Seit drei Wochen sitzt der frühere Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz in einem Zürcher Gefängnis in Untersuchungshaft. Dem prominenten Banker wirft die Staatsanwaltschaft ungetreue Geschäftsbesorgung vor. Bis die Strafbehörden diesen schwerwiegenden Verdacht überhaupt formulieren konnten, war eine ganze Reihe von juristischen Schritten nötig. Am Anfang stand ein internes Gutachten, das kurz nach dem Rücktritt von Pierin Vincenz im März 2016 angestrengt wurde.

Offenbar wurde dieses nicht freiwillig in Auftrag gegeben, wie Recherchen ergeben haben. So war es die Finanzmarktaufsicht (Finma), die bei der Genossenschaftsbank erste Fragen zu Pierin Vincenz’ privaten Geschäften deponierte. Durch eine Bankgeheimnisverletzung gelangten Mitte 2016 verdächtige Finanztransaktionen über das Branchenportal «Inside Paradeplatz» an die Öffentlichkeit. Die Antworten der Raiffeisen dürften die Finma damals nicht befriedigt haben, sodass diese eine Überprüfung der Geschäfte durch eine externe Stelle verlangte. Die Bank selbst schweigt zu den Gründen, warum sie das Gutachten in Auftrag gab. Dazu können «wir aufgrund der laufenden Verfahren keine Antwort geben», sagt eine Sprecherin.

Raiffeisen beauftragte in der Folge die Anwaltskanzlei Prager Dreifuss. Die rund 35 Juristen der Sozietät sind laut eigenen Angaben in einer Vielzahl von Fachgebieten aktiv, wie etwa Steuern oder Firmenübernahmen. Der Bereich White Collar Crimes & Investigations ist ein Randthema, das von zwei Anwälten betreut wird. Einer der beiden ist Urs Feller, der das Gutachten laut mehreren Quellen dann auch durchführte. Raiffeisen bestätigt, dass Jurist Feller «unter anderen» an der Untersuchung beteiligt gewesen war.

Das ist brisant, denn Urs Feller arbeitete bereits früher in Mandaten für Raiffeisen. So war er 2007 bei der Konsolidierung verschiedener Leasing-Gesellschaften von Raiffeisen beteiligt. Davon zeugen mehrere Einträge im Handelsregister. Seine Unabhängigkeit als Gutachter ist somit infrage gestellt. Raiffeisen verteidigt indessen die fragwürdige Auftragsvergabe. Die Bank habe «grossen Wert auf die Qualität des Gutachtens» gelegt, heisst es.

Erst später wurde es ernst

Neben der Vergabe an Prager Dreifuss wirft auch die interne Begleitung des Gutachtens Fragen auf. Raiffeisen bestätigt, dass nicht etwa der Verwaltungsrat – was üblich wäre –, sondern die Geschäftsleitung das Gutachten in Auftrag gab. Das ist insofern nicht unproblematisch, als Patrik Gisel zwischenzeitlich als Verwaltungsratspräsident
von Investnet aktiv war, die im Zentrum der Untersuchung stand. Ob durch diese personelle Konstellation die Unabhängigkeit der Untersuchung infrage gestellt worden sei, wollte Raiffeisen nicht beantworten.

Wie die Bank betätigt, habe ein «kleines Team aus dem Stab des CEO die Untersuchung administrativ unterstützt». Mehrere Quellen bestätigen, dass Rechtschefin Nadja Ceregato, die Patrik Gisel kurz nach Vincenz’ Rücktritt in die erweiterte Geschäftsleitung holte, in das Gutachten involviert war. Die Bank bestreitet eine Beteiligung von Vincenz’ Ehefrau. «Nadja Ceregato sowie die Mitarbeitenden des Bereichs Legal & Compliance waren weder in der Auftragsdefinition, Auftragserteilung noch in der Auftragsdurchführung involviert», schreibt die Bank. Wie das möglich sein soll, ist nur schwer nachzuvollziehen.

Nach Abschluss des Prager-Dreifuss-Gutachtens war für die Finma der Fall immer noch nicht erledigt. Die Bankenaufsicht berief einen sogenannten Prüfbeauftragen, der jeden Stein in der Genossenschaftsbank umdrehen sollte. Die damit mandatierte forensische Abteilung von Deloitte stellte in ihrem Bericht später unter anderem fest, dass Raiffeisen-CEO Patrik Gisel den 100-Millionen-Kauf von Investnet ohne vertiefte Buchprüfung durchwinkte. Für jeden Unternehmer wäre ein solches Vorgehen ein absolutes No-Go.