Jungunternehmen leben gefährlich. Nur jedes zweite übersteht die ersten fünf Jahre, so die Faustregel. Die 2011 als Spin-off der Fachhochschule Nordwestschweiz gegründete iNovitas AG hat diese Hürde schon mal locker genommen und erfreut sich auch im sechsten Lebensjahr prächtiger Gesundheit.

Das Start-up aus Baden-Dättwil produziert dreidimensionale Strassen- und Schienenaufnahmen, vergleichbar mit Google Street View, aber in weit grösserer Detailtreue und Funktionalität. Zur Kundschaft gehören Ingenieure von Tiefbauämtern oder Eisenbahnunternehmen.

Und diesen droht die Arbeit so schnell nicht auszugehen: Alleine für den Werterhalt des Schweizer Schienennetzes sind jährlich Unterhaltsaufwendungen von 2,5 Milliarden Franken nötig, für die Strassen gar drei Milliarden.

«So breit wie möglich streuen»

Für die iNovitas mit aktuell 33 Mitarbeitern birgt das Inland also Potenzial genug, könnte man meinen. «Klar», sagt Co-Gründer Christian Meier, «wir hätten die Firma für die nächsten paar Jahre auf die Schweiz ausrichten können.» Andererseits: «Wenn du eine digitalisierte Technologie mit Leidenschaft entwickelt hast, dann musst du auch versuchen, diese so breit wie möglich zu streuen.»

Der internationale Durchbruch gelang 2014 mit dem Gewinn einer europaweiten Ausschreibung der Stadt Berlin. Seither sind Kunden aus 14 weiteren Ländern dazugekommen und jetzt – ein weiteres Highlight – die Nomination für den «Oscar der Schweizer Exportindustrie», den Export Award von Switzerland Global Enterprises (S-GE). Im Auge hatte Meier bei der Anmeldung eigentlich die Kategorie «Step-in», die laut S-GE einen herausragenden Markteintritt würdigt. Nur gibt es diese Kategorie dieses Jahr gar nicht mehr. Umso grösser war deshalb die Überraschung über den Finaleinzug in der verbleibenden Hauptkategorie. Für diese sei iNovitas «zu klein und zu jung», hatte Meier gedacht.

Und eigentlich ist sein Unternehmen ja sowieso nicht das, was man sich unter einem Export-Champion gemeinhin so vorstellt. Das iNovitas-Produkt, also die Software und die Messdaten, befinden sich nicht auf Schweizer Boden, sondern irgendwo in der Cloud. Und wenn ausländische Kunden über ihre Browser darauf zugreifen, schlägt sich dies nicht in der Aussenhandelsstatistik des Bundes, sondern allenfalls in einer Dienstleistungsexport-Schätzung der Nationalbank nieder.

Nächstes Ziel: Skandinavien

«Export» ist jedoch schon längst mehr als nur Güterausfuhr. Aus der Sicht Meiers ist das Exportgeschäft vor allem ein Kampf um die Wertschöpfungsketten. So fliessen beispielsweise 30 Prozent der Einnahmen aus jeder hierzulande getätigten Uber-Fahrt in die USA. «Und mit der zunehmenden Digitalisierung», ist der Jungunternehmer überzeugt, «werden sich solche Sachen noch akzentuieren». Sein Fazit: «Wir müssen kreativ genug sein, um uns in andere Wertschöpfungsketten integrieren zu können.»

In den USA wurde diesbezüglich bereits ein Teilerfolg erzielt: iNovitas bereitete die von einem amerikanischen Unternehmen gesammelten Messdaten auf, damit Ingenieure sie nutzen können. Destinationen innerhalb Europas werden derweil noch ganz altmodisch mit dem Auto angefahren. Letztes Jahr etwa ging die Reise erstmals nach Skandinavien. «Wir sind raufgefahren, haben Aufnahmen gemacht und diese den Behörden zu Testzwecken zur Verfügung gestellt», so Meier. Unterdessen laufen in Schweden und Norwegen mehrere Projekte. Und auf der iNovitas-Gehaltsliste steht auch schon ein in Göteborg stationierter «Geschäftsleiter Nordic».

Da die grosse Finanzkraft zur Eroberung neuer Märkte fehlt, müssen für einen Markteintritt laut Meier mehrere Faktoren stimmen. In Skandinavien war einer davon die Aufgeschlossenheit der Verwaltungen gegenüber Cloud-Lösungen. In anderen Ländern wiederum sei es wichtig, einen Lokalmatador zu finden, um überhaupt bei den entscheidenden Stellen vorsprechen zu können.

Mit der Internationalisierung bekommen die Jungunternehmer zunehmend auch politische Entwicklungen zu spüren. Nachdem die iNovitas-Messfahrzeuge letztes Jahr einen Teil des Nationalstrassennetzes in der türkischen Hauptstadt Ankara abgefahren sind, ist das Projekt nun ins Stocken geraten. Die negative Erdogan-Berichterstattung in den Medien sei nicht hilfreich, sagt Meier diplomatisch. Die Lust an der Expansion lässt er sich davon aber nicht verderben: «Die digitalen Plätze werden jetzt bezogen. Und wir wollen vorne mit dabei sein.»