Martin Senn, der hochgelobte Chef der grössten Versicherungsgesellschaft der Schweiz, gibt auf. Der Mann, der es vom Lehrling beim Basler Bankverein bis an die Spitze eines Weltkonzerns brachte, der die «Zürich» dank einer konservativen Anlagepolitik sicher durch die Finanzkrise manövriert hat, räumt Ende Jahr seinen Stuhl.

Dies nachdem zuvor schon Risiko-Chef Axel Lehmann abgesprungen war und bei der UBS landete.

Bei Senn war der Abgang zuletzt eine Frage der Zeit. Die Investoren, die Grossaktionäre und ihre Vertreter im Verwaltungsrat (VR) haben wochenlang an seinem Stuhl gesägt. Ein Headhunter aus London soll mit der Suche nach einem Nachfolger beauftragt worden sein, hiess es Anfang November.

Man war wohl unzufrieden über die Aktienentwicklung, wollte mehr Wachstum sehen. Man sah die rund 30 Milliarden Eigenkapital und hoffte darauf, dass Senn einen Teil davon lukrativ einsetzt. Doch Senn, der vor 10 Jahren von der Swiss Life zur «Zürich» – die heute offiziell Zurich Insurance heisst – wechselte, zögerte. Er zog im September die Kaufofferte an den britischen Konkurrenten RSA Insurance zurück.

Sachgeschäft macht Verlust

Der Grund für sein Zögern war ein internes Problem. Von aussen hat man lange nicht realisiert, dass im Kerngeschäft der Versicherung einiges im Argen liegt. Bauchschmerzen verursacht die grösste Sparte, das Sachgeschäft.

Seit September ist klar, dass hier wohl Ende Jahr einen Verlust eingefahren wird. 275 Millionen Dollar kostete alleine der Schaden, der bei den Explosionen in der chinesischen Hafenstadt Tianjin von Mitte August entstanden ist. Sorgen machte auch
das Geschäft mit Auto-Haftpflichtversicherungen in den USA. Lebensversicherungs-Chef Kristof Terryn wurde
im Oktober neu eingesetzt.

Der Unmut der Grossaktionäre, zu denen der Norwegische Staatsfonds sowie die US_Investmentfirma Black Rock gehören, ist verständlich: Seit Märzt hat die Aktie der Versicherung rund 20 Prozent verloren. Zweitweise ware es gar 30 Prozent. Das Vertrauen in Senn war dahin. 

Der unbekannte VR-Präsident

«Der Entscheid ist mir nicht leicht gefallen», sagte denn auch der Scheidende gestern an einer Telefonkonferenz. Das Timing sei jedoch mit Blick auf die Entwicklung des Unternehmens sehr gut: «Wir befinden uns am Ende des zweiten Drittels der Zurich-Strategie.»

Um das letzte Drittel der Strategie zu meistern, brauche es jemanden, der sich für fünf Jahre verpflichten wolle. Tom de Swaan, VR-Präsident der «Zürich», wie die 1872 gegründete Versicherung (deren Statuten vom damaligen Staatsschreiber und Dichter Gottfried Keller verfasst wurden) immer noch genannt wird, übernimmt.

Er sitzt seit 2006 im Verwaltungsrat (VR). Vor zwei Jahren rückte er an die Spitze, nachdem der ehemalige Chef der Deutschen Bank, der Schweizer Josef Ackermann, als Präsident seinen Rücktritt bekannt gab. Dies in Folge des Selbstmordes von «Zürich»-Finanzchef Pierre Wauthier. De Swaan ist als Vorsitzender des Nominations-Komitees im VR auch der Mann, der den Senn-Nachfolger suchen muss.

Turbulente Geschichte

Die «Zürich» hatte Ende der 1990er- Jahre eine turbulente Zeit hinter sich. Unter dem Vorsitz von Rolf Hüppi erlebte der Konzern eine enorme Expansion. Firmen wurden zugekauft, Ländergesellschaften im Ausland ausgebaut.

Aus einem mittelgrossen Schweizer Versicherungsunternehmen wurde einer der grössten und komplexesten Finanzdienstleister der Welt, der von der Globalisierung der Wirtschaft profitieren wollte. Spätestens mit der Zusammenlegung mit der Versicherungseinheit der britischen BAT 1996 rückten die Schweizer in die Topliga der Branche auf.

Gleichzeitig erschien der Koloss kaum mehr führbar, es reihten sich Managementfehler an Managementfehler. Rolf Hüppi musste 2002 nach vierzig Jahren Tätigkeit für die «Zürich» den Schreibtisch räumen. Der inzwischen verstorbene James Schiro lenkte die Gesellschaft in ruhigere Bahnen.

Wohin mit dem vielen Geld

Nun stellt sich die Frage, wer die Nachfolge Martin Senns übernehmen soll. Als möglicher Kandidat gilt Swiss-Life-Chef Patrick Frost, aber auch Kristof Terryn. Ausserdem stellt sich die Frage, wie die 3 Milliarden an Überschusskapital verwendet werden sollen.

Dies nachdem der Kauf von RSA abgeblasen wurde. Analysten gehen davon aus, dass jetzt Aktienrückkäufe oder Sonderdividenden damit finanziert werden könnten. Erst im Februar 2016 gibt es darüber Klarheit.