1. Wie kam es zur Eskalation im Handelskonflikt zwischen China und den USA?

Lange Zeit hatte vieles darauf hingedeutet, dass sich der Konflikt zwischen den beiden grössten Volkswirtschaften der Welt langsam beruhigt. Doch letzte Woche kündigte US-Präsident Donald Trump unvermittelt zusätzliche Strafzölle auf dem Import chinesischer Produkte an. Dies, obwohl ihm laut US-Medienberichten sein Beraterstab von dieser Eskalation abhalten wollte. An den Börsen begannen die Kurse zu sinken. Am Montag dann verlor die chinesische Währung, der Yuan, gegenüber dem Dollar auffällig stark an Wert. Ein Dollar kostete erstmals seit 2008 mehr als 7 Yuan. Für Trump war sogleich klar: China manipuliert den Währungskurs. Die USA taxierten darauf China offiziell als “Währungsmanipulator”. Darauf sackten die Börsen weltweit noch tiefer ab.

2. Trifft es zu, dass China die Währung manipuliert?

Die chinesische Zentralbank weist diesen Vorwurf entschieden zurück. Trotzdem halten es viele Ökonomen - darunter Aymo Brunetti von der Universität Bern - für plausibel, dass China die Währung als Waffe im Handelsstreit einsetzt. Denn China hat nicht mehr viele andere Mittel: Im Gegensatz zu den USA ist die klassische Waffe der Strafzölle, mit der Trump ficht, auf Seiten der Chinesen stumpf. Dazu importiert China schlicht zu wenig US-Produkte, als dass es Amerika schmerzen würde. Trump sitzt im Zoll-Streit eindeutig am längeren Hebel.

Da sah es noch nach Tauwetter aus: US-Präsident Donald Trump und Chinas Präsident Xi Jinping beim G-20-Gipfel in Osaka, Japan, Ende Juni.

Da sah es noch nach Tauwetter aus: US-Präsident Donald Trump und Chinas Präsident Xi Jinping beim G-20-Gipfel in Osaka, Japan, Ende Juni.

3. Warum haben sich die Börsen am Dienstag stabilisiert?

Die Talfahrt hörte auf, nachdem Chinas Zentralbank signalisierte, dass sie den Yuan nicht weiter fallen lassen werde. Ein schwacher Yuan hat zwar für China den Vorteil, dass seine Produkte im Ausland billiger und damit wettbewerbsfähiger werden. Aber eine zu starke Abwertung birgt Risiken für das Riesenreich. Denn aus Ländern mit sich abwertenden Währungen fliesst in der Regel Kapital ab. Und Kapitalflucht ist das letzte, was China brauchen kann - sie könnte das chinesische Finanzsystem destabilisieren.

4. Sind die US-Zölle für Chinas Wirtschaft denn so schlimm?

Die Chinesen spüren die Folgen tatsächlich. Letzte Woche wurde publik, dass China nicht mehr der wichtigste Handelspartner der USA ist. Amerika importierte im ersten Halbjahr 2019 erstmals mehr Waren sowohl aus Mexiko wie auch aus Kanada als aus China. Dass sich das Wachstum der chinesischen Wirtschaft abkühlt, ist eine Folge davon - und für das Regime in Peking gefährlich, denn es schöpft seine Legitimität aus dem bislang beeindruckenden Wirtschaftswachstum. Es gibt Firmen, die zurzeit noch in China produzieren, jetzt aber die Produktion in andere asiatische Länder verlagern, um den Strafzöllen auszuweichen.

5. Kann es sich Trump leisten, immer mehr Zölle zu erheben?

Kurzfristig schon. Denn die US-Wirtschaft läuft blendend, die Arbeitslosigkeit ist auf Rekordtief und die Löhne steigen - und zwar nicht nur jene der Topverdiener, sondern auch auf diejenigen des Mittelstandes und der Arbeiter. Und zwar so stark wie nie unter Barack Obama. Wenn nun Produkte, welche die Amerikaner importieren, etwa Handys und Autos, wegen der Zölle teurer werden, so werden das die US-Konsumenten vorderhand verkraften. Das könnte sich indes schnell ändern, wenn der mittlerweile 10 Jahre andauernde Aufschwung der US-Wirtschaft abbricht. Doch im Moment unterstützen auch Trumps Gegner, die Demokraten, eine harte Gangart gegenüber der Wirtschaftsmacht China.

6. Was passiert, wenn nach China auch andere Länder beginnen, ihre Währungen abzuwerten?

Wenn ein Land seine Währung schwächt, um seine Produkte billiger zu machen, tut es dies auf Kosten des Auslands. Andere Länder könnten diesen Nachteil neutralisieren, indem sie ihre eigene Währung ebenfalls abwerten. Im schlimmsten Fall würde das in einen Abwertungswettlauf münden. Dann hätte kein Land mehr einen Vorteil, doch das Wirtschaftssystem insgesamt würde leiden: Die Zentralbanken haben die Geldschleusen ohnehin schon weit offen, ein Abwertungswettlauf würde zu einer Überhitzung der Wirtschaft führen - und zu Inflation, letztlich zu einer Rezession. Dass es so weit kommt, erwartet man zurzeit nicht, auch wenn die "Financial Times" schreibt, es sei ein kurzer Weg von einem Handels- zu einem Währungskrieg und es sei nicht auszuschliessen, dass Donald Trump versucht sein könnte, den Dollar direkt zu schwächen. Was in einem echten Abwertungswettlauf passieren kann, sah man in der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre.

7. Muss auch die Schweiz ihre Währung abwerten?

Der Franken wird in unsicheren Zeiten tendenziell stärker ("sicherer Hafen"). Weitet sich der Handels- und Währungskonflikt aus, könnte die Nationalbank gezwungen sein, zu intervenieren. Ein "Währungsmanipulator" ist sie deswegen aber nicht; Abwehrmassnahmen gegen einen zu starken Franken geschehen eher aus Notwehr. Denn ein zu starker Franken belastet die Exportwirtschaft und den Tourismus.

8. Wie gefährlich ist der Handelskonflikt für die weltpolitische Sicherheitslage?

Im Vordergrund steht ein wirtschaftliches Kräftemessen. Doch im Zuge des Handelskonflikts entfernen sich China und die USA auch in der Sicherheitspolitik. China und Russland nähern sich an. Vor zwei Wochen veranstalteten die beiden autoritär geführten Staaten gemeinsame Militärübungen. Russland ist seit kurzem der wichtigste Öl-Lieferant für China (nicht mehr der US-Verbündete Saudi-Arabien). In mehreren Weltkonflikten - Syrien, Venezuela, Subsahara - machen China und Russland gemeinsame Sache, stets gegen die US-Interessen. Es droht die Gefahr, dass die zunehmenden Konflikte zwischen den USA einerseits und China/Russland andererseits auch zu einem Systemwettstreit werden, ähnlich wie im Kalten Krieg: Demokratisches versus autoritäres Gesellschaftssystem.