Diese Krise ist ein Drama in drei Akten. In jedem Handlungsabschnitt werden die Rollen neu verteilt. Das Spektrum der hiesigen Wirtschaftsakteure reicht dabei vom Täter bis zum Trittbrettfahrer.

Finanzkrise - der erste Akt


Den ersten Akt bildet die eigentliche Finanz- oder Subprimekrise. Sie wird im Sommer 2007 virulent, als der Markt für kurzfristige Kredite einzufrieren droht. Es handelt sich dabei um jene Geldquelle, mit der die Banken bislang billig Wertpapiere finanzieren konnten. Zum Beispiel jene hochrentablen ABS-Papiere, die auf der Bündelung von amerikanischen Häuserkrediten beruhen. Jedoch erweisen sich zahlreiche der US-Schuldner von höchst zweifelhafter Bonität.

Entsprechend wächst das gegenseitige Misstrauen der Banken. Man leiht sich untereinander kein Geld mehr. Niemand weiss, welche Finanzinstitute in welchem Umfang solche verbrieften Ramschhypotheken in ihren Bilanzen halten. Die Preise für ABS-Papiere geraten deswegen ins Rutschen.

Die Eigenkapitaldecke der Banken wird rasch dünner. Um an frisches Geld zu gelangen, stossen die Finanzinstitute in Panik noch mehr ABS-Papiere ab. Eine Abwärtsspirale. Und mittendrin steckt die UBS. Sie bildet zusammen mit der Credit Suisse das Gespann der systemrelevanten Grossbanken. Die beiden Geldhäuser sind schlicht zu gross, um vom Staat fallen gelassen zu werden - ihre Bilanzsummen entsprechen dem Achtfachen des Bruttoinlandprodukts. Über 40 Prozent der inländischen Depositen und Kredite vereinen CS und UBS auf sich. Doch Letztere droht im Herbst 2008 vollends unter dem Berg fauler ABS-Papiere begraben zu werden.

Der Staat muss schliesslich einspringen, als die UBS-Führung keine Privatinvestoren mehr findet, die frisches Geld einschiessen wollen. 40 Milliarden Franken an Ramschpapieren werden an die SNB ausgelagert. Der Bund gewährt der Bank zudem ein Darlehen von 6 Milliarden, das die Eigenkapitaldecke stärkt. Die UBS ist damit aus dem Schneider, wenngleich eine griffige, internationale Bankenregulierung bis heute auf sich warten lässt.

Wirtschaftskrise - der zweite Akt


Doch die hiesige (Export-)Wirtschaft blickt in den Abgrund. Es beginnt der zweite Akt des Dramas. Bis in den Herbst 2008 hinein prognostiziert das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) für die Schweiz noch ein moderates Wachstum. Doch aufgrund der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers verdüstert sich das Bild schlagartig: «Im September und Oktober 2008 sind die Konjunkturindikatoren gefallen wie Steine», erinnert sich der ehemalige Seco-Chefökonom Aymo Brunetti.

Es handelt sich um den tiefsten Wirtschaftseinbruch seit dem Zweiten Weltkrieg. Der monetäre Blutkreislauf in Form globaler Zahlungsströme kommt praktisch zum Erliegen. Die arg unterkapitalisierten Banken reduzieren ihre Risiken und drehen der Realwirtschaft so den Kredithahn ab, worauf die Investitionsausgaben um zehn und mehr Prozent einbrechen.

Dies trifft die hiesige Exportwirtschaft ins Mark. Die Nachfrage bricht schlagartig weg. Im Zuge dessen fahren die Unternehmen die auf Hochtouren laufende Produktion herunter, horten Cash und schicken die Angestellten in die Kurzarbeit. Die ersten Arbeitslosen-Prognosen fürs Gesamtjahr 2009 sagen der Schweiz denn auch einen Anstieg der Quoten auf sechs und mehr Prozent voraus. Der Weltwirtschaft droht gar eine grosse Depression. Doch: «Die Reaktion der Zentralbanken und Staaten ist komplett anders als 1929», sagt Brunetti.

Das Krisenmanagement ist im Gegensatz zu den 1930er-Jahren beherzt und konzertiert: Die Zentralbanken fluten die Märkte mit Unmengen an Liquidität, während Schwellen- wie Industrieländer milliardenschwere Stützungspakete schnüren, um den stotternden Konjunkturmotor wieder zum Laufen zu bringen. Die Massnahmen zeigen Wirkung. Der Handel kommt erstaunlich rasch wieder in die Gänge. Von der stabilisierenden Wirkung profitiert auch die Schweiz, ohne selbst die direkten Kosten dafür tragen zu müssen.

Insofern zeigt sich hier ein Trittbrettfahrereffekt, den Brunetti allerdings relativiert: «Kein anderes Land hatte bei seinen Importen so einen geringen Rückgang wie die Schweiz, was ebenfalls stabilisierend gewirkt hat.» Auch seien staatliche Stützungsmassnahmen für eine offene, exportorientierte Wirtschaft wie die Schweiz eben nur sehr begrenzt wirksam, sagt Brunetti: «Die Nachfrage nach Exporten lässt sich nicht stimulieren und die Binnenkonjunktur ist auch im Krisenjahr 2009 nicht in eine Rezession abgerutscht.» Der Brand kann also relativ rasch eingedämmt werden, was sich an der BIP-Erholung ab Mitte 2009 zeigt. Doch das aufgestaute Löschwasser dürfte die entwickelten Volkswirtschaften noch lange beschäftigen.

Schuldenkrise - der dritte Akt

Die Rettungsmassnahmen seit 2007 haben die Staatsverschuldung in den Industrieländern sprunghaft ansteigen lassen. Die Märkte werden jener Ungleichgewichte in der Eurozone gewahr, die schon vor der Krise bestanden. Doch wegen der gemeinsamen Währung lässt sich die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit in den Südstaaten nicht mehr mit einer Abwertung der Landeswährung bekämpfen. Stattdessen wird eine Austeritätspolitik betrieben, welche die Wachstumsaussichten dieser Länder weiter eintrüben - wodurch die Staatsfinanzen noch stärker aus dem Lot geraten.

«Die Schweiz ist zum Zuschauen verdammt und kann nur hoffen, dass die Eurozone nicht auseinanderbricht», sagt Brunetti. Eine Auswirkung dieser weiterhin latenten Gefahr ist der starke Anstieg des Frankens, der im Sommer vor einem Jahr in einer Beinahe-Parität zum Euro gipfelt. Mit der Konsequenz, dass sich - unverschuldet - die Wettbewerbsfähigkeit massiv verschlechtert. Die Margen der Exporteure schmelzen weg wie Eis an der Sonne. Woraufhin die Nationalbank im September 2011 den Euro-Mindestkurs festsetzte. Solange die SNB an dieser Untergrenze festhält, sind die Verlustrisiken zwar kurzfristig gering. Doch die expansive Geldpolitik birgt längerfristig ein Inflationsrisiko. «Die Zentralbanken werden sich extrem unbeliebt machen müssen, wenn sie bei anziehender Konjunktur die überschüssige Liquidität abziehen», prophezeit Brunetti. Die Schweiz ist bislang also glimpflich durch die Krise gekommen. Doch wie der ehemalige Seco-Chefökonom in seinem Buch «Wirtschaftskrise ohne Ende?» schreibt: Das Glas scheint nach wie vor eher halb leer als halb voll zu sein.