Herr Straubhaar, Sie haben den Blick von aussen auf die Schweiz. Wie geht es uns?

Thomas Straubhaar: Fantastisch! Wir haben nahezu Vollbeschäftigung, der Wohlstand nimmt unverändert zu. Die Menschen sind zufrieden, sie bezeichnen sich gemäss neusten Studien sogar als glücklich. Auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit ist hoch, zudem gibt es kaum soziale Spannungen. Im europäischen Vergleich steht die Schweiz sehr stabil da.

Haben wir Glück gehabt oder sind wir besser als alle anderen?

Das Glück spielt eher historisch eine Rolle – nach dem Zweiten Weltkrieg sind wir mit Vorsprung gestartet. Heute ist anderes entscheidend: Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Offenheit, Minderheitenschutz, und das alles abgesichert durch funktionierende Institutionen. So gesehen war es auch Glück, dass im Bürgerkrieg von 1848 die Vernunft siegte.

Die Demokratie als Schlüssel zum Erfolg?

Davon bin ich mehr denn je überzeugt. Und das, obwohl zu viel Demokratie auch hemmt. Mitspracherecht verzögert Projekte und schafft Probleme. Nichtsdestotrotz hat die Schweiz mit ihrem eher trägen System eine gute Antwort auf die beschleunigte Globalisierung gefunden.

China baut eine neue Bahnlinie in kürzester Zeit, bei uns dauert es Jahrzehnte. Was soll daran gut sein?

Eine gewisse Bedächtigkeit verhindert Fehler. Ich gebe zu, dass ich in diesem Punkt meine Meinung geändert habe: Ich glaube nicht mehr an grosse Würfe und an eine Politik, die alles richtig macht. Und ich glaube auch nicht an starke politische Führer, trotz des Vorteils, dass sie Dinge schnell verändern können. Unser System ist vergleichbar mit einer Autofahrt im dichten Nebel: Sie kommen zwar nur langsam vorwärts, können den Hindernissen aber ausweichen – und krachen nicht mit vollem Tempo, aber ohne etwas zu sehen, in die Wand.

Europa steckt in der Schuldenkrise, die Schweiz ist nicht Teil der EU. Aber wie unabhängig sind wir?

Das Abseitsstehen hat auf den ersten Blick immense Vorteile. Wir sind flexibler, wir können eine eigenständigere Politik betreiben, insbesondere eine eigenständigere Geldpolitik …

. . . der Schweizer Franken ist seit über zwei Jahren an den Euro gekoppelt.

Das ist ein wichtiger Punkt für den zweiten Blick. Er zeigt, dass die Unabhängigkeit oft eine Illusion geworden ist. Durch den Mindestkurs wurde die Nationalbank zu einer der weltgrössten Euro-Spekulantinnen. Würde der Euro zusammenbrechen, dann müsste die Nationalbank Abschreibungen tätigen, die nicht verkraftbar wären. Nur schon deshalb sind Schadenfreude und Eitelkeit gegenüber der EU deplatziert. Die Schweiz ist existenziell mit der EU verbunden. Als Aussenseiter haben wir in den vergangenen dreissig Jahren von diesem grossen Raum und dessen dynamischer Entwicklung enorm profitiert.

Wann kann die Nationalbank den Mindestkurs aufgeben?

Die Chance steigt mit jedem Tag, an dem es dem Euro und Europa besser geht. Das ist in der realen Wirtschaft durchaus der Fall. Das zeigt sich am Euro, der sich langsam bei Fr. 1.23 einpendelt. Bei einem Eurobestand von 200 Milliarden Euro bringt jede Abschwächung des Schweizer Frankens um einen Rappen der Nationalbank einen Währungsgewinn von 2 Milliarden ein! Gut möglich, dass die Nationalbank mit einem riesigen Gewinn aus dem Mindestkurs herauskommt.

Wird die Schweiz ihren Wohlstand dauerhaft halten können?

Nicht ohne eigene Anstrengungen. Es ist nicht gottgegeben, dass es uns immer besser geht als den anderen. Auch wenn die Voraussetzungen dazu exzellent sind: Die Schweiz ist in Europa das einzige Land, das eine wachsende Bevölkerung ausweist. Aus makroökonomischer Sicht ist das ein Vorteil.

