Wirtschaftskrise
Wirtschaftshistoriker: «Die Menschen befinden sich in einer kritischen Situation»

Der Schweizer Wirtschaftshistoriker Hansjörg Siegenthaler spricht im grossen Interview mit der «Nordwestschweiz» über die Wirtschaftskrise und die Problematik der Idee des Homo Oeconomicus und den Paradigmenwechsel in der Forschung.

Marc Fischer
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Hansjörg Siegenthaler

Hansjörg Siegenthaler

Karin Vonow

Herr Siegenthaler, die Welt stolpert von einer Wirtschaftskrise in die nächste. Hat die Ökonomie versagt?
Hansjörg Siegenthaler*: Man war früher der Meinung, die Aufgabe der Ökonomen bestehe darin, die parametrischen Systeme der ökonomischen Modelle empirisch zu fundieren. Man bastelte Modelle mit 100 Variablen und versuchte sie mit statistischen Daten zu alimentieren. Das hatte aber einen nur sehr mässigen Erfolg. Schon in den 1970er Jahr merkte man, dass es mit der Stabilität der Parameter nicht allzu weit her ist. Das wurde in der jetzigen Krise bestätigt.
Also haben die Wirtschaftswissenschaften versagt?

Sie ringen mit zwei sehr verschiedenen Problemen. Das erste betrifft die Prognosefähigkeit ihrer Makromodelle. Ausserdem sind dem heuristischen Wert des Bildes, das sie vom Menschen als einem Homo Oeconomicus entworfen haben, Grenzen gesetzt. Sie unterstellen, dass Menschen in vollkommenem Einklang mit ihren Präferenzen und mit ihren Erwartungen handeln, dass sie in diesem Sinne rational sind. Auf diese Rationalitätsunterstellung stützte sich nota bene auch die klassische Hermeneutik...
...also die Lehre von der Auslegung von Texten...

Genau. Auch die klassische Hermeneutik ging davon aus, dass ein Autor in seinem Denken und Schreiben konsistent sei. Wenn er konsistent ist, kann ich von dem, was ich verstehe, auf dasjenige schliessen, was ich nicht verstehe. Die Erschliessbarkeit vom Sinn einer Handlung ergibt sich unter der Annahme, dass derjenige, der spricht und handelt, konsistent ist. 99 Prozent aller Forschung der klassischen Ökonomie war nichts anderes als die Explikation dieser Implikation. Und mit dieser Rationalitätsunterstellung hat auch die Ökonomie sehr viel zum Verständnis der Menschen und ihres Handelns beigetragen.
Also braucht die Ökonomie gar nichts hinzuzulernen?

Doch, doch. Im Bereich der Ökonomie gibt es gerade an der Universität Zürich eine sensationelle Entwicklung. In den letzten Jahren hat sich ein regelrechter Paradigmenwechsel ereignet. Man betreibt empirische Wirtschaftsforschung in einem neuen Sinn.
Wie sieht das aus?

Die empirische Forschung bezieht sich nicht mehr auf makroökonomische Daten, sondern auf den Menschen. Sie macht den Menschen zum Objekt der empirischen Forschung. Sie schliesst auch an die empirische Psychologie an und an die Neurobiologie. Man sucht letztlich eine Art gefestigte Anthropologie, die uns erlaubt, in der Modellierung von Makrozusammenhängen sich auf ein tragfähiges empirisches Gerüst zu stützen. Man rückt dabei vollkommen ab von der Idee, dass der Mensch rational sei.
Was ist er dann?

Menschen sind stark geleitet von dem, was sie für fair oder unfair halten, das heisst von ihren Fairness-Standards. Sie sind aber auch von der Erwartungsbildung gesteuert. Sie lernen. Amerikanische Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang von «believes» und «preferences». Man kann weder die Vorstellungen der Menschen über die Welt und die Zukunft, noch die Präferenzen reduzieren auf irgendwelche Rationalität. Die Menschen befinden sich in einer ganz kritischen Situation, was die Erkennbarkeit der Welt betrifft. Unsere Erkenntnis ist ja nur ein niemals endgültig zu begründendes Geflecht von Hypothesen.
Alles was ist, könnte auch anders sein?

