Smart Home Technology

Wenn Felix Adamczyk morgens ins Büro kommt und das Licht anknipst, hat er bereits Kontakt mit einem seiner Produkte. Der Lichtschalter funktioniert kabellos. In ihm verbaut ist eine Batterie — und ein kleiner Chip, entwickelt von Adamczyk. Dieser hält den Lichtschalter auf Stand-by. Der Clou: der Chip verbraucht so wenig Energie, dass die Batterie locker fünf Jahre hält. Ziel sei es, dass der Stromverbrauch des Chips kleiner ist als die Selbstentladung der im Gerät verbauten Batterie. «Das Modell ist schon längst überholt», sagt der Gründer der Zürcher Smart Home Technology GmbH. Darauf habe er nicht mal ein Patent angemeldet. «Die neueren Sachen», sagt Adamczyk, «das sind die richtig coolen».

Gegründet hat er seine Firma noch als Elektrotechnik-Student der ETH Zürich vor zwei Jahren. Seit 2015 ist Smart Home Technology ein offizielles Spin-off der ETH. Heute hat er sechs Mitarbeiter. Seine Firma, sagt der Gründer, habe vom ersten Tag an Umsatz gemacht. Das habe wohl auch die Jury von Swiss ICT beeindruckt.

Adamczyks Firma baut Chips, die den Stromverbrauch von Elektrogeräten im Stand-by massiv senken. Das ist besonders im aufkommenden «Internet der Dinge» (IoT) interessant. Wenn die Kaffeemaschine mit der Zuckerdose kommunizieren soll, müssen beide permanent auf Abruf sein. Das gilt auch für Industrieanlagen und alle sonstigen elektrischen Geräte. Die Energieversorgung ist hier eine Schwachstelle. Dank Adamczyk könnte sich das bald ändern. Mit seiner Technologie sei es bereits gelungen, die Stand-by-Zeit von IoT-Geräten von 30 Tagen auf 2000 Tage zu verlängern, erzählt er. Hinzu kommt ein weiterer Vorzug von Adamczyks Ansatz: Er liefert die entsprechende Sicherheitssoftware für die Geräte gleich mit: «Während viele Lösungen meist nur bis zu einem vorgelagerten Verteiler Schutz bieten, sichern wir bis ganz hinunter zum Gerät.»

Kaufen kann man Adamczyks Produkte bereits in 27 Ländern. Auch die Schweizer Elektronikhändler verkaufen Geräte, in denen Technik des Zürcher Start-ups steckt. Allerdings reicht Adamczyk die Consumer-Elektronik nicht mehr aus. Als ihn die «Nordwestschweiz» zum Gespräch am Firmensitz in Zürich Höngg trifft, kommt Adamczyk gerade von einer Asienreise zurück. Mit einem grossen Haushaltsgerätehersteller habe er Gespräche geführt. Das Ergebnis: Seine energiesparenden Chips werden möglicherweise bald in Klimaanlagen in Asien verbaut. «Der industrielle Bereich und vor allem auch der asiatische Markt», sagt Adamczyk, «hebt uns noch mal in eine völlig neue Dimension.» Das habe mit den Stückzahlen zu tun. «Wenn ein europäischer Anbieter 1000 Prototypen bestellt, dann bestellt der asiatische eine Million.»

Virtual Global Systems

Urs Seeholzer hätte keinen treffenderen Standort für sein kleines Energie-Start-up wählen können. Direkt neben dem «Stern von Laufenburg», jenem Strom-Knoten, der seit über 50 Jahren die Netze von Frankreich, Deutschland und der Schweiz miteinander verbindet, hat der Co-Gründer und Chef der Virtual Global Systems AG (VGLS) die Zelte aufgeschlagen. In die alte Stromhandels-Zentrale der Axpo ist er eingezogen. Im selben Gebäude sitzt die Netzbetreiberin Swissgrid – noch, denn sie zieht bald nach Aarau. Zusammen mit Co-Gründer Gregor Martinovic und drei weiteren Mitarbeitern betreibt Seeholzer ein virtuelles Kraftwerk.

Das funktioniert so: VGLS sichert sich die Bezugsrechte für «brachliegende» Anlagen, etwa Notstromgeneratoren und Heizungen, und schliesst sie zu einem Pool zusammen. Auf die Geräte kann das Unternehmen nun zugreifen und die Leistung Swissgrid zur Verfügung stellen. Treten unerwartete Schwankungen im Netz auf, etwa weil die Einspeisung von Solaranlagen witterungsbedingt falsch berechnet wurde oder ein Atomkraftwerk ungeplant vom Netz muss, gleicht Swissgrid dies mit sogenannter Regelenergie aus. Den Markt dafür hat die Netzbetreiberin vor zwei Jahren liberalisiert – der Startschuss für VGLS.

Nominiert für Newcomer des Jahres: Virtual Global Systems

«Wie willst du mit drei Leuten ein virtuelles Kraftwerk bauen?», habe man ihn immer wieder ungläubig gefragt. Der Beginn sei in der Tat nicht leicht gewesen, erzählt er. Alle benötigten Komponenten selber herzustellen, beanspruche viel Zeit. «Die Geräte und die Software haben wir komplett selbst entwickelt», sagt Seeholzer. So sei Swiss ICT auf das Laufenburger Start-up aufmerksam geworden, hätte es dann genau unter die Lupe genommen und für den Award nominiert.

Das Konzept überzeugte auch einige Grosse der Energiebranche. Als Vertriebspartner gewann Seeholzer etwa die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich, die Genossenschaft Elektra Baselland sowie die AEW Energie AG aus dem Aargau. Diese stellen der Virtual Global Systems AG nicht nur eigene Anlagen für den Pool zur Verfügung, sondern vertreiben deren Produkt auch weiter. «Ein grosser Vorteil, wenn solche prominente Unternehmen das eigene Produkt vertreiben», sagt der VGLS-Chef.

Seit einem Jahr ist das Start-up aus Laufenburg am Markt. «Mit drei, vier Kunden haben wir begonnen», sagt Seeholzer. «Heute haben wir über 50 mit einer Nennleistung von insgesamt 70 Megawatt.» Darunter sind etwa das Laufwasserkraftwerk Aarau und die Notstromgeneratoren des Kantonsspitals Baden. Ende dieses Jahres soll das Unternehmen erstmals Gewinn abwerfen. «Wir sind jetzt rentabel», sagt Seeholzer. Für das kommende Jahr hat er Expansionspläne: Die West- und die italienische Schweiz sollen nun angegangen, der Personalbestand verdoppelt werden.

Newcomer des Jahres

Der vom Branchenverband Swiss ICT verliehene Swiss ICT-Award gilt als eine der wichtigsten Auszeichnungen der Informatikbranche. Er wird jährlich vergeben, in diesem Jahr am 15.11., also morgen Dienstag, in Luzern. Neben der Hauptkategorie wird auch der Newcomer des Jahres prämiert.

In dieser Kategorie treten die beiden vorgestellten Start-ups, Smart Home Technology aus Zürich und Virtual Global Systems aus Laufenburg, an. Die weiteren Nominierten für den Newcomer des Jahres sind:

Bestmile Ein Anbieter einer cloudbasierten Plattform zur Steuerung einer Flotte autonomer Fahrzeuge.

Nanolive Eine Firma, die mithilfe von 3-D-Technologie lebende Zellen erforscht.

Neeo Eine Solothurner Firma, deren Fernbedienung alle Geräte im Haus steuern kann.

Raphael Oberholzer stellt NEEO vor