Kettenreaktion

Wie sich die Rubel-Krise auf den Franken auswirkt

Die Einführung von Negativzinsen durch die Schweizerische Nationalbank ist eine Folge des tiefen Ölpreises und der Rubel-Krise.

Diesen Mann scheint nichts aus der Ruhe zu bringen: Unaufgeregt und sachlich gab Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB), am Donnerstag in Zürich eine historische Massnahme bekannt: Die Einführung eines Negativzinses von minus 0,25 Prozent auf Konten, welche Geschäftsbanken bei der SNB haben.

Die Massnahme soll helfen, den Franken für internationale Anleger weniger attraktiv zu machen, und den Euro-Mindestkurs von Fr. 1.20 zu verteidigen. In den letzten Tagen kam der Wechselkurs gefährlich nahe an diese magische Grenze heran, weil der Schweizer Franken bei Investoren immer beliebter wurde. Um dem entgegenzuwirken, musste die SNB verstärkt Fremdwährungen kaufen.

«Umfeld ist äusserst komplex»

Jordan betonte bei seinem Auftritt mehrfach, dass die SNB auch in Zukunft alles tun werde, um den Euro-Mindestkurs von Fr. 1.20 zu halten: «Der Mindestkurs bleibt zentral für die Gewährleistung angemessener monetärer Rahmenbedingungen in der Schweiz.»

Die Entwicklung von Euro- und Dollar-Kurs im Verhältnis zum Schweizer Franken in den letzten fünf Jahren.

Die Entwicklung von Euro- und Dollar-Kurs im Verhältnis zum Schweizer Franken in den letzten fünf Jahren.

Will heissen: Schweizer Exportfirmen brauchen den Mindestkurs nach wie vor, um ihre Produkte im Ausland zu konkurrenzfähigen Preisen anbieten können. Und ohne den Mindestkurs ist die Preisstabilität in der Schweiz gefährdet.

Der 1.90-Meter-Hüne mit der strengen Brille wirkte bei seinem Auftritt entschlossen, den internationalen Währungsturbulenzen standzuhalten. Dennoch ist die Massnahme der SNB kein Grund zur Freude. Denn sie zeigt, dass die Nationalbank offenbar nicht mehr gewillt war, den Mindestkurs mit den bisherigen Mitteln aufrechtzuerhalten.

Einige Marktteilnehmer könnten das als Zeichen der Schwäche interpretieren – und jetzt erst recht versuchen, den Mindestkurs zu knacken. Die Frage eines Journalisten, ob die Massnahme nicht zeige, dass sich die SNB mit dem Mindestkurs in eine Sackgasse manövriert habe, verneinte Jordan. Doch er fügte an: «Das Umfeld ist äusserst komplex.»

Schuld ist das Überangebot an Öl

Hatte der SNB-Präsident bei dieser Aussage das Treffen der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) im Kopf, das Ende November in Wien stattgefunden hatte? Dabei beschlossen die zwölf Opec-Länder, die Förderung von Erdöl nicht weiter zu drosseln. Die Entscheidung schickte die Erdölpreise weltweit bachab. Denn seit die USA mit der umstrittenen Fracking-Methode Schieferöl fördern, besteht auf dem Ölmarkt ein Überangebot. Zumal die Nachfrage wegen der Wirtschaftsflaute in Europa und China gleichzeitig nachgelassen hat.

«Das richtige Instrument ist, um den Mindestkurs zu stützen»: SNB-Präsident Thomas Jordan im Interview

«Das richtige Instrument ist, um den Mindestkurs zu stützen»: SNB-Präsident Thomas Jordan im Interview

Die wichtigsten Opec-Mitglieder sind Saudi-Arabien, Iran, die Vereinigten Arabischen Emirate und Kuwait. Andere grosse Förderländer wie die USA, Russland und China sind nicht dabei. Doch wieso entschieden sich die Opec-Länder, die Fördermenge nicht weiter zu drosseln? Schliesslich bekommen sie nun deutlich weniger Geld für ihr Öl.

Die Entscheidung hat taktische Gründe: Die Opec-Länder können ihr Öl günstiger fördern als die USA mit der Fracking-Methode. Sie spekulieren deshalb darauf, dass die US-Fracking-Firmen wegen des tiefen Ölpreises früher an eine Schmerzgrenze stossen als sie selbst. Bis sich der Schieferöl-Abbau für die US-Fracking-Firmen aber nicht mehr lohnt, leiden auch alle anderen Förderländer. Dabei gilt: Je stärker ein Land auf die Öl-Einnahmen angewiesen ist, desto schmerzhafter ist der Preiszerfall.

Der sichere Hafen als Fluch

Hier kommt Russland ins Spiel, eines der wichtigsten Öl-Förderländer ausserhalb der Opec: Drei Viertel der russischen Exporterlöse stammen aus Öl und Gas. Damit sind die Russen so stark vom Ölpreis abhängig wie kaum ein anderes Land. Gepaart mit den westlichen Sanktionen wegen des Ukraine-Konflikts hat Russland für Investoren in den letzten Wochen deutlich an Attraktivität verloren. Deshalb zogen viele Geldgeber ihr Kapital ab, worauf der Rubel dramatisch an Wert verlor.

Auf der Suche nach einer sicheren Alternative verschoben zahlreiche Investoren ihr Geld in die Schweiz. SNB-Präsident Jordan: «Ein wesentlicher Faktor für den Aufwertungsdruck des Schweizer Frankens war die Zuspitzung der Krise in Russland.»

Natürlich ist die Krise in Russland nicht der Hauptgrund für die zunehmende Beliebtheit des Schweizer Frankens. Entscheidender ist die Lockerung der Geldpolitik durch die Europäische Zentralbank (EZB) sowie die weiterhin schleppende Konjunktur in der Eurozone. Der Rubel-Zerfall in den letzten Tagen brachte das Fass aber offenbar zum Überlaufen und veranlasste die SNB zum historischen Entscheid, Negativzinsen einzuführen.

Das zeigt einmal mehr, wie stark ein kleines Land wie die Schweiz von den Entwicklungen im Ausland abhängig ist. Oder anders gesagt: Die Schutzmassnahme der SNB ist ein weiterer Beweis dafür, dass die Schweiz keine Insel ist.

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