Jahresrückblick
Das sind unsere persönlichen Highlights aus dem Jahr 2020

Redaktionsleiter Florian Arnold und die Mitglieder der Redaktion der «Urner Zeitung», «Obwaldner Zeitung» und «Nidwaldner Zeitung» haben sich zum Ende von 2020 mit ihrem persönlichen Ereignis des Jahres auseinander gesetzt.

Florian Arnold
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Redaktionsleiter Florian Arnold ist über die elektronischen Kanäle mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Homeoffice verbunden. Auf dem Bildschirm, von links; oben: Florian Pfister, Marion Wannemacher, Kristina Gysi; Mitte: Matthias Piazza, Markus Zwyssig, Urs Hanhart; unten: Lucien Rahm, Philipp Unterschütz, Martin Uebelhart und Christian Tschümperlin.

Redaktionsleiter Florian Arnold ist über die elektronischen Kanäle mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Homeoffice verbunden. Auf dem Bildschirm, von links; oben: Florian Pfister, Marion Wannemacher, Kristina Gysi; Mitte: Matthias Piazza, Markus Zwyssig, Urs Hanhart; unten: Lucien Rahm, Philipp Unterschütz, Martin Uebelhart und Christian Tschümperlin.

Bild: Boris Bürgisser, (Stans, 30. Dezember 2020)

Ein Brief an Sie, liebe Leserinnen und Leser (Redaktionsleiter Florian Arnold)

Florian Arnold, Redaktionsleiter der Nidwaldner, Obwaldner und Urner Zeitung.

Florian Arnold, Redaktionsleiter der Nidwaldner, Obwaldner und Urner Zeitung.

Manuela Jans-Koch

Was für ein Jahr wir doch hinter uns haben. In Beckenried ist ein tonnenschwerer Kran in den See gekippt, der mit einem noch grösseren Kran wieder herausgefischt werden musste. Ein Pfarrer hat aus Versehen ein Penis-Bild weitergeleitet, eine Lehrerin soll Schüler geschlagen haben und der Bürgenstock war Kandidat für die Durchführung des WEF. Ein Natursteinmäuerchen wurde zum Politikum und die Werbung für tiefe Steuern kam in anderen Kantonen nicht gut an. Die Baustelle auf der A2 bei Hergiswil blieb ein Dauerthema, waren doch davon Tausende Pendler betroffen.

In Obwalden wurde die Ausstattung des Alptheaters durch einen Brand zerstört, die Diskussionen um einen Zusammenschluss der Skigebiete Titlis und Melchsee-Frutt sind wegen einer Studie wieder aufgelebt und beim Lopper sorgte der Slalomkurs für Verwirrung. Daneben feierte das Kloster Engelberg sein 900-jähriges Bestehen und beim Lungerersee entflammte ein Knatsch um das Fischerparadies.

In Uri wurde Samih Sawiris knapp zum Ehrenbürger ernannt, bei einem Hochwasser zeigte sich, dass die millionenschweren Schutzvorkehrungen wie gewünscht funktionieren und mittlerweile steht der Rohbau des neuen Kantonsspitals. Nach der Gesamterneuerungswahl wird Uri ohne eine Frau regiert und die West-Ost-Verbindung bleibt ein politischer Dauerbrenner.

Und ja, da war noch was: Corona. Ich muss Ihnen nicht erzählen, welchen unglaublichen Einfluss dieses Virus auf uns alle hatte. Kaum jemand, der sich vor einem Jahr vorstellen konnte, wie es wäre, wenn unser soziales Zusammenleben nur noch auf das Mindeste reduziert würde, dass Maskentragen zum Alltag gehört und Skilifte trotz besten Schneeverhältnissen stillstehen müssen. Wir alle kennen Geschichten von Erkrankten, Verstorbenen, Unternehmern, die um ihr Überleben kämpfen, oder vom Gesundheitspersonal, das Überstunden leistet.

Als Zeitungsmacher haben wir in diesem Jahr versucht, berührende Geschichten einzufangen, immer im Wissen darum, dass es auch andere Beispiele geben würde. Wichtige Informationen von den Behörden versuchten wir an die Bevölkerung weiter zu reichen und gleichzeitig journalistisch zu hinterfragen. Gerade während den Zeiten, als immer neue Vorschriften dazu kamen, nahmen wir so eine wichtige Rolle ein.

