Abbau

Zement-Riese Holcim leidet an der Spanischen Grippe

Zementwerk im südspanischen Lorca wird endgültig dichtgemacht. HO

Zementwerk im südspanischen Lorca wird endgültig dichtgemacht. HO

Der Zement-Konzern streicht in Spanien ein Drittel der Jobs und schliesst auf Ende Jahr ein Produktionswerk. Betroffen sind maximal 295 Arbeitsplätze an verschiedenen Standorten. Bis wann die Massnahmen umgesetzt werden, ist noch offen.

Holcim hängt den Jobabbau in Spanien nicht an die grosse Glocke. Lediglich auf der spanischen Website des Zementkonzerns findet sich ein dürres Communiqué. Darin gibt Holcim Pläne zum Abbau von gut einem Drittel der Belegschaft in Spanien bekannt. Betroffen sind maximal 295 Arbeitsplätze an verschiedenen Standorten auf der Iberischen Halbinsel. Auf diese Zahl und einen Sozialplan hat man sich nach Verhandlungen mit Arbeitnehmervertretern Anfang des Monats geeinigt.

So wird das Zementwerk in der südspanischen Stadt Lorca bis Ende Jahr stillgelegt. Es wurde in den 1960er-Jahren errichtet. Zuletzt arbeiteten dort noch 60 Mitarbeiter. Ebenfalls werden die beiden Zementöfen im zentralspanischen Werk Yeles auf unbestimmte Zeit heruntergefahren. Auch bei Baumaterialien wie Zuschlagsstoffen, Beton oder Mörtel plant Holcim, den Output zu drosseln und «einige Einrichtungen» ganz zu schliessen. Daneben soll die Administration zentralisiert und gestrafft werden.

Jede dritte Stelle fällt weg

Nach Abschluss der Restrukturierung dürften noch rund 750 Mitarbeiter für Holcim España arbeiten. Bis wann die Massnahmen umgesetzt werden, ist gemäss Konzernsprecher Peter Stopfer noch offen. Laut Geschäftsbericht 2011 waren per 31. Dezember letzten Jahres noch 1257 Mitarbeiter in Spanien beschäftigt. Damit hat der Schweizer Zementriese innert Jahresfrist in Spanien mehr als jede dritte Stelle gestrichen. Nicht zuletzt ist der Abbau auch in den über 30 Transportbeton-Zentralen erfolgt, die durch den boomenden Wohnbau getrieben waren. Als Grund für den drastischen Sparschnitt führt Holcim España die seit fünf Jahren andauernde Rezession auf dem spanischen Zementmarkt an. Seit dem Höhepunkt der Immobilienblase im Jahr 2007 sackte der Zementabsatz um 63 Prozent ab.

Auch in den ersten Monaten 2012 hat sich die Lage für die spanische Ländergesellschaft nochmals drastisch verschlechtert: In den ersten vier Monaten ist der Absatz im Vergleich zur Vorjahresperiode um 40 Prozent eingebrochen. Prognosen gehen davon aus, dass der Zementverbrauch von 20 Millionen Tonnen im letzten Jahr nochmals um 25 Prozent schrumpfen könnte. Zum Vergleich: Holcim España hatte vor der Restrukturierung einen jährlichen Output an Zement von gut 5 Millionen Tonnen. Die aufgebauten Überkapazitäten sind also substanziell.

Schliessen kommt teuer: Bereits Anfang Januar musste Holcim im europäischen Geschäft einen Abschreiber auf Sachanlagen und Goodwill über 328 Millionen Franken verbuchen, drei Viertel davon in Spanien. Im Mai erfolgte dann die Sanierung der Bilanz. Der Schweizer Mutterkonzern, zu 99,9 Prozent stimmberechtigt bei der spanischen Tochter, musste mittels Kapitalerhöhung frisches Geld einschiessen: Holcim España gab knapp 55 Mio. neue Stammaktien aus im Gegenwert von 325 Millionen Euro.

Das vorläufige Ende einer «Boom and bust»-Phase, für die der frühere Konzernchef Markus Akermann verantwortlich zeichnete. Als sich die Lage auf dem spanischen Immobilienmarkt bereits verdüsterte, kaufte Holcim noch zu. Dies, um in Katalonien Fuss zu fassen und die vertikale Integration mit Zuschlagsstoffen, Transportbeton und Trockenmörtel in Spanien voranzutreiben. Mitte 2008 erwarb der Baustoff- vom Bergbaukonzern Anglo American die Tochter Tarmac Iberia mit über vierzig Transportbetonzentralen und acht Steinbrüchen. Knapp 150 Millionen Euro liess sich Holcim den Zukauf kosten.

Ein richtiger und wichtiger Kauf

«Mit der Akquisition verstärken wir uns aus strategischer Sicht in einem wichtigen europäischen Markt», liess der Zementriese damals in der «Handelszeitung» verlauten. Dass sich die Konjunktur abkühlen werde, habe man gewusst – Akquisitionen in der Baustoffindustrie würden nicht aus kurzfristiger Perspektive beurteilt. Der Kauf sei nach wie vor richtig und wichtig, so der Pressesprecher damals.

Holcim ist seit 1980 in Spanien aktiv. In dem südeuropäischen Land hat in den letzten 20 Jahren eine gigantische Übertreibung auf dem Immobilienmarkt stattgefunden. Statt auf Aktien spekulierten die Iberer auf Wohneigentum. Noch 2006 wurde mit dem Bau von fast 800000 Wohnungen begonnen, mehr als in Deutschland, Frankreich und Italien zusammen.

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