Historisches
Villa Goldschmidt ist 100 Jahre alt – eine deutsche Jüdin gab dem Landsitz seinen Namen

Ihre Geschichte beginnt mitten in der Hochzeit der Wohler Strohindustrie: 1921 wurde die Villa Goldschmidt im Farnbühl erstellt. Doch wer nach der Namensgeberin Fanny Goldschmidt-Levi im feudalen Landsitz wohnte, ist ebenso spannend wie die Geschichte der ersten Bewohnerin selbst.

Jörg Baumann
Drucken
Teilen
Auch nach 100 Jahren noch ein Schmuckstück: die Villa Goldschmidt an der Wohler Farnbühlstrasse.

Auch nach 100 Jahren noch ein Schmuckstück: die Villa Goldschmidt an der Wohler Farnbühlstrasse.

Bild: Andrea Weibel

Inmitten eines hoch eingezäunten Parks an der Wohler Farnbühlstrasse thronen zwei Villen. Sie tragen die klingenden Namen Villa Dreifuss und Villa Goldschmidt. Die Namen sind noch immer bekannt. Doch die Geschichten dahinter kennt kaum noch jemand. Die Villa Dreifuss, die mittlerweile leider dem Zerfall nahe ist, wurde 1898 vom Wohler Strohfabrikanten Theodor Dreifuss (1871–1950) erbaut.

Die Villa Goldschmidt hingegen, die heute vermietet wird und die gebührend restauriert daherkommt, erhielt ihren Namen von ihrer ersten Bewohnerin Fanny Goldschmidt-Levi. Sie war eine deutsche Jüdin aus Osthofen im rheinland-pfälzischen Landkreis Alzey-Worms und Schwiegermutter von Theodor Dreifuss. Die schmucke Villa wurde vor genau 100 Jahren erbaut – und insbesondere die Geschichten ihrer Bewohner sind so spannend, sie könnten glatt erfunden sein.

Fanny Goldschmidt und der Kauf des Grundstücks im Farnbühl

Fanny Goldschmidt wurde am 29. Januar 1848, kurz vor der gescheiterten Märzrevolution, in eine straff geführte kaiserliche Monarchie hineingeboren. Ihr Deutschland hatte nichts gemein mit der parlamentarischen Demokratie, für die sich Deutschland 1949 nach der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten entschied. Es war noch nicht einmal zum Deutschen Reich geeint. Die Reichsgründung erfolgte erst 1871, 23 Jahre nach Fannys Geburt.

Hugo Goldsmith, Sohn von Fanny Goldschmidt, war der Bauherr Villa Goldschmidt. Bild: in seinem Kontor in den USA.

Hugo Goldsmith, Sohn von Fanny Goldschmidt, war der Bauherr Villa Goldschmidt. Bild: in seinem Kontor in den USA.

Bild: zvg

Fanny Goldschmidts Sohn Hugo Goldsmith (geboren 1874), ein schweizerisch-amerikanischer Doppelbürger und als Banker in New York tätig, kam 1919 extra nach Wohlen. Er kaufte auf Wunsch seines Schwagers Theodor Dreifuss das für Wohler Verhältnisse riesige Grundstück im Farnbühl direkt neben dessen eigener Villa.

Eine pittoreske Villa im Heimatstil

Dort wurde die Villa Goldschmidt, finanziert von Theodor Dreifuss, 1921 gebaut. Die Baupläne zeichnete ein Architekt der Zuger Baufirma Peikert AG im Heimatstil, der in seiner Formensprache auf Bürgerhausbauten des 18. Jahrhunderts zurückgreift. Das kommt besonders am mächtigen Mansarddach und der kräftigen, vertikalen Gliederung mit gequaderten Ecklisenen zum Ausdruck.

Den Hauseingang mit original vorhandenem Türportal flankieren mit Podesten und Kapitellen versehene Pilasterpaare. Vom breiten, schmiedeeisernen Eingangstor kommt man entlang einer imposanten Allee direkt auf die Hauptfassade der Villa zu. Im Park hat sich ein alter Baumbestand erhalten.

Die Villa Goldschmidt mit ihrem Park in einer Aufnahme von 1959.

Die Villa Goldschmidt mit ihrem Park in einer Aufnahme von 1959.

Bild: zvg

Die Grundrissdisposition ist übersichtlich. Um die geräumige Halle mit einem grosszügigen Treppenlauf gruppieren sich im Erdgeschoss Küche, Esszimmer, Salon und Cheminéezimmer, im Obergeschoss und Dachgeschoss mehrere Schlafzimmer, jedes mit einem eigenen Badezimmer. Die Villa steht unter kommunalem Schutz, was ihren historischen Wert unterstreicht.

