Morgen Mittwoch wird Starbucks in ganz Europa die neue Kaffeesorte Antigua Guatemala lancieren. Wie jeden anderen hauseigenen Kaffee wird das über 40 Jahre alte US-Kaffeehaus auch die Bohnen aus Guatemala über die Schweizer Tochtergesellschaft Starbucks Coffee Trading Company mit Sitz in Lausanne einkaufen und an seine Ländergesellschaften auf der ganzen Welt weiterverkaufen. «Lausanne bleibt auch nach dem Steuerstreit mit Grossbritannien die zentrale Handelsdrehscheibe für unseren Kaffee», bestätigte vergangene Woche Michelle Gass, die Europa-, Nahost- und Afrika-Chefin von Starbucks, im Gespräch mit der «Nordwestschweiz» am Rande eines Anlasses in London, an welchem das US-Unternehmen den neuen Guatemala-Kaffee vorstellte.

Weniger Gewinn als erhofft

Auf die Frage, ob das Festhalten an der Schweizer Handelsgesellschaft in Lausanne hauptsächlich steuerliche Gründe habe, wollte Gass nicht eingehen. «75 Prozent des weltweiten Kaffeehandels werden über die Schweiz abgewickelt, da müssen wir auch vor Ort sein», sagt die 47-jährige Kaffeemanagerin aus Amerika lediglich. Was sie nicht sagte: In der Schweiz liegt der Steuersatz für Rohwaren wie Kaffee bei rund 5 Prozent, in anderen Ländern wie Grossbritannien gilt eine Umsatzsteuer von 25 Prozent. Die Praxis, dass der Kaffeekonzern mit Sitz in Seattle (USA) seine Ländereinheiten mit Kaffee von der Schweiz aus bedient, ist im Zuge des Steuerstreits mit Grossbritannien denn auch in die Kritik geraten.

Die britischen Behörden vermuteten, dass durch die Zahlung überhöhter Beträge an Konzerntöchter in steuergünstigen Ländern Gewinne am Fiskus vorbeigeschleust worden seien. Gass bestätigt im Gespräch frühere Aussagen, dass nie Gesetze verletzt worden seien. «Wir haben in Grossbritannien schlicht nie so viel Gewinn gemacht, wie wir uns erhofft hatten», so Gass, die ihr Büro in London hat.

Grossbritannien startete 2012 dennoch eine Untersuchung, weil Starbucks in den letzten Jahren fast nie Steuern bezahlt hatte. Im Dezember verpflichtete sich Starbucks dazu, im laufenden und nächsten Jahr je 10 Millionen Pfund Steuern zu zahlen, egal ob Gewinne gemacht werden oder nicht. Zudem will das Unternehmen die Lizenzgebühren senken, die britische Gesellschaften an den Starbucks-Europa-Hauptsitz in den Niederlanden zahlen. Dagegen will Starbucks offenbar an der 20-Prozent-Prämie festhalten, welche der Konzern seinen Ländergesellschaften für die in der Schweiz und in Amsterdam erbrachten Dienstleistungen wie Beschaffung und Röstung der Kaffeebohnen verrechnet.

Renaissance des Starbucks-Ethos

Wie stark der Steuerstreit in Grossbritannien der Reputation des US-Konzerns geschadet hat, wollte Gass nicht kommentieren. Doch offenbar stand einiges auf dem Spiel: «Wir fanden uns im Zentrum der Medien wegen eines Themas, das heute viele Interessengruppen bewegt», so Gass. Gefordert ist Starbucks in Europa auch aufgrund der Schulden- und Wirtschaftskrise. Die Umsätze stagnierten im letzten Jahr. Nun soll die hausinterne «Renaissance»-Strategie frischen Wind bringen. «Das Ethos von Starbucks soll in Europa wiedergeboren werden», so Gass. Die Schweiz spielt dabei eine wichtige Rolle. «Die Schweizer Bevölkerung ist innovativ und akzeptiert neue Produkte schnell», so Gass.

Innovative Schweizer Projekte

Viel Potenzial sieht die Managerin etwa im Büro-Bereich, wo Starbucks in der Schweiz zusammen mit der Vertriebsgesellschaft Selecta derzeit 11 Pionier-Projekte testet. Auch in den Zügen wollen die Amerikaner bald präsent sein. Im kommenden Herbst will Starbucks in einer Kooperation mit den SBB erstmals auf der Welt überhaupt Kaffee auf Schienen verkaufen. «Die Schweiz eignet sich hervorragend für ein solches Projekt, weil die Menschen hier sehr viel mit dem Zug reisen», so Gass.

Zudem soll in der Schweiz und Europa die Präsenz auf Flughäfen und in Hotels ausgebaut werden. «Das Lizenzgeschäft, also die Verkäufe mit Partnern auf Flughäfen, in Hotels und Bahnhöfen, macht in den USA bereits 40 Prozent des Geschäfts aus. In Europa dagegen ist es noch stark unterentwickelt», so die Amerikanerin.