Diese wurde jedoch auch sehr kritisch betrachtet. Nicht nur einmal mussten wir uns anhören, wir würden die Krise nur noch schlimmer machen mit unserer «Angst schürenden Berichterstattung». Im Gegenzug wurden uns eine «Bagatellisierung» vorgeworfen, oder dass wir falsche Zeichen setzen würden, wenn wir die so genannten «Coronaskeptiker» zu Wort kommen liessen. Ein häufiger Kritikpunkt war zudem auch, wir Medien würden nur noch über das eine Thema schreiben. Erlauben Sie mir die Gegenfrage: Worüber sollten wir denn schwerpunktmässig berichten, wenn nicht über jenes Thema, das die Gesellschaft am meisten bewegt und prägt? Und: Ganz recht haben die Kritiker ohnehin nicht, sieht man sich die obige Liste mit Themen an, welche unsere Zeitungen aufgegriffen haben.

Ich schreibe bewusst «Zeitungen» in der Mehrzahl, denn vor einem Jahr haben wir ein neues Zeitalter der Zeitungsproduktion eingeläutet. Seit Januar 2020 werden in der Redaktion in Stans die «Urner Zeitung», die «Obwaldner Zeitung» und die «Nidwaldner Zeitung» von einem Team produziert. Eine grosse Herausforderungen war es, die über Jahre etablierten Philosophien der nun fusionierten Teams auf einen Nenner zu bringen. Und noch heute ertappe ich mich wie auch die meisten Mitglieder der Redaktion dabei, dass von «uns» oder «euch» gesprochen wird, wenn entweder die Nidwaldner/Obwaldner oder die Urner Zeitung gemeint sind.

Das soll aber nicht heissen, dass man sich nicht aufeinander verlassen könnte. Unser Team hat einen mustergültigen Prozess durchgemacht, wie ihn die Psychologie-Literatur beschreibt. Heute darf ich behaupten, dass wir näher zusammengerückt sind. Auch die heutige Silvesterausgabe soll verdeutlichen, dass wir uns als Ganzes sehen. So haben sich alle Mitglieder der Redaktion mit ihrem persönlichen Ereignis des Jahres auseinander gesetzt – ich kann Sie beruhigen: Das Wort Corona kommt dabei höchstens am Rande vor (die Beiträge finden Sie unten).

Es ist fast schon eine Binsenweisheit, dass Corona die Digitalisierung beschleunigt hat. Wie Sie im Bild sehen können, setzt auch unsere Redaktion auf Homeoffice und nutzt die modernen Kommunikationskanäle für elektronische statt physische Sitzungen. Daneben hat der digitale Publikationskanal, unsere Online-Ausgabe, an Bedeutung gewonnen. Im kommenden Jahr möchten wir uns fokussiert noch in diesem Bereich verbessern. Ich möchte Sie dazu animieren, uns auch online oder auf dem Smartphone zu nutzen, um jederzeit aktuell zu bleiben und keine News zu verpassen. Selbstverständlich müssen Sie aber nicht auf die gedruckte Zeitung am Morgen im Briefkasten verzichten. Egal auf welchem Kanal, wir sind bestrebt, Sie mit relevanten, sauber aufgearbeiteten Informationen in einer gut verständlichen Sprache zu bedienen. So wollen wir Ihr Medium vor Ort sein.

Dies funktioniert jedoch nur, indem wir mit Ihnen in direktem Kontakt stehen. Scheuen Sie sich nicht davor, uns mit Informationen zu bedienen und uns zurückzumelden, wenn Ihnen etwas besonders gut gefallen hat, oder Sie sich etwas anderes wünschen würden. Nur durch den Austausch mit Ihnen als Leserin oder Leser können wir an uns arbeiten. Danke, dass Sie uns die Chance dazu geben und uns auch im kommenden Jahr treu bleiben.

Ihr Redaktionsleiter, Florian Arnold

Die Höhepunkte der Redaktorinnen und Redaktoren

Was Schweinsköpfe mit seiner zauberhaften Beziehung zu tun haben (Redaktor Philipp Unterschütz)

Redaktor Philipp Unterschütz.

Redaktor Philipp Unterschütz.