Aus einem gutbürgerlichen Haus

Für Fanny Goldschmidt allein war die Villa sicher eine Schuhnummer zu gross. Sie wird wohl eine Haushälterin oder Hausdame zur Seite gehabt haben. Möglicherweise hat sie manchmal Gäste zu sich eingeladen. Aber das ist nicht dokumentiert. Überhaupt weiss man wenig über Fanny Goldschmidt. Das Wenige, das über sie bekannt ist, fand der Bremgarter Lokalhistoriker Rolf Meyer, Inhaber eines Herrenkleidergeschäftes an der Marktgasse, in den Archiven.

Fanny Goldschmidt war in Wiesbaden mit dem wohlhabenden Ziegeleifabrikanten Bernhard Goldschmidt verheiratet. Dieser verstarb früh. Die Familie wohnte an der Moritzstrasse 32 in Wiesbaden.

Theodor Dreifuss (links) und sein Bruder und späterer Geschäftspartner Jakob Dreifuss (fünfter von links) im Kreis des Velozipedistenvereins Bünzthal (Aufnahme von 1890 aus dem Buch «Wohler Erinnerungen», Herausgeber Heini Stäger, Wohlen).

Theodor Dreifuss (links) und sein Bruder und späterer Geschäftspartner Jakob Dreifuss (fünfter von links) im Kreis des Velozipedistenvereins Bünzthal (Aufnahme von 1890 aus dem Buch «Wohler Erinnerungen», Herausgeber Heini Stäger, Wohlen).

Bild: zvg

An einer Tochter, Johannette Goldschmidt, der man den Kosenamen Nettie gab, fand Theodor Dreifuss Gefallen und heiratete sie. Auf diesem Weg wurde Fanny Goldschmidt zu seiner Schwiegermutter. Theodor Dreifuss, begeisterter Alpinist beim Schweizer Alpenclub Lindenberg und in jungen Jahren Mitglied des Velozipedistenvereins Bünzthal, muss sie hoch verehrt haben. Sonst hätte er ihr nicht neben seiner Villa im Farnbühl ein so grosszügiges Landhaus hinstellen lassen.

Fanny erhielt Wohnrecht bis ans Lebensende

1929 kam Fanny Goldschmidts Sohn Hugo Goldsmith erneut nach Wohlen. Er verschenkte laut amerikanischen Akten seiner am 5. Februar 1879 geborenen Schwester Johannette die Villa Goldschmidt. Er knüpfte an dieses Geschenk aber die Verpflichtung, dass Mutter Fanny Goldschmidt für ihr restliches Leben darin wohnen dürfe. Im Gegenzug übernahm Hugo alle Steuern und Unterhaltszahlungen auf dem Grundstück. Diese Vereinbarung beurkundete der Notar Adolph Wirth in Wohlen, langjähriger Gemeindeammann in Hägglingen.

Enkelin Ruth Dreifuss, Tochter Nettie Dreifuss-Goldschmidt, Enkel Bernhard Dreifuss-Walser, dessen Frau Alice Dreifuss-Walser (Tochter von Paul Walser) und Fanny Goldschmidt (von links) in einer Aufnahme von 1929.

Enkelin Ruth Dreifuss, Tochter Nettie Dreifuss-Goldschmidt, Enkel Bernhard Dreifuss-Walser, dessen Frau Alice Dreifuss-Walser (Tochter von Paul Walser) und Fanny Goldschmidt (von links) in einer Aufnahme von 1929.

Bild: zvg

Als diese Vereinbarung geschlossen wurde, war Fanny Goldschmidt praktisch mittellos. Hugo Goldsmith sei zu seiner Mutter «sehr hingebungsvoll» gewesen und habe sie einige Jahre lang versorgt, entnimmt man den Gerichtsakten, die bei der Eröffnung des Testamentes von Hugo Goldsmith angelegt wurden.

Goldsmith verstarb am 22. September 1933 im Alter von 59 Jahren um 13.50 Uhr in Wohlen in der Villa, in der seine Mutter wohnte. Die Todesregisterurkunde stellte Josef Isler-Isler (1907–2003) aus, zu dieser Zeit stellvertretender Chef des Zivilstandsamtes Wohlen. Später stieg er zum Amtsleiter auf und war in Wohlen eine prominente Persönlichkeit.