Aber ist das nachhaltig? Die Zuwanderung kann nicht auf längere Zeit so weitergehen, bereits heute stagniert das Bruttoinlandprodukt pro Kopf.

Richtig. Schon zu meiner Zeit als Student gab es eine Studie, die der Schweiz in absehbarer Zukunft zehn Millionen Einwohner voraussagte. Jetzt sind wir bei acht. Und ich gehe nicht davon aus, dass es in diesem Tempo weitergeht. Aktuell profitieren wir von der Zuwanderung: Wir können in den nächsten zehn Jahren auf einen grösseren Pool an Fachkräften zugreifen. Das geht anderen Ländern, insbesondere Deutschland, nicht so.

In der Schweiz steht die 1:12-Initiative an. Wäre ein Ja wirklich so schlimm, wie die Wirtschaft einhellig sagt?

Ja. Rein ökonomisch betrachtet, gibt es zwar meistens keinen Grund, wieso ein Chef mehr als zwölfmal mehr verdienen soll als die Putzfrau. Und auch die Drohungen, dass keine guten Manager mehr gefunden würden, erachte ich als haltlos. Aber auch wenn es heute überrissene Gehälter gibt, heisst das noch lange nicht, dass es dagegen ein Gesetz braucht. Das muss der Aktionär regeln. Als Eigentümer würde ich meinen Managern klare Grenzen aufzeigen: bis hierher und nicht weiter! Und auch der Kunde muss ja kein Produkt eines Herstellers kaufen, der überrissene Gehälter zahlt.

Wenn ich krank bin, verzichte ich kaum auf ein Novartis-Medikament, nur weil der CEO Millionen kassiert.

Das stimmt. Ich bin aber überzeugt, dass die Schweizer Wirtschaft mit der Minder-Initiative ihre Lektion gelernt hat. Jetzt ist jedem klar: Es besteht ein Missbehagen über zu hohe Managergehälter, das man ernst nehmen muss. Persönlich halte ich nichts davon, ausgerechnet in der Schweiz den Gesetzgeber bei der Definierung der Löhne mitreden zu lassen. Das ist gefährlich für die Beschäftigungsstabilität. Zudem verdienen die unten nicht mehr, wenn die oben weniger haben.

Sie leben seit zwanzig Jahren in Hamburg. Wie hat sich Ihr Bild der Schweiz verändert?

Ich betrachte tatsächlich gewisse Dinge anders. Mir fällt die eher abgeschlossene Gesellschaft auf, die es Menschen aus dem Ausland schwer macht, sich zu integrieren. Aber in anderen Ländern sind die sozialen Spannungen gravierender: In Schweden brennen die Vororte, in Holland sind Rechtsradikale auf dem Vormarsch. In der Summe aber macht die Schweiz im internationalen Vergleich sehr viel richtig.

Derzeit trommelt Christoph Blocher mit Kriegsrhetorik gegen die EU. Wann wird sich unser Verhältnis zur EU normalisieren?

Es hat sich schon normalisiert. Sie können heute mit dem Thema Europa längst nicht mehr so mobilisieren wie in den 1990er-Jahren. Denn es herrscht heute Konsens darüber, dass es keine weiteren Schritte Richtung EWR, Euro oder EU geben wird. Das ist schlicht nicht auf der Agenda, weil es die Schweizer nicht wollen. Gleichzeitig haben neun von zehn Schweizern verstanden, dass wir mit Europa existenziell zusammenhängen.

Warum hat die Schweiz weniger Freunde in Europa als auch schon?

Es gibt eine schöne Metapher: Die Schweiz ist wie eine Monopolistin in einem Markt, sie hängt dies aber nicht an die grosse Glocke. Denn die Monopolistin weiss haargenau, dass das Kartellamt Einschränkungen verfügt, sobald es erfährt, dass es der Monopolistin zu gut geht. Die Schweiz hat mit den bilateralen Verträgen eine einmalig privilegierte Stellung in Europa. Der wohl grösste Freund in Europa, Deutschland, wird sich nun mehr und mehr bewusst, wie bevorzugt die Schweiz ist. Die Unterstützung schwindet – nicht nur bei Peer Steinbrück. Deshalb auch der Druck auf Banken und auf das Bankgeheimnis . . .

. . . das de facto nicht mehr existiert.

