Arbeitskampf
Wieso es dieses Jahr eher schlecht aussieht für Lohnerhöhungen

Wegen unsicherer Zukunftsaussichten wollen sich viele Arbeitgeber mit Lohnerhöhungen zurückhalten. Auch stehen in mehreren Branchen bei den Sozialpartnern die Zeichen auf Sturm. Doch der November ist bekanntlich der Monat der Lohnverhandlungen.

Thomas Schlittler
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Die Tage werden kürzer, die Nächte kälter. Eine kräftige Lohnerhöhung käme deshalb gerade recht, um die Laune der Schweizer zu heben. Doch der Start in den diesjährigen Lohnherbst verlief alles andere als herzerwärmend: Der Schweizerische Baumeisterverband hat die Lohnverhandlungen mit den Gewerkschaften abgebrochen – genau gleich wie 14 andere Branchen des Ausbaugewerbes, darunter die Elektroinstallateure, Gebäudetechniker und Schreiner (siehe Box).

Baugewerbe: Knatsch wegen Abbruch der Lohngespräche

Der Zentralvorstand des Schweizerischen Baumeisterverbands hat vor zweieinhalb Wochen beschlossen, die Lohnverhandlungen mit den Gewerkschaften abzubrechen. Der Verband ist nicht bereit, weiter zu verhandeln, solange die Unia mit ihrer «Fachstelle Risikoanalyse» eigenhändig und unilateral Baufirmen überprüft. «Diese Fachstelle unterläuft die gemeinsame, paritätische Kontrolle der gesamtarbeitsvertraglichen Arbeitsbedingungen durch Arbeitnehmer und Arbeitgeber und untergräbt so die bewährte Sozialpartnerschaft», schreibt der Baumeisterverband. Die Gewerkschaft Unia sieht die «Fachstelle Risikoanalyse» als reinen Vorwand, um nicht über Lohnerhöhungen diskutieren zu müssen. Auch die gemässigtere Syna hält nichts von der Aktion: «Der Baumeisterverband macht es sich mit dem Abbruch der Lohnverhandlungen zu einfach», sagt Präsident Arno Kerst. Zwar stehe auch die Syna der «Fachstelle Risikoanalyse» der Unia kritisch gegenüber, aber das sei noch lange kein Grund, die Lohnverhandlungen abzubrechen. (TSC)

Auch in der Luftfahrt stehen die Zeichen auf Konfrontation: Die Swiss hat den Gesamtarbeitsvertrag (GAV) für einen Teil des Bordpersonals gekündigt. Und im Streit mit dem Pilotenverband Aeropers droht gar der Gang vor Gericht: Die Swiss kündigte den GAV per Ende November 2016, Aeropers verklagte die Swiss wegen Vertragsbruchs.

Vorwürfe der Gewerkschaften

Für Arno Kerst, Präsident der Gewerkschaft Syna, ist die Häufung von eskalierenden Arbeitskämpfen kein Zufall: «In diesem Jahr gestalten sich die Lohnverhandlungen schwieriger als in vergangenen Jahren.» Zwar werde die Sozialpartnerschaft in der Öffentlichkeit immer von allen in den Himmel gelobt. Am Verhandlungstisch sei es aber harziger als auch schon. «Bei den Arbeitgebern sinkt die Bereitschaft, Kompromisse zu machen», sagt Kerst. Oft würden sehr sture Haltungen eingenommen.

Die Unia, die grösste Gewerkschaft der Schweiz, erkennt ebenfalls eine Verhärtung der Positionen: «Bei einigen wichtigen Verbänden wie dem Baumeister- oder Gewerbeverband ist eine ideologische Veränderung in der Führungsetage zu spüren», sagt Unia-Kommunikationschef Pepo Hofstetter. Dort gebe es Scharfmacher, die gegenüber den Gewerkschaften Härte demonstrieren wollten. «Gewisse Unternehmen spüren sicherlich einen härteren Preiskampf – und sie wollen in diesem bestehen, indem sie auf Kosten der Beschäftigten sparen.»

Genau diesen Kostendruck nennt die Arbeitgeberseite als Grund dafür, dass die Firmen je nach Branche zurückhaltend sein müssten mit Lohnerhöhungen. «Das liegt aber nicht daran, dass die Sozialpartnerschaft an sich an Wert verloren hat, sondern an den wirtschaftlichen Unsicherheiten», sagt Roland A. Müller, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbands.

Als Beispiel nennt Müller das Baugewerbe. Dort zeichne sich nach der Hochkonjunktur mit vollen Auftragsbüchern eine Abschwächung ab. «Die Arbeitgeber würden den Arbeitnehmern für die gute Zeit zwar gerne etwas zurückgeben, allerdings nicht fix, sondern in Form von Einmalzahlungen.» Mit Einmalzahlungen gäben sich die Gewerkschaften aber oft nicht zufrieden.

Es gibt auch Hoffnungsschimmer

Alles schlechtreden wollen die Sozialpartner aber nicht. «Man muss immer differenzieren», sagt Hofstetter von der Unia. Im Maler- und Gipsergewerbe zum Beispiel würden demnächst Verhandlungen über ein Modell für vorzeitige Pensionierungen beginnen. Und auch die Lohnverhandlungen bei Coop hätten insbesondere bei den Mindestlöhnen teils beachtliche Verbesserungen gebracht.

In vielen Bereichen gehen die Lohnverhandlungen erst im November richtig los. Für ein allgemeines Fazit ist es deshalb noch zu früh. Es besteht die Hoffnung, dass der eine oder andere doch noch mit einem dickeren Portemonnaie ins neue Jahr starten kann.

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