Historisches
Die Anfänge des Gnadenthals waren eher ein Albtraum als eine Vision

Oft wird die Überführung des ehemaligen Klosters Gnadenthal in einen Pflegebetrieb als «visionär» beschrieben. Doch wie sich zeigt, war der damalige Dekan Nietlispach völlig überfordert mit der Leitung des Gnadenthals. Die Rettung waren nüchtern rechnende Gemeinderäte aus der Region.

Heinrich Briner
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Kloster Gnadenthal in Niederwil

Kloster Gnadenthal in Niederwil

Marc Ribolla

1894 ging im ehemaligen Kloster Gnadenthal plötzlich alles Schlag auf Schlag: Der Tabakfabrikant Eschmann war mit seiner Familie nach Konstanz gezogen. Das Kloster war zum günstigen Spekulationsobjekt geworden. Und um eine Spekulation ging es in der Folge denn auch.

Die Gründerväter – Dekan Nietlispach aus Wohlen, Pfarrer Döbeli aus Muri und Dr. Pestalozzi aus Zürich – legten nämlich im Februar 1894 im «Verenahof» in Baden den Prospekt eines «Aktienunternehmens Pflegeanstalt Gnadenthal» auf und suchten nach Investoren.

Pestalozzis Frau und die Reliquien im Gnadenthal

Der Zürcher Aristokrat und Arzt Pestalozzi diente dabei wohl gleichsam als zusätzlicher Garant, denn die «Verpflegungsanstalt» sollte, wie die NZZ berichtete, nicht nur «römisch-katholisch», sondern auch «interkantonal» werden. Und Pestalozzi war lange einer der wenigen katholischen Ärzte in Zürich. Man hoffte deshalb wohl auf Interesse aus dem Kanton Zürich.

Verheissungsvoll war auch, dass Emil Pestalozzi eine Frau aus bester Familie geheiratet hatte: Maria Mathilde Adelheid Georgia Pfyffer von Altishofen. Die Pfyffers von Altishofen – auch das war ein Versprechen. Denn die Familie hatte schon entscheidend mit dem Kloster Gnadenthal zu tun gehabt: Von 1652 bis 1688 amtete Maria Anna Margareta Pfyffer als Äbtissin. Und die Reliquie der heiligen Justa gelangte unter ihrer Führung durch die Vermittlung des Kommandanten der Schweizergarde – natürlich auch ein Pfyffer von Altishofen – ins Gnadenthal.

Hat sich der Dekan mit der Gründung vollends verrechnet?

Später ist im Zusammenhang mit der Gründung der Pflegeanstalt Gnadenthal viel von einer «Vision» geschrieben worden. Die Zeitzeugen sahen das allerdings deutlich weniger euphorisch: Es war ein «Wagnis», meinte etwa Pfarrer Bopp.

Priska Egloff, Heimleiterin 1937–1943. Die «ehrwürdige Mutter Oberin» im Kloster Gnadenthal.

Priska Egloff, Heimleiterin 1937–1943. Die «ehrwürdige Mutter Oberin» im Kloster Gnadenthal.

zvg

Und Pfarrer Meyer hegte sogar den Verdacht, Dekan Nietlispach könnte sich mit der Gründung vollends «verrechnet» haben. Womit er nicht unrecht hatte. Nietlispach sah sich nämlich vor zahllosen Problemen, die andere Fachkenntnisse erfordert hätten als die eines studierten Theologen. Dekan Nietlispach soll einmal geklagt haben:

«Gnadenthal gibt mir mehr Arbeit als meine ganze Pfarrei.»

Es mangelte aber vor allem an Geld, immer wieder fehlte das Nötigste. Um den Pflegebetrieb, der überdies erstaunlich langsam anlief, kümmerten sich zwar die Schwestern von Ingenbohl. Aber es gab da auch noch ein Wirtshaus und eine grosse Landwirtschaft – verschiedenartigste Aufgaben, für die Nietlispach nicht nur die Zeit, sondern ganz einfach auch das Wissen und die Erfahrung fehlten.

Pflegeanstalt entwickelte sich zum Albtraum

Zwar ging ein «Aufatmen durch die katholische Volksseele», als das Kloster «zurückgekauft» werden konnte. Aber die Pflegeanstalt Gnadenthal entwickelte sich für die Verantwortlichen zunehmend zum Albtraum.

Alexandra Heilbronner ist seit 2021 Direktorin des Reussparks im Niederwiler Gnadenthal.

Alexandra Heilbronner ist seit 2021 Direktorin des Reussparks im Niederwiler Gnadenthal.

zvg

Zwei Mitstreiter hatten wichtige eigene Aufgaben übernommen. Pestalozzi arbeitete am Theodosianum, dem ersten katholischen Krankenhaus in Zürich. Und Pfarrer Döbeli versuchte mit der «Don Bosco-Anstalt» eine Rekatholisierung im Kloster Muri. Das Unternehmen im Gnadenthal wäre so wohl bankrottgegangen, bevor es richtig zu leben begonnen hätte.

Die Rettung war die Umgestaltung in einen Verein. Dabei half die Politik, und es war vor allem das Verdienst von mehreren Gemeinderäten der umliegenden Ortschaften. Sie hatten keine Vision, sondern rechneten nüchtern und griffen durch.

«Mutter Oberin» erhielt einen Verwalter – später übernahm der Direktor

Ab 1903 führte der Hilfsverein Gnadenthal die Pflegeanstalt. Mit der Leitung war weiterhin die «Mutter Oberin», eine Ingenbohler Schwester, betraut. Die Geschicke der Anstalt bestimmte nicht die Heimleitung, sondern der Vorstand des Hilfsvereins. Ab 1904 nahmen zudem zwei Vertreter des Kantons Einsitz im Vorstand.

Thomas Peterhans, der erste Direktor des Reussparks Gnadenthal, ging Ende 2020 in Pension.

Thomas Peterhans, der erste Direktor des Reussparks Gnadenthal, ging Ende 2020 in Pension.

Sandra Ardizzone / Archiv

Es war dann auch der Kanton, der – zwar erst 1969 – der Mutter Oberin einen «Verwalter» zur Seite stellte. Etwas später wurde diese Stelle zum «Verwaltungsdirektor» aufgewertet. Aber erst ab 1995 kannte das Gnadenthal mit Thomas Peterhans formell einen «Direktor». Strategie und Oberaufsicht blieben jedoch bis heute grundsätzlich beim Vorstand des Vereins Gnadenthal.

Thomas Peterhans ist Ende Jahr 2020 in Rente gegangen. Neu führt mit Alexandra Heilbronner eine Direktorin den grössten Pflegebetrieb im Kanton.