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Wie sich die hohe Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz erklären lässt

Dass die Schweiz zum neunten Mal in Folge das Rating der Wettbewerbsfähigkeit gewinnt, stiftet vor allem Verwirrung. Ein bekanntes Problem ist die Messmethode, die stark auf Manager-Befragungen abstützt.

Daniel Zulauf
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KEYSTONE

Jeder ist seines Glückes eigener Schmied, finden die Befürworter einer Sezession Kataloniens vom spanischen Zentralstaat. In Madrider Regierungskreisen sieht man die Absetzungsbestrebungen der Region selbstredend anders: Die Katalanen seien unsolidarisch mit dem Rest des Landes. Fakt ist: Der wirtschaftliche Erfolg Kataloniens liegt weit über dem spanischen Durchschnitt. Es ist eine der reichsten Regionen in der Europäischen Union und nicht die einzige dieser Art, die sich die politische Unabhängigkeit wünscht.

Der emeritierte St. Galler Wirtschaftsprofessor Franz Jaeger hat grosse Sympathien für den Widerstand der Wohlhabenden gegen das zentralistische Diktat des Binnenmarktes. Seine wohl primär politischen Motive unterfüttert er mit einer wirtschaftlichen Erklärung, die er in dem kürzlich unter dem Titel «Kleinstaat Schweiz – Auslauf- oder Erfolgsmodell» erschienenen Aufsatzband (NZZ Libro), niedergeschrieben hat. Jaeger findet, dass Kleinstaaten «genuin gute Karten haben, um im wohlfahrtsökonomischen Wettbewerb mit den Grossstaaten die Nasen vorn zu haben». Die politische Entscheidungsfindung sei effizienter – mindestens in demokratisch organisierten Kleinstaaten, urbane Strukturen seien produktivitätsfördernd und die universelle Offenheit sei wohlstandstreibend.

Fragen über Fragen

Kleine, offene Volkswirtschaften hätten auch genuine Vorteile im internationalen Wettbewerb, weil sie sich naturgemäss stärker an der Konkurrenz aus dem Ausland orientierten. Zum Beweis verweist Jäger auf den Index der wettbewerbsstärksten Länder der Welt, wie ihn der ökonomische Think Tank des Davoser Wirtschaftsforums (WEF) seit über 30 Jahren publiziert. In der aktuellen Rangliste steht die Schweiz zum neunten Mal in Folge an der Spitze der 137 untersuchten Länder. Punkto Innovationsfähigkeit, betriebliche Standortattraktivität und Arbeitsmarktflexibilität ist die Schweiz laut WEF-Index Weltspitze – das sind drei von zwölf Hauptkriterien. In anderen Bereichen wie Bildung, Infrastruktur, Staatshaushalt und technologischer Entwicklungsgrad steht das Land ebenfalls in den vordersten Rängen.

Der Befund ist natürlich erfreulich und plausibel dazu. Schliesslich sind die Schweizerinnen und Schweizer mit einem Netto-Geldvermögen von durchschnittlich gegen 170 000 Franken pro Kopf die Reichsten der Welt, wenn man dem soeben publizierten Global Wealth Report des Allianz-Konzerns glaubt.

Zweifelsfrei lässt sich die Spitzenstellung der Schweiz im WEF-Index aber nicht herleiten. Ein bekanntes Problem ist die Messmethode, die stark auf Manager-Befragungen abstützt. So ist zum Beispiel nicht eindeutig feststellbar, ob und wie die positiven Bewertungen mit der Wirtschaftspolitik zusammenhängen. Führt der wirtschaftliche Erfolg zu einem Spitzenplatz im Index oder ist die Kausalität genau umgekehrt?

Franz Jaeger sieht seine These unter anderem darin bestätigt, dass in der Wettbewerbsrangliste einige andere Kleinstaaten neben der Schweiz Spitzenränge belegen. Singapur steht auf dem dritten, die Niederlande auf dem vierten, Hongkong auf dem sechsten und Finnland auf dem zehnten Platz. Doch die schlechteren Platzierungen anderer Kleinstaaten wie Malta (37.), Luxemburg (19.) oder Island (28.) stehen diesem Rückschluss entgegen.

Schwieriger Nachweis

Einen anderen Ansatz verfolgen die Wirtschaftsprofessoren Lars P. Feld (Uni Freiburg i. Br.) und Christoph Schaltegger (Uni Luzern). Die beiden haben sich ebenfalls das WEF-Ranking angesehen und festgestellt, dass sich dort auffallend viele Bundesstaaten mit föderalistischen Strukturen auf guten Plätzen finden. So figurieren hinter der Schweiz die USA auf dem zweiten, Deutschland auf dem fünften und Kanada auf dem 14. Rang. Zentralistische Staaten wie Spanien (34.), Frankreich (22.) oder Italien (14.) liegen weit zurück. Doch auch hier ist das Bild uneinheitlich: Grossbritannien hätte nach der These, dass föderalistische Länder zwingend eine bessere Wettbewerbsfähigkeit erreichen müssen, als zentralistischer Staat auf Rang 7 nichts verloren.

Mindestens theoretisch liegen die Vorteile des Föderalismus auf der Hand. Schaltegger und Feld erklären: «Der Föderalismus erlaubt erstens die dezentrale Erfüllung von Staatsaufgaben, sodass öffentliche Leistungen an regional unterschiedliche Bedürfnisse angepasst werden können. Die daraus resultierenden Unterschiede im Leistungsangebot stärken zweitens die Innovationsfreude und den interkantonalen Wettbewerb, der wiederum die wirtschaftliche Entwicklung begünstigt. Drittens bedeutet Dezentralisierung und Fragmentierung Machtteilung und stärkt damit die Checks and Balances im Bundesstaat.» Einer unlängst von den beiden in Buchform veröffentlichten Studie über «Föderalismus und Wettbewerbsfähigkeit in der Schweiz» (NZZ Libro) fällt es aber nicht ganz leicht, diese Vorzüge in der Schweiz nachzuweisen. Wirtschaftliche Vorteile für die Volkswirtschaft aus dem interkantonalen Steuerwettbewerb werden durch den (unabdingbaren) Finanzausgleich mindestens teilweise wieder vernichtet.

Schaltegger und Feld forschen in einem wichtigen Feld im Wissen darum, dass sie niemals eine abschliessende Erklärung für das wirtschaftliche Erfolgsmodell der Schweiz finden werden. Und erstaunlicherweise ist das eine gute Nachricht. Denn letztlich kann jedes Modell nur so gut sein wie seine Anwender. Weshalb wettbewerbsfähige Grossstaaten neben erfolgreichen Kleinstaaten koexistieren und erfolgreiche Bundesstaaten neben leistungsstarken Zentralstaaten. Und darum können sich auch die Katalanen nicht sicher sein, dass sie im Alleingang erfolgreicher sein werden denn als Teil Spaniens.

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