Das Bankgeheimnis in Österreich und Luxemburg ist heute in der Tat wesentlich besser geschützt als in der Schweiz. Keine Schweizer Bank kann sich mehr erlauben, nicht absolute Transparenz zu schaffen und eine Weissgeld-Strategie zu verfolgen.

Und trotzdem geht es den Banken erstaunlich gut.

Mich erstaunt das nicht. Ich habe in meinem Leben verschiedene Fehlprognosen gemacht – aber in diesem Punkt sagte ich schon immer, dass das Wohl des Schweizer Finanzplatzes nicht vom Bankgeheimnis abhängt. Die innere Stabilität der Schweiz, die politische Unabhängigkeit, der Schweizer Franken, das gut ausgebildete Personal – das alles sind riesige Vorteile.

Warum aber ist ausgerechnet das Verhältnis zu Deutschland derart schlecht geworden?

Die Stimmung ist gekippt. Deutschland ist das EU-Land, das immer zahlen muss, die Leute haben das Gefühl, dass die ganze Last der Euro-Rettung auf deutschen Schultern ruht. Dadurch sinkt das Verständnis für Länder, die sich nicht dieser Verantwortung stellen. Für die Stabilisierung der Eurozone braucht es Steuergelder. Wenn solche nun in die Schweiz verschoben werden, trifft das auf wenig Verständnis.

Ist Angela Merkel oder Peer Steinbrück besser für die Schweiz?

Das ist völlig irrelevant, in der Position gegenüber der Schweiz gibt es bei den beiden keine Unterschiede.

Ist der Euro eigentlich über den Berg?

Die Talsohle ist erreicht. Das Tal hat aber keine V-Form, sondern eine U-Form. Es können jederzeit wieder Turbulenzen auftreten. Bei aller Unsicherheit sagte ich immer, entgegen der Meinung vieler Kollegen: Es gibt kein Zurück. Es wird in Europa keine politischen Mehrheiten für die Abschaffung des Euros geben. Der Euro muss sich nun durchwursteln, das kostet viel, und ich schliesse nicht aus, dass mal ein einzelnes Land aus dem Euro austritt.

Wäre das denn so schlimm?

Nein, solange klar ist, dass es sich um einen Einzelfall handelt, dass es also nicht zu einem Dominoeffekt führt. Darin besteht die Schwierigkeit. Die Ökonomie ist wie ein Strategiespiel. Man muss sich irgendwann fragen, wie viel Geld man einzelnen Ländern zahlt, damit sie freiwillig austreten.

Was wird der Bürger von der enormen Verschuldung der EU-Staaten spüren?

Meine These: Es wird erstens Steuererhöhungen geben. Und zweitens werden die Staaten weniger Geld ausgeben, was für jeden ersichtlich wird – Schlaglöcher in den Strassen, weniger Bildungsangebote etc. Zudem wird es wohl zu einer schleichenden Inflation kommen, einer Steuer durch die Hintertüre sozusagen.

Dann wird es also zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg einer Generation schlechter gehen als der vorangehenden?

Für weite Teile Europas stimmt das. Allerdings wird dadurch auch der Ehrgeiz angetrieben. Für die Schweiz bin nicht so pessimistisch. In Deutschland kann es auf die eine oder andere Seite kippen.

Entgegen dem Mainstream sagen Sie, dass Asien Europa nicht überholen wird. Warum nicht?

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Systeme, die auf Individualität und guten Institutionen beruhen, besser abschneiden. Es braucht kluge, selbstständige Menschen, die reagieren und mitdenken. In Asien wird kaum Rücksicht auf individuelle Grundrechte genommen.

Aber Asien wächst gewaltig.

Natürlich. Und ich hoffe, dass es stabil bleibt. Die Maslowsche Pyramide erklärt dies: Am Anfang geht es um die Grundbedürfnisse, ums Überleben. Erst später kommen die individuellen Bedürfnisse, die derzeit in Asien kaum existieren. Die Sowjetunion brach innerhalb von Monaten zusammen. In China könnte das Gleiche passieren – was ich nicht hoffe. Die hiesige Industrie muss aber auch aufpassen, dass sie nicht blindlings in die Abhängigkeit von Asien rennt. Ich rate Unternehmen, auch auf die USA zu setzen. Sie haben bewiesen, dass sie sich immer wieder erholen. Und sie stehen uns kulturell trotz aller Differenzen deutlich näher.