«Geradezu magisch ist das mit Euch beiden.» Wie oft haben meine Frau und ich das schon gehört. Und wir finden ja auch selber, es sei in unserer Beziehung pure Magie im Spiel. Aber im Gegensatz zu meiner Frau, die wie so viele andere Thais ziemlich empfänglich ist für Geisterglauben, bin ich da eher ein Pflock. Es mangle mir halt am Sensorium dafür, pflegt meine Geliebte jeweils zu sagen. Aber dieses Jahr hat sie es mir bewiesen. Seit unserem letzten Besuch im Frühjahr zu Hause in Thailand weiss ich nun, dass ich selber ein Opfer, oder besser gesagt, ein Nutzniesser von Magie bin.

Da war nämlich dieser Cousin im Dorf. Ein lieber Kerl, ein Landei, aber nicht gerade das, was man sich unter einem fähigen Jungmanager vorstellt. Dass er diesen tollen Job in Bangkok ergatterte, war deshalb für das ganze Dorf nur einem Umstand zuzuschreiben. Genau: Magie. Der gute Geist hatte wieder mal gewirkt. Meine liebe Schwiegermutter hatte ihm nämlich neun Schweinsköpfe geopfert, erklärte man mir.

Neun Schweinsköpfe für den guten Geist.

Neun Schweinsköpfe für den guten Geist.

Bild: Philipp Unterschütz

Und da rutschte es irgendjemandem raus. «Genau wie bei Euch damals!» Wie bitte? So erzählte mir meine Allerliebste schmunzelnd, wie Schwiegermama damals vor unserer Hochzeit ebenfalls neun Schweinsköpfe zum guten Geist gebracht habe, auf dass er helfe, dass wir bis ans Lebensende glücklich zusammen seien. «Und Du siehst ja, wie das wirkt.» Da konnte ich nun wirklich nicht widersprechen. Und überhaupt: lieber verzaubert, als verhext.

Aber die Geschichte mit dem Cousin geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Also, liebe Kollegen, ihr habt es in der Hand, ob ich vielleicht doch mal mit Schwiegermama über ein weiteres Opfer reden muss.

Das Nashorn aus dem Unterholz (Redaktor Martin Uebelhart)

Redaktor Martin Uebelhart.

Redaktor Martin Uebelhart.

Bild: Manuela Jans-Koch

Es ist der letzte Morgen unseres Aufenthalts im Etosha National Park in Namibia. Schon arg durchgeschüttelt von drei Tagen Autofahrt auf mehr oder weniger unbefestigten Strassen – auch bekannt als African Massage – machen wir nochmals «Jagd» auf die Tiere, die man so gemeinhin anzutreffen hofft in jener Weltgegend.

Während wir Springböcke, Zebras oder Giraffen gleich herdenweise hatten bewundern können, hatten sich Elefanten – nur von Ferne gesichtet – oder Nashörner – eines im gestreckten Galopp vor dem Wagen durch – eher rar gemacht. Löwen kannten wir ohnehin nur vom Hörensagen.

Wir tuckern also so dahin, da quert plötzlich zwei-, dreihundert Meter voraus ein Nashorn die Strasse. Der Guide drückt aufs Gas. Einen Moment später erreichen wir die Stelle. Von dem Tier ist nichts mehr zu sehen. Schade.

Nashorn, live.

Nashorn, live.

Bild: Martin Uebelhart (Fort Namutoni, Etosha Nationalpark, Namibia, 12. März 2020)

Doch da plötzlich raschelt es im Unterholz und das Nashorn taucht wieder auf, bleibt stehen. Es schaut vielleicht 20 Meter vom Auto entfernt in unsere Richtung – als ob es abchecken möchte, was das für welche sind, die da in der sandfarbenen Blechkiste sitzen. Es bietet sich uns ein erhabener Anblick. Wir halten alles mit der Kamera fest, freudig überrascht über die spontane Rückkehr des Nashorns. Nach ein, zwei Minuten macht das prächtige Tier kehrt und verschwindet im Gebüsch.

Für mich war das einer der berührendsten Momente in diesem Jahr: Auge in Auge mit einem wilden Tier, das man sonst nur aus dem Zoo kennt. Und es war einer der letzten schönen Momente vor der überstürzten Rückreise in die Heimat, die sich bereits im Corona-Lockdown befand.

Jetzt kommen die Künstler nach Hause (Redaktor Markus Zwyssig)

Eigentlich hatte das Jahr kulturell ganz gut begonnen. Ausnahmecellist Christoph Croisé und das Eurasian Soloist Chamber Orchestra versprühten beim Neujahrskonzert im voll besetzten Theater Uri Spielfreude. Kurz darauf begeisterte die Theatergruppe Eigägwächs mit «Big Fish». Die Fasnachtstage 2020 sind mir in bester Erinnerung geblieben. Und vor dem Lockdown durfte ich noch einen Auftritt von Max Lässer und Pedro Lenz im Theater Uri erleben.

