100 000 Kilowattstunden sind die magische Grösse. Wer mehr Strom verbraucht, erhält Zugang zum freien Strommarkt. Deshalb vergeuden Firmen auf kreative Weise Strom.
Der Backofen bleibt an. Das Licht auch. Mit solchen Massnahmen treiben kleine und mittlere Betriebe ihren Stromverbrauch in die Höhe. Überraschend daran: Sie sparen damit Geld. Und zwar einige tausend Franken jährlich. Dies zeigt eine Recherche der «SonntagsZeitung».
Ist der Stromverbrauch bis Ende September höher als 100 000 Kilowattstunden (kWh), erhalten Verbraucher im folgenden Jahr Zugang zum freien Strommarkt. Dort sind die Energiepreise deutlich tiefer – teilweise halb so teuer – wie im geschlossenen Markt für private Haushalte und Kleinfirmen. Gerade Restaurants, Hotels und kleine Industriebetriebe ranken mit ihrem Stromverbrauch um die 100 000er-Grenze. Und wegen des starken Frankens ist diese Sparmassnahme für sie attraktiv.
Die «SonntagsZeitung» rechnet denn auch vor, wie viel ein Restaurant im Kanton Waadt und eine Industriefirma aus Zürich mit dem vergeudeten Strom sparen. Das Restaurant verbraucht jährlich etwas mehr als 96 000 kWh Strom. Mit einem einmaligen Stromverbrauch von etwas weniger als 3000 kWh fallen Kosten von 725 Franken an. Mit dem Zugang zum freien Strommarkt aber spart das Restaurant von nun an jährlich über 3400 Franken. Auch die Industriefirma in Zürich kann mit einer einmaligen Stromverschwendung von über 8000 kWh ab nächstem Jahr fast 4000 Franken jährlich sparen.
Eine Hürde, die bleibt
Damit das gelingt, nehmen Firmeninhaber sogar Investitionen auf sich. Wie Werner Geiger, Partner des Energieberatungsunternehmens Enerprice, gegenüber der «SonntagsZeitung» sagt, gibt es Firmen, die für 100 Franken transportierbare Bauheizungen einkaufen und diese durchgehend laufen lassen. Beispielsweise müsste die Zürcher Industriefirma die Heizung etwa drei Monate laufen lassen, um den Stromverbrauch auf über 100 000 kWh zu steigern.
Was skurril klingt, macht für viele Betriebe marktwirtschaftlich Sinn. Wer einmal den Zugang zum freien Strommarkt hat, verliert diesen nicht mehr. Auch dann nicht, wenn der Stromverbrauch unter 100 000 kWh fällt. Der Zugang zu tieferen Energiepreisen macht die Firmen wettbewerbsfähiger. Gerade in Zeiten des starken Frankens ist dies nicht unbedeutend.
Die Grenze von 100 000 kWh ist bei Firmen die Schwelle zum Grossbetrieb. Diese erhielten 2009 im Zuge der Teilliberalisierung des Schweizer Strommarktes Zugang zum freien Markt. Ein mögliches Rezept gegen diesen wirtschaftlichen Fehlanreiz wäre die vollständige Liberalisierung des Strommarktes.
Aber: Der Bundesrat hat diesen Prozess im Mai um Jahre nach hinten verschoben. Mit der Begründung: «Wir müssen auf das Rahmenabkommen mit der EU warten.» Henrique Schneider, stellvertretender Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes sgv, sagt auf Anfrage: «Diese Erklärung akzeptiere ich nicht. Die Liberalisierung des Strommarktes ist sogar eine Vorbedingung für das Stromabkommen mit der EU.» Der Verband lote derzeit Möglichkeiten aus, wie die Diskriminierung der KMU behoben werden könne. Solange aber die Energiestrategie 2050 im Parlament diskutiert werde, habe es für weitere Stromdiskussionen keinen Platz, sagt Schneider.