1. August
«Nächste Generation junger und starker Frauen steht bereit» – Rütlifeier stand im Zeichen des Schweizer Frauenstimmrechts

Die Festlichkeiten anlässlich des Nationalfeiertages auf der Rütliwiese waren dieses Jahr in Frauenhand. Rund 600 Besucherinnen – und ein paar Besucher – ehrten gemeinsam das 50-jährige Frauenstimmrecht.

Kristina Gysi
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Sonnenhüte wären am 1. August dieses Jahres kaum nötig gewesen. Und trotzdem sah man einige davon auf dem Rütli. Sie hüpften zwischen bunten Regenschirmen umher und fielen in die nasse Wiese. Ihre Trägerinnen tanzten durch die Menschenmenge, klatschten im Takt der Musik und verbreiteten die Laune eines warmen Sonnentages. Ein solcher hätte besser zur heiteren Stimmung auf der Rütliwiese gepasst. Doch liessen sich die rund 600 Besucherinnen – und Besucher – nicht von Nieselregen und Wolkenfetzen aufhalten. Lachende Gesichter hätten das schlechte Wetter beinahe in Vergessenheit geraten lassen.

Sonnenhüte im Regen: Die Frauen trotzten dem nassen Wetter auf der Rütliwiese.

Sonnenhüte im Regen: Die Frauen trotzten dem nassen Wetter auf der Rütliwiese.

Bild: Urs Flüeler/Keystone

Am Sonntag war das Rütli in Frauenhand. Organisiert durch die Alliance F, grösster schweizerischer Frauendachverband, gedachte man am diesjährigen Nationalfeiertag dem 50-jährigen Frauenstimmrecht. Die rund 600 Gäste fanden um die Mittagszeit den Weg aufs Rütli. Eine kunterbunte Menge mit Regenschirmen und Pelerinen schlängelte sich den steilen Kiesweg zum geschichtsträchtigen Ort empor, begleitet durch die Klänge eines Blasmusik-Duos.

Maya Graf bringt die politischen Anliegen ins Bundeshaus

Oben angekommen erwartete die Gäste ein partizipatives Programm, das, wie es Maya Graf formulierte «keine typische Wurst-und-Brot-Feier» sei. Die Co-Präsidentin von Alliance F und Grünen-Ständerätin hatte sich, zusammen mit einem Team junger Frauen und der künstlerischen Leiterin Liliana Heimberg, ein vielseitiges Festkonzept ausgedacht. In verschiedenen Zelten wurden in den Schweizer Landessprachen Porträts von grossen Schweizer Frauenrechtlerinnen vorgetragen. In einem anderen Pavillon lud man die Gäste dazu ein, gemeinsam an grossen Plakaten zu malen. Zudem stellten sich die Bundesrätinnen Viola Amherd und Simonetta Sommaruga den Fragen der Bevölkerung.

Keystone-SDA

Sie verpasste beinahe den Auftritt

Gerührt blickte Graf zu den jungen Mädchen, die durch den Regen tanzten, die Zöpfe hinter sich herfliegend. Zwei von ihnen hatten soeben eine Rede vor dem versammelten Publikum gehalten. «Es ist einfach schön, zu sehen», so Graf.

«Es steht eine nächste Generation junger und starker Frauen bereit, die sich trauen, ihre Anliegen klar zu deklarieren.»

Mitten im Gespräch dröhnte Maya Grafs Name durch die Lautsprecher. «Ich muss ja auf die Bühne», rief sie erschrocken. Der geblümte Regenschirm flog durch die Luft und sie sprintete davon. Einige Minuten später kam sie mit einem gefalteten Plakat zurück, von einer Schnur umfasst wie ein Geschenk. «Das sind Forderungen an die Politik, die die anwesenden Frauen zusammengetragen haben.» Graf habe nun die Ehre, diese ins Bundeshaus in die Frauensession zu bringen. Denn: «Es gibt noch viel zu tun.»

Maya Graf (rechts) mit der künstlerischen Leiterin des Anlasses, Liliana Heimberg (links). In der Mitte die beiden Mädchen, die ebenfalls Reden gehalten haben. Graf hält die gesammelten politischen Forderungen der Frauen auf dem Rütli in der Hand.