Redaktor Markus Zwyssig.

Redaktor Markus Zwyssig.

Bild: Manuela Jans-Koch

Bis zum 21. Januar ist in den Sälen Kulturpause verordnet. Kultur ohne Publikum und auf Distanz, funktioniert das? Gespannt sass ich jeweils vor dem Laptop und zog alles rein in Sachen digitaler Kultur, was geboten wurde: Moes Anthill, dr Einzig, dr Andr & Diisä, das Hausorchester des Theaters Uri, das Duo Flückiger-Räss, das Theater Papilio, der Trafo-Film Nemonatube. Und ich war dabei, bei der Entdeckung wundersamer Innereien.

Am tollsten war es, wenn man sich all diese Kulturveranstaltungen just zur Premiere anschauen konnte. Da hatte man das Gefühl, aus Distanz zwar, aber dennoch live dabei zu sein. Ich konnte Kultur unbeschwert geniessen, musste dazu kein Ticket kaufen, in keiner Menschenschlange stehen und auch nicht unnötig lange darauf warten, bis sich der Vorhang endlich hob.

Und trotzdem: Irgendwie vermisse ich diese spontanen Begegnungen vor Ort und die Freude an einem gemeinsamen Kulturerlebnis. Hoffen wir, dass dies bald wieder möglich sein wird.

Emmetter Abstimmung liefert Lehrstück an Demokratie (Redaktor Matthias Piazza)

Redaktor Matthias Piazza.

Redaktor Matthias Piazza.

Bild: Manuela Jans-Koch

Wer den Glauben an die Demokratie verloren hat, Gründe dafür mag es ja genug geben, dürfte ihn am Abstimmungssonntag vom 29. November vielleicht ein kleines bisschen wieder zurückgewonnen haben. Denn die Emmetter bekommen ein Trottoir oder sonst eine Langsamverkehrsverbindung auf jenem Abschnitt der Seelisbergstrasse, auf dem man als Fussgänger seinen Weg ins Dorf auf einem schmalen Grasstreifen zwischen der stark befahrenen Kantonsstrasse und dem Hag suchen muss.

Dass sich die Situation für die gut 40 Erwachsenen und das Dutzend Kinder des Hattig-Hostatt-Quartiers verbessert, ist aber nicht dem Gemeinderat zu verdanken – zumindest nicht direkt. Die Initiative kam von einer Bürgerin des Quartiers, die eine Urnenabstimmung auslöste. Und sich – wenn auch mit einer Differenz von gerade mal 19 Stimmen – gegen den Gemeinderat durchsetzte, der dem Bürger im Vorfeld empfohlen hatte, das Begehren abzulehnen. Die Rede war von schlechtem Kosten-/Nutzenverhältnis. Die Freude bei Initiantin Olivia Käslin war gross – zu Recht. Gelang es ihr doch, sozusagen ohne den Segen des Gemeinderates, aber mit Unterstützung weiterer Bürger, die Abstimmung zu gewinnen.

Diese Abstimmung hat ja wohl kaum eine Bedeutung über die Emmetter Gemeindegrenze hinaus. Trotzdem war sie für mich das beeindruckendste Urnengeschäft des Jahres. Weil es, wenn auch im Kleinen, zeigte, was Grossartiges eine einzelne Bürgerin in einer Demokratie kann: Das Leben von Menschen verbessern, in diesem Fall den Weg für Fussgänger sicherer machen. Und für diese Errungenschaft Demokratie lohnt sich der Weg ins Urnenlokal oder an den Briefkasten – denn manchmal zählt wirklich jede Stimme.

Abtauchen in Tunnelwelten (Reporter Urs Hanhart)

In diesem Jahr konnte das 40-jährige Bestehen von zwei ebenso gigantischen wie verkehrstechnisch enorm wichtigen A2-Bauwerken gefeiert werden. Einerseits handelte es sich um das Lehnenviadukt und andererseits um den Seelisbergtunnel. Im September hatte ich Gelegenheit, einer Outdoorveranstaltung in Beckenried beizuwohnen, an der mehrere Experten die spannende Baugeschichte des Lehnenviadukts erläuterten. Diese über drei Kilometer lange Brücke musste in einem Hangrutschgebiet realisiert werden, was für die Ingenieure eine gewaltige Herausforderung darstellte. Bis zu 70 Meter tief wurden die Pfeiler ins Erdreich getrieben.

