Darauf per Mail nachgefragt, meint Maurice Steger:

«Das Werk von Händel spielte ich auf der Sopran­blockflöte, die zu jener Zeit gerne benutzt wurde. Das ist das gleiche Instrument, was im Blockflötenunterricht bei den Kindern in der Schule verwendet wird. Dies ist eine besonders schöne Herausforderung, aus diesem kleinen Stück Holz dann doch grosse Musik zaubern zu können.»

Hätten Schulkinder nur einen Moment Gelegenheit, das Blockflötenspiel eines Maurice Steger geniessen zu können, würde das Instrument aus der Tristesse des Schulunterrichts befreit werden, um ein fulminantes Comeback zu feiern.

Gegenseitiges Vertrauen der Musiker ist sichtbar

Das «virtuelle» Konzert der Zuger Sinfonietta überzeugte in fast allen Punkten. Unbarmherzig hielten die Kameras jedes Detail fest: In diesem Fall ein glücklicher Umstand, die Streicher waren beispielsweise in Strichlänge und Strichgeschwindigkeit absolut synchron, was auch optisch gut zu sehen war.

Dies bestätigte auch die Konzertmeisterin Yuki Kasai im Gespräch mit Maurice Steger: «Wir haben ein grosses Vertrauen ineinander und zueinander», sagte sie in einer kurzen Interviewsequenz während des Live­streams.

Die Zuger Sinfonietta spielte ihr Konzert im Lorzensaal ohne Publikum.

Die Zuger Sinfonietta spielte ihr Konzert im Lorzensaal ohne Publikum.

Man fühlte sich im Publikum und nicht alleine

Gerade diese verbalen Zwischenintermezzi waren im Falle dieser Konzertübertragung ein wichtiges Gestaltungselement, denn dadurch wurde einem das Gefühl vermittelt, nicht allein vor dem Computer zu sitzen – normalerweise ja eher ein desperates Unterfangen an einem Samstagabend.

Die Funktion des «Miteinander», wie es typisch für ein Konzert ist/war, übernimmt ansonsten das anwesende Publikum, hier sprang Maurice Steger in die Bresche. Er tat dies eloquent und galant. Für Steger wiederum war es eine Herausforderung, denn:

«Ein Konzert zu gestalten, ist im Wesentlichen das Erarbeitete, das gemeinsam Erlebte, auch das Korrigierte, das zusammen Besprochene und eben Geprobte so auf den Punkt zu bringen, dass Kunst entsteht.»

Es sei eine wunderbare Erfahrung, wenn man am Ende einer Arbeitsphase das Resultat so sehr geniessen könne und realisieren würde, wie sich ein Klangkörper und der Sinn vom Zusammenspiel geändert habe.

Die Stimmung unter den Musikerinnen und Musikern im Saal muss auf jeden Fall gut gewesen sein, das spürte man sogar auf dem kleinen Computerbildschirm zu Hause. Dennoch ist ein Livestream nicht ein Livekonzert, attestiert auch Maurice Steger: «Ich vermisse das Publikum aufrichtig, der Energien-Austausch in einem Livekonzert und das gemeinsame Erleben sind unersetzbar.»

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