Die europäische Wirtschaft befindet sich im Krebsgang. Die Unsicherheit reisst nicht ab. Trotzdem prognostiziert eine Studie von Carlson Wagonlit Travel (CWT), einem international tätigen Beratungsunternehmen für Geschäftsreisen, für das Jahr 2013 weltweit höhere Flugtarife. Für die Region Europa, Naher Osten und Afrika rechnet CWT mit Preiserhöhungen von 2,5 Prozent. Der Grund sei, dass die Airlines die Kapazitäten viel stärker kontrollierten als früher und so trotz wirtschaftlicher Sorgen hohe Auslastungszahlen erreichen würden. Zudem konsolidiere sich die Branche weiter, sodass die einzelnen Airlines mehr Preisgestaltungsmacht erhielten.

Jüngstes Beispiel für das Airlinesterben in Europa ist Wind Jet. Die italienische Billigfluglinie musste Ende letzter Woche den Flugbetrieb einstellen. Wind Jet befindet sich in bester Gesellschaft – im laufenden Jahr gingen in Europa unter anderem die ungarische Malev, die schwedische Skyways Express, die dänische Cimber Sterling sowie Air Finland Bankrott.

Erhöhungen bisher kaum möglich

Geht diese Pleitewelle weiter, haben die überlebenden Fluggesellschaften eher die Möglichkeit, Preiserhöhungen durchzusetzen. Dieses in der Studie prognostizierte Szenario dürfte Lufthansa-Chef Christoph Franz und Harry Hohmeister, sein Pendant bei der Swiss, Anlass zu Optimismus geben. Schliesslich betonen die Aviatik-Bosse bei jeder Gelegenheit, dass Tickets in der Flugbranche momentan für zu wenig Geld zu haben seien. Sie monieren, dass mit den heutigen Preisen rentables Wirtschaften kaum möglich sei.

Diese Klagen kann der Luftfahrtexperte Kurt Hofmann gut nachvollziehen: «Die europäische Luftfahrtindustrie ist absolutes Schlusslicht, was die Rentabilität betrifft», sagt der Österreicher gegenüber der az. Dies bestätigen auch die jüngsten Halbjahresergebnisse der grossen Airline-Gesellschaften: Die Lufthansa-Gruppe machte im ersten Semester 2012 – trotz Verbesserung gegenüber dem Vorjahr – einen Konzernverlust von 168 Millionen Euro. Air France-KLM verbuchte allein im zweiten Quartal ein Minus von 895 Millionen Euro. Und selbst bei der Lufthansa-Vorzeigetochter Swiss brach der Gewinn in den ersten sechs Monaten drastisch ein (von 129 Millionen Franken im Vorjahr auf 61 Millionen Franken).

Schuld an den schlechten Zahlen sind vor allem die hohen Kerosinkosten und die tiefen Durchschnittserlöse pro Ticket – bei der Swiss kommt zudem der starke Franken hinzu. Den Frankenkurs und die Kerosinpreise kann die Swiss kaum beeinflussen. Und auch bei den Preisen sind den Airlines bisher praktisch die Hände gebunden: «Der enorme Konkurrenzkampf macht es besonders in Europa sehr schwierig, Preiserhöhungen durchzusetzen», weiss Hofmann. Auch CWT merkt im Bericht an, dass ohne die starke Konkurrenz durch die Billigfluglinien Easyjet und Ryanair die Preissteigerungsrate im nächsten Jahr höher wäre.

Eine Frage der Zeit

Über längere Sicht, davon ist Hofmann überzeugt, werden die Preise aber dennoch steigen: «Die Preise müssen steigen, damit die Airlines ihre Investitionen irgendwann wieder reinholen können.» Gemäss den Experten ist also nicht die Frage, ob die Preise steigen werden, sondern nur wann.

Bei der Swiss sind nach offiziellen Angaben aktuell noch keine Preisanpassungen geplant. Das Unternehmen betont auf Anfrage aber einmal mehr, dass die Flugpreise «in der gesamten Industrie zu tief» seien. Die letzte Preiserhöhung der Schweizer Airline gab es am 2. April dieses Jahres. Damals wurden die Flugtarife auf Langstreckenflügen angehoben. In der Economy Class zwischen 10 bis 30 Franken und in der Business Class zwischen 50 bis 100 Franken. Die First Class blieb von einem Preisanstieg verschont.