Vom Walliser Winterort Saas-Fee wurde er vor zwei Jahre aus der Flasche gelassen. Mit dem «Hammer-Deal» wurde eine einst 1000-Franken-Jahreskarte zu 222 Franken angeboten. Ein Jahr später zog die Konkurrenz im Berner Oberland nach. Die vier grössten Skigebiete boten einen TopVier-Skipass zu 666 Franken. Dieses Jahr wirbt das Bündner «Engadin St. Moritz» mit dem «Snow-Deal». Wer früh buche, profitiere von einem Rabatt auf den Skipass. «Bis zu 30%.»

Im Winter 2018/2019 herrscht der geizige Geist über die Jahreskarten, aber doch nicht total. Es gibt etwa die «Topcard», die dieses Jahr von drei Bündner Skigebieten gemeinsam angeboten wird: Arosa Lenzerheide, Laax und Davos Klosters. Mit 1300 Franken pro Erwachsener, 2700 für Familien wird hier nicht dem Billig-Geist gehuldigt. Die «sackstarke Bündner Karte» ist vor allem ein marketingtechnischer Gegenschlag. Familien haben aber etwas davon: Kinder fahren bis 17 Jahre gratis, «Kinder» bis 35 für 275 Franken.

Bei allem Tamtam der Werbetrommeln bleiben Jahreskarten ein Nebenschauplatz. Ungleich mehr Geld verdienen Bergbahnen mit Tages- und Mehrtageskarten, weshalb sie vom Verband «Seilbahnen Schweiz» regelmässig «Rückgrat des Skiticket-Markts» genannt werden. Auf diesem Schauplatz ist neuerdings viel Bewegung drin. Dynamische Preise, bekannt aus Flugbranche oder Hotellerie, haben Einzug gehalten im kriselnden Schweizer Wintergeschäft. Und die Branche ist sich uneins, ob damit vieles wieder besser wird – oder Geiz auch bei den Tageskarten geil wird.

Eigentlich sind dynamische Preise längst nicht mehr neu in den Schweizer Bergen. Wie in Laax gebetsmühlenartig wiederholt wird, stellte Bergbahnen-Chef Reto Gurtner seine «Weisse Arena» vor sieben Jahren um auf dieses System. Seither lässt Gurtner – vom Boulevard genannt «Rockstar unter den Bergbahn-Chefs» – den Preis täglich bestimmen durch Erfahrungswerte, Buchungszeit, Wetteraussichten oder der Zahl bereits verkaufter Tickets. Doch als der «Rockstar» handelte, tat die Branche dies wohl ab als Gehabe eines schrägen Vogels. Damals bewegte sich nichts.

Das ist nun anders, im dritten Winter seit dem Saaser Hammer-Deal. Andermatt Sedrun UR machte den Anfang – ein anderes Skigebiet, wo eine starke Figur den Gang der Dinge bestimmt. Der ägyptische Milliardär Samih Sawiris hat das ehemalige Festungsdorf Andermatt für eine Milliarde Franken in ein Luxusresort verwandelt, was ihm den Übernamen «Alpenpharao» eintrug. Seither gibt es eine Untergrenze für die Preise. Aber wie teuer eine Tageskarte werden kann, hängt alleine von der Nachfrage ab. Sprich, auch Preise von über 100 Franken sind möglich, gar erwünscht.

Ende der Einheitspreise

Arosa Lenzerheide bietet Frühbucher-Rabatte an, die unter anderem von der Nachfrage abhängen. Engadin St. Moritz wechselt auf diesen Winter auf ein vollautomatisiertes «Dynamic Pricing». In Zermatt wurde diesen Herbst «das Ende der Einheitspreise» verkündet. Zugleich wird der Gast beruhigt, es gehe nicht generell um Preissteigerungen. Sondern es soll Nachlässe geben, wenn das Interesse geringer ist. So werden im Idealfall neue Gäste angelockt. In der Hauptsaison, wenn der Andrang gross ist, wird der Winterspass etwas teurer.

Die Branche ist gespalten. Bringen dynamische Preise nun eine Wende zum Besseren? Dann würden dank günstigen Preisen wieder mehr Gäste in die winterlichen Schweizer Berge gelockt. Zuletzt verbuchte die Branche rund 25 Prozent weniger Skitage als zwölf Jahre zuvor. Oder greift mit dynamischen Preisen der «Geiz ist geil»-Geist über auf die Tageskarten? Dann würden die durchschnittlichen Preise sinken, die Einnahmen ebenfalls und die Bilanzen vieler Bergbahnen noch mehr strapaziert. Bereits heute verdienen zwei Drittel nicht genug Geld.

In St. Moritz sagen sie, die eigenen dynamischen Preise seien keineswegs eine Fortsetzung der Rabattschlacht. «Wir gehen davon aus, dass wir den durchschnittlichen Preis halten können – oder sogar leicht erhöhen», sagt Thomas Rechberger, Projektleiter bei Engadin St. Moritz Mountain Pool. Mit dieser Erwartung habe man das System aufgesetzt. «Wir würden die Parameter anpassen, sollte es anders herauskommen.» Die Titlis Bergbahnen zählen zu den Kritikern. Marketingchef Peter Reinle sagt: «Wir studieren den Trend genau. Unserer Ansicht nach werden die durchschnittlichen Preise eher nach unten dynamisiert.» Zwar müsse es nicht zwingend so kommen. «Aber man muss sehr aufpassen. Gehe ich es falsch an, muss ich in Spitzentagen massive Aufschläge verlangen – und verärgere die Gäste.»

Wer recht behält – das würden die kommenden Jahre zeigen, sagt Jürg Stettler, Tourismusprofessor an der Hochschule Luzern. «Die Unsicherheit ist gross. Die Gesamtbranche müsste die Preise wahrscheinlich deutlich senken, um die heutigen Kapazitäten angemessen auszulasten.» Doch niemand wisse, wie viel zusätzliche Skifahrer in die Schweizer Berge finden, nur weil die Tickets billiger sind. Die Preisreduktionen seien gemessen an den Gesamtkosten eines Skitages eher gering, vor allem wenn man übernachtet. «Die Befürchtung ist, dass nicht genügend zusätzliche Gäste angelockt werden.» Schliesslich müsse es sich rechnen. «Habe ich mehr Gäste, aber verdiene damit weniger, bin ich nicht weiter als zuvor.»