Des Schweizers Bruder im Geiste ist weder der Deutsche noch der Italiener oder der Franzose – nein, es ist der Holländer. Zumindest in Fragen des Geschmacks. Schweizer und Holländer haben eine Gemeinsamkeit, die sie vom Rest der Welt ein kleines Stück abhebt: Sie lieben Milchserum in ihren Erfrischungsgetränken.

Sicher, auch in anderen Ländern ist man inzwischen auf den Geschmack gekommen. Doch niemand ausserhalb der Schweiz schätzt den Kult-Drink Rivella, der zu einem guten Drittel aus Molke besteht, so sehr wie die Niederländer. Dort kam das zuckerlose Rivella Blau bereits 1957 auf den Markt. Warum es bis heute dermassen erfolgreich ist, kann wohl nicht abschliessend geklärt werden – genau wie die Frage, wonach Milchserum eigentlich schmeckt. Nach nichts, sagt Rivella selbst. Und sie müssten es am besten wissen, immerhin macht die Aargauer Traditionsfirma aus dem Stoff seit Jahrzehnten das unangefochtene Nationalgetränk der Schweiz.

Frankenstärke ist beherrschbar

Wir sind in Rothrist im Westen des Aargaus und sprechen mit Firmenchef Erland Brügger über Geschmack und über Holländer, aber vor allem auch darüber, wie sein Unternehmen mit dem starken Franken umgeht.

Letzterer bereitet Brügger «kein grosses Kopfzerbrechen». Gegen Währungsschwankungen habe sich das Unternehmen abgesichert, und der grösste Teil des Umsatzes falle im Inland an, genau wie der Grossteil der Kosten. Das Auslandsgeschäft, das bei Rivella etwa ein Viertel des Absatzes ausmacht, leide jedoch schon unter der Frankenstärke: «Unser Auslandsgeschäft wird in diesem Jahr wohl weniger Ertrag bringen als im Vorjahr», sagt der gebürtige Solothurner. «In Franken wird das ein weniger schönes Resultat.» Das, obwohl Rivella vor allem im wichtigsten Auslandsmarkt Holland kräftig wächst. Abgerechnet wird jedoch in Franken.

Trotzdem will Rivella das Auslandsgeschäft weiter ausbauen. Der Fokus bleibt auf Holland. Hier hat das Rothrister Unternehmen gar eine Geschmacksrichtung lanciert, die es in der Schweiz nicht zu kaufen gibt: Rivella Cranberry sei speziell auf die Bedürfnisse der Niederländer zugeschnitten, erklärt Brügger. Schweizer Kunden müssen auf die Sorte bis auf weiteres verzichten: Pläne, die Sorte auch in der Schweiz einzuführen, gebe es derzeit nicht. Wer wirklich alle Rivella-Varianten einmal probiert haben will, kommt also um einen Holland-Trip nicht herum.

20 Millionen für die neue Anlage

Hierzulande wurden in der letzten Zeit zwei andere Neuerungen lanciert: Im vergangenen Jahr hat die Grüntee-Variante Rivella Grün eine neue Rezeptur verpasst bekommen. Ein Jahr zuvor warf Rivella die beiden Sorten Pfirsich und Rhabarber auf den Markt. Sowohl mit diesen beiden, als auch mit dem neuen Grün ist der Chef zufrieden: «Mit den neuen Sorten gewinnen wir Marktanteile.»

Rivellas Basis bilden indes weiterhin die altbewährten Sorten Rot und Blau. Seit dem Umzug aus Turgi vor über 60 Jahren wird in Rothrist, in einer hochmodernen Anlage am Rande eines eher trostlosen Industriegebiets, Milchserum mit Wasser, Zucker, Kohlensäure und Aromen vermischt und abgefüllt. Mehr als 100 Millionen Liter verkauft Rivella pro Jahr. In die Produktion investiert das Unternehmen laufend: allein bis 2017 sollen 20 Millionen Franken in eine neue Abfüllanlage gesteckt werden. Rivella will effizienter und energiesparender produzieren – einen grösseren Flaschen-Ausstoss wird die neue Anlage nicht haben.