Maya Graf (rechts) mit der künstlerischen Leiterin des Anlasses, Liliana Heimberg (links). In der Mitte die beiden Mädchen, die ebenfalls Reden gehalten haben. Graf hält die gesammelten politischen Forderungen der Frauen auf dem Rütli in der Hand.

Bild: Kristina Gysi (Rütli, 1. August 2021)

Zwei unter vielen

Auch Simonetta Sommaruga war am Sonntag in Gummi-Stiefeletten unterwegs. Die Bundesrätin mischte sich wie Amtskollegin Amherd unters Volk. Die Frauen schienen an diesem Tag wie zwei unter vielen. Hätte man nicht um ihre politische Stellung gewusst, wären sie kaum als der «hohe Besuch» aufgefallen, der sie waren.

Die Bundesrätinnen Viola Amherd (links) und Simonetta Sommaruga bei den Feierlichkeiten auf der Rütliwiese.

Die Bundesrätinnen Viola Amherd (links) und Simonetta Sommaruga bei den Feierlichkeiten auf der Rütliwiese.

Bild: Urs Flüeler/Keystone

Dass der Nationalfeiertag des Landes, das so lange brauchte, um das Frauenstimmrecht einzuführen, mit ebendiesem zusammen gefeiert wurde, ist für Sommaruga keineswegs kontrovers.

«Man darf sich ruhig daran erinnern, dass die Schweiz erst vor 50 Jahren zu einer echten Demokratie geworden ist.»

Und sie fügt an: «Auch wenn das vielleicht etwas unangenehm ist.» Gleichzeitig müsse man sehen, was die Frauen dieses Landes in den letzten 50 Jahren erreicht und bewegt haben. Sommaruga nennt die Alpenschutzinitiative und den Atomausstieg – laut ihr beides Resultate der politischen Aktivität von Schweizer Frauen. «Es ist ein Tag der Freude und deshalb passen diese Festlichkeiten sehr gut zusammen.»

Die Bundesrätin war 1971 ein 11-jähriges Mädchen. An die Abstimmung über das Frauenstimmrecht könne sie sich nicht erinnern, jedoch sei ihr etwas anderes geblieben. «Wir gingen jeweils mit unseren Eltern zu den Abstimmungen und Vater verschwand im Gemeindehaus», erzählte Sommaruga.

«Als meine Mutter dann das erste Mal auch reindurfte, war ich einfach nur unglaublich stolz.»

Eine Bundesrätin, die sich unermüdlich für Frauenrechte einsetzt. Welches ist – oder war – ihre treibende Kraft? «Ich wuchs in einem eher traditionellen Umfeld auf, Mütter zu Hause, Väter bei der Arbeit», erzählte Sommaruga. Und dann gab es da ihre eine Tante. «Sie war unabhängig, nicht verheiratet, hatte eine Kaderposition inne und reiste viel», so die Bundesrätin. «Das hat mich immer wahnsinnig fasziniert.» Jedoch sei die Frau für ihren Lebensstil auch ausgegrenzt worden. Etwas, das heute zum Glück nicht mehr der Fall sei. Handlungsbedarf gebe es trotzdem noch: «Das Leben einer Frau verändert sich grundlegend, wenn sie ein Kind bekommt», so Sommaruga. Die Arbeitswelt müsse umstrukturiert und rücksichtsvoller werden, damit Mann und Frau als Eltern gleichberechtigt sind.

«Heute ist man noch nicht so weit.»
Auf dem Weg nach Hause. Das Frauengrütli dürfte den Besucherinnen noch lange in Erinnerung bleiben.

Auf dem Weg nach Hause. Das Frauengrütli dürfte den Besucherinnen noch lange in Erinnerung bleiben.

Bild: Urs Flüeler/Keystone

Um etwa 15 Uhr neigte sich das Fest dem Ende zu. Die gemalten Plakate wurden auf dem Scheunendach ausgerollt, eine Kreation des grossen, farbigen, in Pelerinen gehüllten Kollektivs. Es tropfte vom Scheunendach und von den Wangen vieler Frauen. Tränen der Freude über das gelungene Fest und über die Stärke der Damen und Herren, die sich auf der Rütliwiese zusammengefunden haben. Dann ging es mit dem Schiff zurück über den Vierwaldstättersee nach Hause. Dieser 1. August auf dem Rütli dürfte in guter und langer Erinnerung bleiben.

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