Reporter Urs Hanhart

Reporter Urs Hanhart

Bild: Manuela Jans-Koch

Noch eindrücklicher war der Blick hinter die Kulissen des Seelisbergtunnels. Mitte Oktober durfte ich zusammen mit einem Kollegen als Fotograf an einer Führung teilnehmen. Dabei bekamen wir Anlagen und technische Einrichtungen zu Gesicht, die sonst nur die für den Unterhalt zuständigen Experten zu sehen bekommen. So waren wir unter anderem in Zu- und Abluftschächten unterwegs und wanderten durch mehrere Kilometer lange, nur spärlich beleuchtete Stollen. Bei den Fahrten durch die 9,3 Kilometer messenden Autobahnröhren betrachte ich dieses Jahrhundertbauwerk nun mit ganz anderen Augen.

«Vielschichtige Mitmenschen» (redaktioneller Mitarbeiter Lucien Rahm)

Von den Dutzenden Gerichtsverhandlungen, denen ich in den vergangenen fünf Jahren beiwohnen durfte, hinterliessen einige wenige etwas tiefere Eindrücke als die anderen. Zu den Ersteren gehört auch der kürzlich erfolgte Prozess am Nidwaldner Kantonsgericht, der ein Beziehungsdelikt mit tödlichem Ausgang zum Gegenstand hatte.

Redaktioneller Mitarbeiter Lucien Rahm.

Redaktioneller Mitarbeiter Lucien Rahm.

Bild: Florian Arnold

Als Beobachter des gerichtlichen Geschehens nimmt man den Beschuldigten dabei jeweils auf eine recht unmittelbare Weise wahr. Man erlebt seinen Auftritt im Gerichtssaal und zieht daraus Rückschlüsse auf seine Persönlichkeit – und beschäftigt sich mit der Frage, wie sich diese mit der vorgeworfenen Tat vereinen lässt.

Im besagten Fall präsentierte sich mir ein alter, gebrechlicher Mann, der einen höflichen und gar sympathischen Eindruck machte. Für einen krankheitsbedingten Prozessunterbruch entschuldigte er sich gar bei mir, als ich vor dem Saaleingang an ihm vorbeiging. Umso irritierender wirkte die in der Verhandlung beschriebene Tat. Der Mann hat seine Ehefrau im Streit aus kurzer Distanz erschossen – und dies, wie das Gericht später befand, mit Absicht. Die durch die dargelegten Details entstehenden gedanklichen Bilder beschäftigten mich auch noch über die Arbeitszeit hinaus.

Mehr noch als durch andere Disziplinen der journalistischen Arbeit lässt sich in den Gerichtssälen erleben, wie vielschichtig der Mensch sein kann. Die Verhandlungen des kommenden Jahres versprechen bereits weitere solche Einblicke – die zum Glück weniger dramatisch sein werden.

«Corona ist mein Lieblingsbier» (redaktioneller Mitarbeiter Christian Tschümperlin)

Dieses Jahr war für mich voll von eindrücklichen Begegnungen. Zum Jahresschluss möchte ich aber jene mit dem Holzbildhauer Peter Bissig hervorheben. Mitte Mai standen wir noch ganz am Anfang einer bewegten Zeit. Peter Bissig aber ging bereits dazumal, hoch oben im Isenthal, seiner Arbeit nach – in aller Ruhe. Als ich ihm in seiner Werkstatt einen Besuch abstattete, entstanden gerade zügig die Gesichtszüge des damals obersten Seuchenschützers, die von Daniel Koch. Das Holz war Daniel Koch wie aus dem Gesicht geschnitten, so mein Eindruck.

Redaktioneller Mitarbeiter Christian Tschümperlin.

Redaktioneller Mitarbeiter Christian Tschümperlin.

Bild: Manuela Jans-Koch

Daniel Koch genoss den Ruf, die Schweiz mit ruhiger Hand durch ein Gelände zu führen, das fast so unwegsam ist, wie die Isenthaler Berge. Später sorgte der inzwischen pensionierte Koch aber mit der Aussage «Corona ist mein Lieblingsbier» für Schlagzeilen. Der Witz kam einigen in den falschen Hals. Aber vielleicht wollte Koch damit auch einfach nur sagen, dass er lieber Bier als Corona hat?

