Strom
Wir werden immer mehr Winterstrom brauchen: Solaranlagen in den Bergen könnten helfen

Die Sonneneinstrahlung ist in den Alpen deutlich höher als im Mittelland. Photovoltaik-Anlagen in den Bergen haben somit Potenzial. Doch muss dieser Strom genügend vergütet werden.

Bruno Knellwolf
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So soll die Solaranlage an der Glarner Muttsee-Staumauer aussehen, wie dieser Visualisierung der Axpo zeigt.

So soll die Solaranlage an der Glarner Muttsee-Staumauer aussehen, wie dieser Visualisierung der Axpo zeigt.

Axpo

Kein Nebel, blauer Himmel, strahlende Sonne. So stellt man sich die Alpen vor. Dementsprechend haben Solaranlagen in den Bergen Potenzial. Nicht nur bei der Staumauer am Muttsee im Glarnerland. Auch das Versorgungsunternehmen Romande Energie nutzt die alpinen Bedingungen. Für sein schwimmendes Solarkraftwerk auf 1800 Meter über Meer auf dem Lac des Toules im Wallis hat das Unternehmen soeben den Schweizer Energiepreis Watt d’Or erhalten.

Doppelter Jahresertrag mit alpiner Solaranlage

Tatsächlich ist hoch oben in den Schweizer Alpen die Atmosphäre dünner, die Sonnenstrahlung stärker und der Schnee reflektiert im Winter das Licht stark. Die durchschnittliche, jährliche Sonneneinstrahlung ist in den Alpen deutlich höher als im Schweizer Mittelland. Vor allem im Winter herrschen in den Bergen ideale Voraussetzungen für die Solarstromproduktion. «Wir können in den Alpen etwa 50 Prozent des Jahresertrages im Winterhalbjahr erzielen», erklärt Professor Jürg Rohrer vom Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil. Das ist doppelt so viel wie in einem Winterhalbjahr im Mittelland.

Auch über das ganze Jahr betrachtet sieht die Bilanz für eine Solaranlage in den Alpen sehr gut aus. Rohrer und sein Forschungsteam haben mit einer Testanlage in Davos herausgefunden, das eine durchschnittliche Photovoltaik-Anlage in den Bergen im Vergleich zu einer gleich grossen Anlage im Mittelland einen doppelten Jahresertrag abliefert.

Wärmepumpen brauchen mehr Strom im Winter

Das liegt auch daran, dass es in den Alpen während des ganzen Jahres keine längeren Perioden gibt, in dem die Solaranlage wegen Nebels weniger Strom produzieren kann. Deshalb sagt Rohrer:

«Mit dem Winterstrom reduzieren Photovoltaik-Anlagen in den Bergen den Bedarf an saisonaler Speicherung von Strom.»

Das ist vor allem interessant, weil die Schweizer Energiestrategie stark auf Wärmepumpen zum Heizen setzt. Genau die Wärmepumpen brauchen viel Strom im Winter.

Alpine Solarenergie hat somit Potenzial. Swissolar schätzt etwa 3.3 Terawattstunden pro Jahr. Zum Vergleich: Das Kernkraftwerk Gösgen produziert rund 8 Terawattstunden pro Jahr, was etwa 15 Prozent der Schweizer Stromproduktion entspricht. Jürg Rohrer schätzt die Leistungsfähigkeit alpiner Solaranlagen noch höher ein, etwa auf 5 bis 10 Terawattstunden.

Potenzial hängt vom politischen Willen ab

Das Potenzial der Solarenergie in den Alpen hänge aber davon ab, wie viel man für den Strom aus den Bergen bezahlen wolle. «Ein grosser Kostenfaktor bei den meisten Projekten in den Alpen ist die Stromleitung zur Einspeisung des Stroms, welche je nach Standort hohe Kosten verursacht», erklärt der Solar-Experte. Würde der Strom im Winter höher vergütet als im Sommer, lohnte sich die Investition in den Alpen besser. «Aus meiner Sicht wäre der Bau von etwa 15 Quadratkilometern Photovoltaik in den Alpen sinnvoll. Dies würde die Notwendigkeit zur saisonalen Speicherung von Strom spürbar verringern», sagt Rohrer.

Landschaftsbild wird verändert

Nicht fürchten muss übrigens die Verluste beim Stromtransport. Der Mehrertrag pro Quadratmeter alpiner Solarfläche mache diese Verluste um ein Vielfaches wett. Somit machen Solaranlagen wie jene am Muttsee durchaus Sinn. Staumauern gebe es allerdings nicht viele, die sich aufgrund der Ausrichtung und der solaren Einstrahlung für eine Belegung mit Solarmodulen eigneten. Geprüft werden Solaranlagen an verschiedenen Orten, zum Beispiel bei Lawinenverbauungen. Immer stellt sich dabei die Frage, ob solche Projekte die Landschaft zu stark verunstalten.

Unerwünscht ausserhalb der Bauzone

Es gebe drei Bundesbehörden, welche Photovoltaik-Anlagen ausserhalb von Bauzonen als unerwünscht bezeichnen, sagt der Solar-Experte Rohrer. An der ZHAW arbeite man an mehreren Projekten, welche eine Aufweichung dieser Position anstrebten, indem man Anlagen im Bereich der Agro-Photovoltaik prüfe. Also zum Beispiel eine Kombination von Solaranlagen mit der Produktion von Früchten.