Interview
Bei Kabarettist Veri fällt die Arbeit nicht weg, nur die Einnahmen

Auch Thomas Lötscher (59) alias Veri bleibt zu Hause. Der Kabarettist aus Malters verschickt jetzt Sonnenblumenkarten und tritt im TV auf, alles ohne Gage.

Roger Rüegger
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Thomas «Veri» Lötscher mit Sonnenblumenkarten zu Hause in Malters.

Thomas «Veri» Lötscher mit Sonnenblumenkarten zu Hause in Malters.

Bild: Jakob Ineichen (31. März 2020)

Statt live unterhalten Sie von zu Hause aus per Video. Notlösung oder ist «online first» Ihre Zukunft?

Thomas Lötscher: Weder noch. Für mich ist es persönliche Psychohygiene, am Tag Ideen zu suchen und abends daraus ein Video zu produzieren.

Damit Sie nicht in Vergessenheit geraten?

Ich denke nicht, dass Videos mitentscheidend sind, dass ich danach wieder auf der Bühne stehen kann. Natürlich, mein Publikum will ich erreichen und sagen: He, es gibt mich noch.

Sie zeigen darin Freizeitideen für zu Hause. In einem Video ermuntern Sie Leute, handgeschriebene Sonnenblumenkarten zu verschicken und Freude zu bereiten. Die Karten kann man bei Ihnen beziehen. Das ist kein Witz, sondern ernst?

Superernst! Ich liess insgesamt 1000 Karten drucken und gebe die gratis ab.

Wie ist die Resonanz?

Ich bin überrascht. Meine Frau und ich verschickten bis jetzt 300 Stück an 40 Haushalte.

Wer verschickt Blumen in Form einer Karte?

Fasziniert hat mich eine Frau, die zehn Karten bestellte. Sie schrieb: «Herzlichen Dank. Ich schicke die Karten mit einem Osterflädli meinen Arbeitskolleginnen. Die arbeiten als Festangestellte weiter im Verkauf, während wir im Stundenlohn zu Hause bleiben.» Bei solchen Aktionen geht es mir eine Viertelstunde gut. Falls alle Karten weg sind, lasse ich neue drucken. Ab 10000 suche ich vielleicht einen Sponsor. Ich finde, das passt zur Figur Veri, und es ist einfach eine schöne Sache in dieser Zeit.

Veri macht homeoffice.

Veri macht homeoffice.

Bild: Jakob Ineichen (31. März 2020)

Gab’s weitere Feedbacks?

Ein Paar aus dem Baselland schrieb, sie seien Luzerner. Weil sie ihre Enkel nicht besuchen können, wollen sie diese mit einer Karte grüssen.

Schreiben Sie selber Karten?

Zu jeder Lieferung Sonnenblumenkarten schreibe ich einige persönliche Worte. Wenn ich Zeit habe, also demnächst, müssen Freunde und Bekannte damit rechnen, dass eine Karte von uns im Briefkasten liegt. Aus den Ferien aber schreibe ich keine.

Aktuell sind Sie auf Tele1 in der Sendung «Aktiv zu Hause» zu sehen.

Pro Senectute, Tele1 und die Gesundheitsförderung lancieren das Programm für Senioren. Veri ist eine Randfigur. Das Programm überzeugt mich, weil man etwas für ein älteres Publikum macht, das nicht Internet-affin ist und zu Hause sitzt. Ich kann etwas beitragen und zeigen, dass man an sie denkt.

TV-Training für Senioren täglich auf Tele1

Damit in der Coronakrise Senioren fit bleiben und geistig gefordert werden, lancieren Pro Senectute, Tele 1 und Gesundheitsförderung Schweiz die Sendung «Aktiv zu Hause». Kursleiter zeigen in einer halbstündigen Lektionen einfache Übungen. Veri moderiert die Sendungen an, die Themen wie «Sicher gehen – sicher stehen», «Ganzheitliches Gehirntraining», «Fit mit Musik», «Qi Gong» oder «Gemeinsam Singen» aufgreifen. Tele 1 strahlt das Mitmach-Programm von Montag bis Freitag jeweils um 10 Uhr aus. (rgr)

Das Brot der Künstler ist der Applaus, der bleibt jetzt aus.

Der Applaus ist der eine Teil vom Brot. Der andere wäre die Gage, und die ist weggebrochen. Anfang März hatte ich einige Auftritte, die grossen Generalversammlungen sind abgesagt. Da März und April die stärksten Monate für mich sind, liegt etwa offen, wie die Marktlage ist.

Da kommt Ihnen der neue Auftrag ja gerade recht.

Dafür will ich keine Gage. Das habe ich so angeboten. Eine Aktion zu Gunsten der eingeschlossenen Senioren unterstütze ich gerne. Und wenn mich jemand unterstützen will, etwa bei den Sonnenblumenkarten, bringe ich den Standardsatz: Ich habe Notvorräte auf der Bank, im Keller und im Kühlschrank. Ich fordere die Leute auf, dort zu spenden, wo sie sonst spenden.

In einer Zeit ohne Gage?

Ich konnte vorsorgen und etwas zur Seite legen. Im Moment lebe ich davon. Ich habe eine GmbH und bezahle mir einen Lohn. Wobei es als Künstler mit einer GmbH auch wieder schwierig ist. Wenn ich ein Formular ausfülle, muss ich angeben, wie viele Stunden ich vorher gearbeitet habe und wie viele Stunden jetzt wegfallen. Aber Stücke schreiben kann ich auch jetzt, die Arbeit fällt nicht weg, nur die Einnahmen. Klar, mache ich mir auch ein paar Sorgen, aber es gibt viele Leute, die mehr Kummer haben als ich. Zuerst sollte man für die eine Lösung finden.

Wie gut gelingt es aktuell, die Leute zu unterhalten?

Unterschiedlich. Ich lese viel und informiere mich auch in internationalen Medien, was das Virus angeht. Aber mir tut es nicht gut, jeden Tag zu verfolgen, was in Italien geschieht oder welches Schicksal die Wanderarbeiter in Indien erleben. Solches geht mir sehr nah. Aber jeder muss seinen Weg finden. Es gibt Phasen, in denen mir immer etwas einfällt, dann wieder habe ich den Eindruck, ich müsste noch einen Witz finden. Schlussendlich ist es mein Beruf. Ich glaube, es braucht immer eine Form von Unterhaltung, damit man abgelenkt wird. In Krisenzeiten, im Krieg oder nach einem Tsunami. Ich will Leuten die Zeit vertreiben.

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