Und Peter Bissig? Natürlich geht er weiterhin seinem Handwerk nach. Für ihn sei die Aktion mit Daniel Koch ein positiver Funken gewesen in einer schwierigen Zeit. «Es ist aus etwas Negativem etwas Positives entstanden. Eines Tages werden wir die ganze Situation mit etwas mehr Abstand betrachten können», sagt er zwei Tage vor Weihnachten. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Holzbildhauer Peter Bissig überreicht Daniel Koch die vom ihm angefertigte Statue.

Holzbildhauer Peter Bissig überreicht Daniel Koch die vom ihm angefertigte Statue.

Bild: Luzia Schuler-Arnold / Urner Zeitung

Der aufregendste Tag im Chaosjahr (Volontärin Kristina Gysi)

Zweifelsohne, es ist viel passiert im 2020. Auch ohne Pandemie. Da war zum Beispiel dieser Mann, der sich mitten in der Bahnhofshalle die Nasenhaare stutzte. Oder meine Nachbarin, die sich eine neue Katze zulegte. Die neunte. Und dieser eine Tag im August.

Kristina Gysi, neue Mitarbeiterin der Nidwaldner Zeitung.

Kristina Gysi, neue Mitarbeiterin der Nidwaldner Zeitung.

PD

Es ist ungewöhnlich, dass mich etwas derart aus der Fassung bringt. So aufgeregt war ich zuletzt, als ich meinem Ex-Chef beichten musste, das Geschäftsauto kaputtgefahren zu haben. Auffahrunfall. Er nahm es locker. Ich hoffe, mein eventueller Chef in spe ist auch «locker». Oder wenigstens nett. Probearbeiten bei der Nidwaldner Zeitung. Diese Chance bedeutet mir viel.

Mein Herz pumpt so stark, dass ich befürchte, es könnte mir demnächst den Rippenbogen brechen. Ich bin etwas zu früh und nutze die Zeit, um die Hauptorte der Kantone Uri, Nidwalden und Obwalden durchzugehen. Zum gefühlt achtzigsten Mal. Man weiss ja nie. Wäre ein peinliches Blackout.

«Sei einfach du selbst, dann kommt das schon gut.» Die Worte meiner Mutter einige Tage zuvor. Ich selbst sein. Verschütteter Kaffee, unpassend frecher Spruch, zu lautes Lachen, Schluckauf. Hartnäckiger Schluckauf im Zwei-Sekunden-Takt. Absolut nervtötend für alle Anwesenden. Bitte nicht. Nicht heute.

Ich selbst sein. Wie bin ich denn eigentlich? Sich diese Frage zu stellen, kurz bevor man die Tür des womöglich zukünftigen Arbeitsorts öffnet, – ist – nicht – gut. Dümmlich grinsend stehe ich im Türrahmen. «Hallo, ich bin Kristina und darf hier arbeiten. So zur Probe.» Hoffentlich kommt das gut.

Es kam gut.

Journalismus, ein Traum wird wahr (Stagiaire Florian Pfister)

Hätte man mir vor gut einem Jahr gesagt, wo ich heute stehe, hätte ich es wohl nicht geglaubt. Doch nun ist es vorbei, mein erstes Jahr als Journalist. Es ging schnell vorüber und doch fühlt es sich an, als sei mein erster Tag eine Ewigkeit her.

Florian Pfister, Stagiaire

Florian Pfister, Stagiaire

Mein erster Auftrag war ein Interview mit einer Band. Seither besuchte ich Kühe, Pferde und Alpakas. Ich versuchte mich im Canyoning und schwang durch den Seilpark. Ich schrieb über Nid- und Obwaldner in Australien und Ecuador, sprach mit Politikern, Lehrern, Fasnächtlern und einer ehemaligen Hahnenkamm-Siegerin. Trotz Homeoffice-Zeiten hatte ich viele Begegnungen mit interessanten Personen.

Beim Erfassen dieses Beitrags gehe ich durch die vielen Geschichten, die mich in diesem Jahr begleitet haben. Manche beschäftigten mich zwei Stunden, andere mehrere Tage. Manche interessierten mich mehr, andere weniger. Manchmal ein Coronathema zu viel, dafür trotz Pandemie-Jahr ab und zu Menschen getroffen. Mir wird einmal mehr bewusst, dass ich mich für den richtigen Beruf entschieden habe und es ist schon nur ein Highlight, auf all diese Geschichten zurückzublicken.