Ganz so beliebig ist es nicht. Das zeigt sich auch in der Kommunikation. Wir sind in einem kommunikativen Zusammenhang verankert. Das ist ein evolutiver Prozess, in dem zwar viele Ideen produziert werden, sich aber nicht alle bewähren.
Was heisst das?

Das Gespräch ist ein Prüfstand. Auf diesem Prüfstand bringt man seine Vorstellungen und sie können scheitern. Derzeit ist man verstärkt auf der Suche nach Klärung seiner Vorstellungen. Man hört sich um. Politische Parteien lassen Versuchsballone steigen. Dabei ist das mediale Interesse an diesem oder jenem Vorschlag, an dieser oder jener Formulierung ein Gradmesser für ihre Resonanzfähigkeit. Deshalb ist die mediale Diskussion zentral, um Wege aus der Krise heraus zu finden.
Sind die von Ihnen erwähnten neuen ökonomischen Modelle weniger krisenanfällig?

Im Keynesianismus war man wirklich überzeugt, dass man Krisen künftig verhindern kann. Dieser Anspruch hat die empirische Ökonomie nicht. Ich glaube man muss die Offenheit des historischen Prozesses ernst nehmen. Es wäre eine überrissenen Ambition, von der Wissenschaft eine Aufhebung aller Krisenträchtigkeit historischer Entwicklungen zu erwarten. Wir haben viele Gründe zur Annahme, dass wir auch in Zukunft mit schweren Krisen werden leben müssen.
Könnten die neuen Medien uns aus dem Krisen-Dilemma bringen?

Wenn sie uns dazu verhelfen, die Überzeugungen und Interessen unserer Gegner oder Konkurrenten besser zu verstehen. Wenn es unterschiedliche Überzeugungen gibt in einer Gesellschaft, sollten diese auch Gehör finden. Das gilt auch für das Problem der zentralen oder dezentralen Steuerung der Wirtschaft. Wenn man zu einem gemeinsamen Verständnis der Probleme gelangt, d.h. der logistischen Probleme komplexer Organisationen, dann kann man sich auch auf eine gemeinsame Lösung der Probleme zubewegen. Ich bin nicht sicher, ob uns in diesem Prozess soziale Medien weiterhelfen.
Nicht sicher?

Der Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich kommt zum Schluss, dass grosse Teile der neuen Medien inhaltsarm sind. Und keine gute Grundlage für die beschriebenen Kommunikationsprozesse bilden.
Also suboptimale kommunikative Rahmenbedingungen, um der derzeitigen Wirtschaftskrise Herr zu werden?

Für den Kommunikationsprozess ist die Formation von Gesprächskreisen mit lernbereiten Leuten zentral, um einen Ausweg aus der Krise zu finden. Die Technik ist sekundär. Mit den neuen Medien ändert sich nicht wahnsinnig viel.
Sind neue Medien vielleicht auch ein Hindernis, weil mehr mitgeteilt wird und dadurch der Kommunikationsprozess nicht klarer, sondern komplexer wird?

Man kann heute viel kommunikativen Lärm sehr billig produzieren. Das ist ein Problem. Die Menschen brauchen zum Leben nur einen Bruchteil der Informationen, die der moderne Medienapparat produziert. Man wird bald lernen, dass man heute zwar sehr viel Kommunikation produzieren kann, aber damit sehr wenig Wirkung erzielt. Wenn Kommunikation wirkungslos bleibt, wird man sich auch die Kosten sparen wollen und die Produktion wieder runterfahren.
* Hansjörg Siegenthaler lehrte bis 1998 als Ordinarius der ökonomischen Fakultät der Universität Zürich Wirtschaftsgeschichte. Von 1998 bis 1999 war er am Wissenschaftskolleg in Berlin tätig. Heute lebt er in Sent (Unterengadin) und Zürich. Er war wissenschaftlicher Gutachter für die neue «Wirtschaftsgeschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert», die dieser Tage im Verlag Schwabe erschienen ist. Im kommenden März feiert Siegenthaler seinen achtzigsten Geburtstag.

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