Höhenflug

Wieso die Börsen auf historischen Höchstständen sind

Billiggeldpolitik und Hoffnung auf eine Wirtschaftserholung lassen die Kurse steigen. Im Schweizer Aktienmarkt sehen Experten ebenfalls noch Potenzial. Eine Analyse.

Die Lösung des US-Budgetstreits vor zwei Wochen hat offenbar den Knoten geöffnet: Die Börsen jagen von einem Hoch zum anderen. Der Dax erreichte gestern ein Allzeithoch, genauso wie der wichtige Aktienindex S&P 500 schon am vergangenen Freitag in den USA. Der Schweizer Aktienindex SMI notiert zwar noch nicht auf einem historischen Höchststand, hat aber in den letzten Tagen ebenfalls deutlich zugelegt (siehe Grafik). Und selbst in Krisenstaaten wie Griechenland sorgen steigende Kursnotierungen für Schlagzeilen.

Die Gründe für die Kurshausse sind vielfältig. Zunächst bleibt die wichtigste Notenbank der Welt, das Federal Reserve (Fed) in Washington, seiner ultraexpansiven Geldpolitik treu und versorgt die Märkte weiterhin mit billigem Geld. Der Grund: Der Shutdown der US-Regierung im Oktober hat der wirtschaftlichen Erholung in den USA einen Dämpfer versetzt und das Fed will die Konjunktur weiterhin mit dem Kauf von verbrieften Hypothekaranleihen stützen – länger als bisher angenommen.

Daneben liefern die Unternehmen aber auch anständige Gewinnausweise. In den USA, weltweit der wichtigste Gradmesser für die Stimmung auf den Finanzmärkten, übertreffen derzeit rund 70 Prozent der Unternehmen mit ihren Geschäftszahlen die Erwartungen der Investoren. «Das ist im historischen Vergleich eine überaus hohe Zahl», sagt Claude Zehnder, Chefanalyst bei der Zürcher Kantonalbank.

Signale der Erholung

Zudem gibt es weiterhin Signale einer konjunkturellen Stabilisierung in Europas krisengeschüttelter Peripherie. In Spanien wurde die Rezession beendet, die Arbeitslosenzahlen sind auf hohem Niveau leicht am Sinken (zuletzt von 26,3 auf 26 Prozent). Portugals Wirtschaftsminister beteuerte vergangene Woche, dass man kein zweites Hilfspaket der internationalen Troika (EU, EZB und IWF) brauche. Und in Italien, der drittgrössten Wirtschaftsmacht Europas, ist die Stimmung in den Chefetagen der Industrie so gut wie seit zwei Jahren nicht mehr, wie Daten gestern zeigten. Selbst schlechter als erwartete Einkaufsmanagerindizes für die Eurozone können den Optimismus der Anleger derzeit nicht bremsen.

Wieso aber hinkt denn der SMI hinterher? Der Schweizer Leitindex ist im Vergleich etwa zum deutschen Dax defensiver ausgerichtet (Nestlé, Novartis, Roche). Zudem sind die Konjunkturdaten in der Eurozone zuletzt besser ausgefallen.

Deshalb haben gemäss ZKB-Analyst Zehnder viele professionelle Portfolio-Manager europäische Aktien in ihren Anlagedepots stärker gewichtet als die Schweizer Titel. Zyklische Industrieaktien, die bei einer Konjunkturerholung stärker ausschlagen als konjunkturresistente Titel, gehören derzeit bei Profianlegern zu den Topfavoriten.

Dennoch aber hat auch der Schweizer Aktienmarkt noch Potenzial: «Gut möglich, dass der SMI in den nächsten Tagen seinen Jahreshöchststand noch überschreiten wird», sagt Zehnder. Kurzfristig ist er aber eher etwas zurückhaltend, da die Märkte schon ziemlich «heiss gelaufen» seien. Ein Rücksetzer käme deshalb nicht überraschend. «Mittelfristig bleiben wir aber zuversichtlich – auch für den SMI», so der Anlageprofi.

Zuversichtlich für Schweizer Werte zeigt sich auch der als notorischer Schwarzmaler bekannte Schweizer Börsenguru Marc Faber. «Wenn Sie eine Fortsetzung der Hausse erwarten, sollten Sie lieber Schweizer Aktien kaufen», so Faber in einem Interview mit der Zeitung «Finanz und Wirtschaft». Schweizer Titel seien im Vergleich zu den kurzfristigen Zinsen nicht extrem teuer. Längerfristig werde man mit den konjunkturresistenten Titeln wie Nestlé, Novartis oder Roche besser fahren als mit dem S&P 500 oder Schweizer Staatsanleihen. «Nachdem sich die US-Börse seit 2009 verdreifacht hat, wäre ich trotz der Notenbankgeldschwemme vorsichtig», so Faber weiter.

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