So überlebte Fanny Goldschmidt ihren Sohn Hugo. Wann sie gestorben ist, lässt sich nicht mehr eruieren. Am 2. Juli 1933 verschied Johannette Goldschmidt-Dreifuss, die Gattin von Theodor Dreifuss. Ihre Kinder Ruth und Bernhard Dreifuss waren, so heisst es in den amerikanischen Gerichtsakten, «ihre kleineren Erben».

Bernhard Dreifuss gründete zusammen mit seinem Cousin Marcel Dreifuss die Firma Cellpack AG. Diese führte das Unternehmen seines Vaters, die Firma Gebrüder Dreifuss, aus dem Zeitalter der Strohindustrie in eine neue Epoche, die Verpackungsbranche.

Urgrossmutter Fanny Goldschmidt mit ihrem zwei Jahre alten Urenkel Peter Dreifuss (1929–1985); Aufnahme 1931 von Frank Schärer-Oberholzer, Anglikon.

Urgrossmutter Fanny Goldschmidt mit ihrem zwei Jahre alten Urenkel Peter Dreifuss (1929–1985); Aufnahme 1931 von Frank Schärer-Oberholzer, Anglikon.

Bild: zvg

Ein Konsul, ein Direktor und ein Seelsorger

Nach Fanny Goldschmidt zogen hintereinander Oscar Joerg, Konsul in China, George Hugh Johnson, Direktor der Cellpack AG Wohlen und von 1959 bis 1962 Präsident des Fussballklubs, und schliesslich der Italienerseelsorger Don Silvano Francola in die Villa Goldschmidt ein.

Oscar Joerg, den man in Wohlen als «Herr Konsul» anzusprechen pflegte, vertrat die schweizerischen Interessen in China von 1938 bis 1956. Er stieg in dieser Zeit vom Konsulagenten zum Vizekonsul und schliesslich ab 1948 zum Honorarkonsul auf. Ferdinand Bernoulli, Schweizer Botschafter in China, bestätigte dem Minister Alfred Zehnder, dass Joerg für die Schweiz ein guter Mann gewesen sei. Auch die Briten seien Joerg zu grossem Dank verpflichtet gewesen, da er die Zivilinternierten während des Zweiten Weltkrieges gegen Japan in vorbildlicher Weise betreut hätte.

Der Konsul wollte versuchen, sich in der Schweiz eine neue Stellung zu schaffen. Sollte ihm das nicht gelingen, hatte er die Absicht, nach China zurückzukommen. Das wäre ein Beweis, dass er auch noch damals als Kaufmann «ganz ansehnliche Umsätze erziele». Joerg sprach sich damals dafür aus, dass die Schweiz mit China diplomatische Beziehungen aufnehmen solle, was 1950 tatsächlich geschah.

Die Villa Dreifuss wurde schon 1898 erbaut und ist dem Verfall nahe.

Die Villa Dreifuss wurde schon 1898 erbaut und ist dem Verfall nahe.

Bild: Andrea Weibel / Archiv

Johnson besorgte Goalie Willy Bächer einen Job als Briefträger

George Hugh Johnson war Vizepräsident der Britischen Handelskammer in Basel, bevor er in Wohlen die Stelle als Direktor der Cellpack AG annahm. Über Beziehungen gelangte er zum FC Wohlen, wo er das Amt des Präsidenten so ausübte, wie er es im Beruf gelernt hatte: direkt, kritisch und mit für sich grosszügig ausgelegten Kompetenzen.

Hilfreich war die Art, wie Johnson im FC wirkte, unter anderem auch für den kürzlich verstorbenen Torhüter Willy Bächer. Als dieser von Baden nach Wohlen zurückkehren wollte, suchte Johnson für ihn eigenhändig eine Stelle als Briefträger. Er intervenierte beim Wohler Postverwalter und Schulpflegepräsidenten Viktor Wendelspiess – und der Coup klappte.

Don Silvano war ein Brückenbauer von Format

Der Italienerseelsorger Don Silvano Francola schliesslich wollte nur drei Jahre in Wohlen bleiben. Daraus wurden 44 Jahre. Im Alter von 82 Jahren verspürte er 2013 den Wunsch, nach Italien zurückzukehren.

Wohlen hat ihm viel zu verdanken. Er bewirkte die Integration vieler italienischer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Sie durften immer auf den Rat von Don Silvano zählen. Dieser legte auch beim Bau des Kinderhortes Peter Dreifuss am Reithalleweg selber Hand an. Mit dem Hort, den der Cellpack-Direktor Peter Dreifuss mit grossen finanziellen Mitteln unterstützte, konnte das Verständnis unter den verschiedenen ausländischen Mitbürgern in Wohlen wesentlich verbessert werden.

Aktuelle Nachrichten