Grosse Sprünge erwartet Firmenchef Brügger in nächster Zeit auch keine. Vielmehr werde man versuchen, das kleine, aber konstante Wachstum der vergangenen Jahre zu halten. «Wir würden gern um zehn Prozent und mehr wachsen», sagt er, doch das sei derzeit schlicht nicht realistisch.

Brügger ist sich im Klaren darüber, was er mit Rivella erreichen kann und was nicht. «Am Ende des Tages sind und bleiben wir ein KMU», sagt er. Deshalb sei man mit gewissen Limitationen unterwegs – «und wir müssen das erwirtschaften, was wir ausgeben wollen.» Als Familienbetrieb versuche man, unabhängig zu bleiben und «wenig mit Banken zu arbeiten».

Das Ganze habe auch Vorteile: «Wir müssen uns nicht alle zwei Wochen Gedanken machen, ob Rothrist der richtige Standort ist oder ob eine Verlagerung ins Ausland doch besser wäre, das Thema stellt sich für uns gar nicht», sagt der Chef. Für viele Mitarbeiter sei der Status als Familienbetrieb ausserdem so etwas wie ein Sicherheitssiegel. Emotional sei das sehr wichtig. Die Angestellten identifizierten sich durchweg stark mit ihrem Arbeitgeber — Brügger sagt: «Wäre das nicht so, wäre man fehl am Platz.»

Aus Rückschlägen gelernt

Als solides KMU in Familienbesitz hält sich Rivella nach wie vor an der Spitze der Schweizer Hersteller von Erfrischungsgetränken. Und das trotz einiger Rückschläge, etwa der Flop von Rivella Gelb oder die misslungenen Gehversuche in den USA, Grossbritannien oder in Japan.

Verrückte Dinge plant Brügger deshalb in Zukunft keine. So müssen Rivella-Kunden auch künftig etwa auf Rivella Cola oder einen Energy Drink aus Rothrist verzichten. «Wir denken ständig über Innovation nach und haben natürlich auch Cola auf dem Radar.» Der Konsument erwarte von Rivella aber etwas anderes als von einem klassischen Cola-Getränk. Brügger sagt: «Ich glaube, wir tun gut daran, das Cola-Thema anderen zu überlassen.»

Den Hauptabnehmern Migros und Coop wäre das ebenfalls schwer zu vermitteln. Brügger spürt auch so schon die Macht der beiden Detailhändler. Kritisch sieht er die Rolle der Wettbewerbsbehörden: «Es ist inzwischen akzeptiert, dass die beiden Grossen immer mehr auf ihre Eigenmarken setzen.» Der Detailhandel definiere, welche Innovation gefördert wird und welche nicht. «In vielen anderen Ländern würde das niemals so akzeptiert werden.»

Ein Dorn im Auge ist dem Rivella-Chef auch das geplante Swissness-Gesetz. Dieses soll die Marke Schweiz schützen. Dass eines gemacht werden soll, hält Brügger für richtig, das Ergebnis jedoch für nicht gelungen. Die Nahrungsmittelindustrie habe die Entwicklungen ein Stück weit verschlafen, die Landwirtschaft habe ihre Interessen durchgesetzt. Dies müsse korrigiert werden. «Wir müssen den Gesetzesartikel ändern», sagt Brügger. Wenn die Wertschöpfung in der Schweiz generiert wird, müsse das berücksichtigt werden.

In einer mehrteiligen Serie beleuchtet die «Nordwestschweiz» in den nächsten Wochen die Sorgen und Nöte der Schweizer KMU. Die kleineren und mittleren Unternehmen beschäftigen rund zwei Drittel der Menschen in der Schweiz. Die grosse Frage ist, wie sie mit der Frankenstärke umgehen. Im zweiten Teil der Serie geht es um die Firma Rivella, die beliebteste Getränkemarke des Landes. (ASC)