Bankendeal

Wirtschaftsethiker: «CS-Chefetage trägt Verantwortung nicht allein»

CS-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner (rechts) und CS-Konzernchef Brady Dougan an der diesjährigen Generalversammlung vom 9. Mai.

CS-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner (rechts) und CS-Konzernchef Brady Dougan an der diesjährigen Generalversammlung vom 9. Mai.

Bankenkritiker Ulrich Thielemann übt fast schon Nachsicht mit der CS. Für ihn lautet die Frage: Wie kann die Schweiz das aus seiner Sicht überdimensionierte Banking kontrolliert zurückfahren?

Die CS muss in den USA eine gewaltige Busse bezahlen und als erste Grossbank seit einem Jahrzehnt kriminelles Verhalten eingestehen. Dennoch sagt Verwaltungsratspräsident Urs Rohner, die CS-Führung habe «eine weisse Weste».

Ulrich Thielemann: Ich würde die Frage nach persönlichen Verfehlungen zurückstellen. Die Chefetage der Credit Suisse steht nicht alleine in der Verantwortung. Mich interessiert mehr: Was war das für eine Kultur, die die systematische Beihilfe zur Steuerhinterziehung ermöglichte? Die offizielle Schweiz gab den Banken mit dem Bankgeheimnis über Jahrzehnte die moralische Erlaubnis, sich an Steuerausländern gütlich zu tun, wo auch immer sie zu finden waren.

Also trifft die CS-Führung keine Schuld?

Ich spreche sie nicht von einer Verantwortung frei. Ich weite bloss das Feld aus. Politiker, Wirtschaftsführer, Banken und die Medien machten, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, die Beihilfe zur Steuerhinterziehung zum legitimen Alleinstellungsmerkmal des helvetischen Bankenplatzes. Es gehörte zur von höchster Stelle autorisierten Staatsräson der Schweiz. Es galt als schicklich, andere Länder für ihre angeblich zu hohen Steuersätze zu kritisieren und ihnen die Schuld dafür zu geben, dass ihre Bürger ihr Geld bei den Schweizer Banken versteckten. Obwohl die Eidgenossenschaft ein moralischer Rechtsstaat ist, gelang es ihr nicht, sich aus eigener Kraft von dieser unmoralischen Praxis zu lösen. Dies halte ich nach wie vor für bedauerlich.

Trotzdem: Die CS-Führungsriege bezieht für ihre Arbeit ein Millionensalär. Da darf man doch erwarten, dass sie hinsteht und persönlich die Verantwortung für das Geschehene übernimmt.

Dass Beihilfe zur Steuerhinterziehung falsch ist, wissen wir nicht erst seit gestern. Diese Manager haben lange in einem Umfeld gearbeitet, in dem Kritik unmöglich war. Wer diese Praxis für moralisch verwerflich hielt, und das so sagte, verspielte seine Karrierechancen. Der verstorbene Zürcher Bankier Hans J. Bär wurde für seine frühe Kritik am Bankgeheimnis öffentlich gedemütigt.

Die einst vorherrschende Kultur bei den Banken und in der Politik mildert also das Verschulden des Einzelnen?

Über die persönliche Verantwortung des Einzelnen kann man nur spekulieren. Urs Rohner sagt immerhin seit einiger Zeit, Beihilfe zur Steuerhinterziehung sei moralisch falsch. Ich finde, das ist ein Fortschritt und verdient Anerkennung.

Kann die CS nach dem Schuldeingeständnis mit der alten Führung einen Neuanfang machen?

Die Bank hat diesen Neuanfang auf Druck der USA längst begonnen. Mittlerweile lehnt sie Schwarzgeld kategorisch ab. Täte sie das nicht, würden ihr die USA die Lizenz entziehen, was für eine Grossbank wie die CS das Ende bedeuten würde.

Wie sehen Sie die Zukunft des Bankenplatzes Schweiz?

Die Welt ist overbanked. Global gesehen gibt es viel zu hohe Kapitalbestände und viel zu viele Banker, die dieses Kapital weiter vermehren wollen. Die Frage lautet auch für die Schweiz, wie dieses überdimensionierte Banking kontrolliert zurückgefahren werden kann. Wir stehen vor komplexen Fragen.

Das Bankgeheimnis im Inland existiert bis heute. Wird es überleben?

Ich vermute, dass auch seine Tage gezählt sind. Faktisch gilt diese angebliche Privatsphäre nur für Personen mit einem hohen Kapitaleinkommen. Als Beschäftigter jedoch hat man einen Lohnausweis und kann nichts vor dem Fiskus verbergen. Wenn die Schweizer Bevölkerung das einmal durchschaut, wird sie sich fragen, warum man hohe Einkommen mit dem innerstaatlichen Bankgeheimnis steuerlich privilegieren sollte. Es ist ja nicht so, wie gerne mit dem Begriff der «Privatsphäre» in Steuersachen suggeriert wird, dass der eigene Kontostand mit der Abschaffung schon am nächsten Tag in der Zeitung steht. Selbstverständlich unterliegen die Steuerbehörden dem Steuergeheimnis.

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