Sie sind nach sieben Jahren als Wirtschaftsethiker an der Universität Montreal nach Europa zurück gekehrt. Weshalb an die Universität St. Gallen?

Thomas Beschorner: Nun, Nordamerika ist anders, auch in der Wissenschaft. In der Wirtschaftsethik wird dort eine eher pragmatische Haltung propagiert, indem man stärker die Unternehmenspraxis betrachtet. Das ist wichtig. Die Europäer beschäftigen sich mehr mit Theorie und beziehen dabei auch ordnungsethische Fragen ein. Ich möchte in meinen Arbeiten beides besser verbinden und zwar in einem Team am Institut. Der Lehrstuhl an der Universität St. Gallen zählt zu den reizvollsten Aufgaben, die mein Metier zu bieten hat.

Die Universität St.Gallen gilt als neoliberal. Ein schwieriges Umfeld für einen Wirtschaftsethiker.

Die Zusammensetzung der Lehrstühle, das akademische Personal, aber auch der Lehrplan zeigen ein differenzierteres Bild. Rund ein Viertel der Ausbildungszeit des Studiums an der HSG etwa gehört allgemein bildenden Fächern. Die Wirtschaftsethik ist dabei gut integriert. Wenn ich das mit anderen Universitäten im deutschsprachigen Raum und auch weltweit vergleiche, schneidet die Uni St.Gallen in Sachen Ethik sehr gut ab.

Welche Schwerpunkte wollen Sie in St.Gallen setzen?

Ich werde sicher ein Stück weit anknüpfen an die integrative Wirtschaftsethik meines Vorgängers Peter Ulrich, die ja eine Ökonomie fordert, die dem Menschen dient. Aber ich möchte auch einen Schritt weitergehen. Mich interessiert, was in der Unternehmenswelt läuft, und ich suche deshalb auch den Dialog mit der Wirtschaft. Was bewegt die Firmenverantwortlichen? Wie stehen Sie zum Thema Ethik und Verantwortung? Und wie setzen sie dies im praktischen Alltag um?

Der Stellvertreter Ihres Vorgängers, Ulrich Thielemann, handelte sich eine rektorale Rüge ein, weil er im Deutschen Bundestag die Schweizer Banken und die Steuerpolitik kritisiert hatte. Sind Ihnen ähnliche Grenzen gesetzt?

Nein, das hätte ich auch nie akzeptiert. Ohne freie Rede gibt es keine Wissenschaft. Es gibt in einer stark von Interessen gesteuerten Welt nicht mehr allzu viele Institutionen, die dieses Prinzip hochhalten.

«Wir brauchen eine Revolution der freien Marktwirtschaft für eine nachhaltige globale Entwicklung», sagt UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon. Stimmen Sie zu?

Wir sind ja gerade dabei, den Karren an die Wand zu fahren. Ohne radikalen Wandel werden wir das nicht verhindern können.

Wie soll diese Revolution aussehen?

Die Wirtschaft muss sich grundlegend verändern. Darüber ist man sich eigentlich weltweit einig. Über das Wie gehen die Meinungen auseinander, auch in der Wirtschaftsethik. Während die einen glauben, es genüge, Anreize zu schaffen, verlangen andere neue Regeln, um die Firmenwelt stärker in die Pflicht zu nehmen.

Auf welcher Seite stehen Sie?

Ökonomische Anreize werden ebenso wichtig sein wie politische Regeln. Es gibt aber darüber hinaus einige durchaus ermutigende Ansätze, auf freiwilliger Basis soziale oder ökologische Standards zu schaffen. Das begrüsse ich sehr. Aber es braucht sicher auch viel stärkere Bemühungen, die Regeln neu zu definieren – und zwar im gesellschaftlichen Diskurs. Doch dazu sind in der globalisierten Wirtschaft die einzelnen Staaten gar nicht mehr in der Lage. Es braucht Regeln, die weltweit gültig sind. Und da stecken wir noch ganz in den Anfängen.

Aufschwung beginnt im Kopf, lautete ein Slogan. Gilt das auch für eine neue, nachhaltige Wirtschaft? Könnten da nicht gerade die Universitäten eine wichtige Rolle spielen?

Selbstverständlich. Und da muss sich tatsächlich noch einiges bewegen. Aber diese Forderung gilt nicht nur für die Kaderschmieden, sondern im selben Masse auch für Gesellschaft und Politik. Gerade die Konsumenten könnten hier eine Schlüsselrolle spielen, indem sie etwa Produkte bevorzugen, die von nachhaltigen Unternehmen stammen.

Und in den Firmen selbst? Wie kann sich ein Unternehmen nachhaltig neu erfinden?

Auch diese Revolution beginnt in den Köpfen. Aber nicht nur jenen der Direktoren. Denn das sind letztlich Überzeugungen, die von der ganzen Belegschaft getragen werden müssen. Und natürlich brauchen wir dafür auch Organisationsstrukturen, die diesen vielen Köpfen helfen.