Nutella

Wie Ferrero mit Brotaufstrich zum Weltkonzern aufstieg

Geboren wurde sie aus Sparsamkeit und Mangel im Zweiten Weltkrieg –heute werden jährlich 250000 Tonnen Nutella verdrückt, von Jung und Alt. Dominik Asbach/Key

Geboren wurde sie aus Sparsamkeit und Mangel im Zweiten Weltkrieg –heute werden jährlich 250000 Tonnen Nutella verdrückt, von Jung und Alt. Dominik Asbach/Key

Vor 50 Jahren hat das erste Glas Nutella die Fabrik der Familie Ferrero im piemontesischen Alba verlassen. Der süsse Brotaufstrich hat den 89-jährigen Firmen-Patriarchen Michele Ferrero zum reichsten Italiener gemacht.

Nutella mag eine der bekanntesten italienischen Marken sein – über den Erfinder des weltberühmten Brotaufstrichs weiss man wenig: Firmenpatriarch Michele Ferrero scheut die Öffentlichkeit, jeglicher Glamour ist ihm zuwider. Der 89-Jährige verkörpert die piemontesischen Tugenden, die er von seinem Vater Pietro geerbt hat, einem bescheidenen Konditor in dem abgeschiedenen Städtchen Alba: Arbeitsamkeit, Diskretion, Sparsamkeit und Reserviertheit. So kann der reichste Italiener noch heute unerkannt in einen Supermarkt gehen – um sich persönlich davon zu überzeugen, dass die Produkte des Hauses Ferrero ordentlich präsentiert werden.

Letztlich war auch die Nutella-Creme aus Sparsamkeit und Mangel geboren worden: Während des Zweiten Weltkriegs, als die Preise für Roh-Kakao ins Unendliche stiegen, suchte Konditor Pietro Ferrero nach einer günstigeren Alternative und fand sie in Form der im Piemont reichlich vorhandenen Haselnüsse. 1946 entstand so die Haselnuss-Kakao-Mischung «Giandujot», die Ur-Nutella. Diese wurde im Lauf der Jahre verfeinert und von Ferrero zunächst in «Supercrema» und im Jahr 1964 in Nutella umbenannt. Heute vwerden jährlich weltweit rund 250 000 Tonnen von der braunen Masse verkauft.

Keine Börsenspekulationen

27,4 Milliarden Dollar beträgt laut der US-Zeitschrift «Forbes» das Vermögen des Nutella-Patriarchen. Damit liegt er vor dem Luxottica-Gründer Leonardo del Vecchio und weit vor Silvio Berlusconi. Zu seinem Reichtum und zu seiner dominierenden Marktstellung kam der Süsswarenkönig aus Alba nicht durch Übernahmeschlachten oder Börsenspekulationen, sondern durch Erfindungsgeist und stetiges organisches Wachstum. Ferrero ist so zum Aushängeschild des italienischen Familienkapitalismus schlechthin geworden: Trotz der Milliardenumsätze und der internationalen Ausrichtung hat Firmenpatriarch Michele Ferrero sein Unternehmen nie für fremde Kapitalgeber geöffnet und einen Börsengang abgelehnt.

Ferrero ist einer der ganz wenigen italienischen Weltkonzerne: Insgesamt beschäftigt das Unternehmen 25 000 Mitarbeitende (davon 5000 in Alba) in 20 Werken auf vier Kontinenten; zum Konzern gehören überdies 73 Tochtergesellschaften. Michele Ferrero ist bis heute Hauptaktionär; sein Sohn Giovanni leitet als CEO die Geschicke der Firma. Von der schweren Krise, unter welcher Italien seit Jahren leidet, spürt man am Konzernsitz in Alba nichts, im Gegenteil: Im vergangenen Jahr ist der Umsatz um weitere 5,6 Prozent gestiegen und hat erstmals die 8-Milliarden-Euro-Grenze geknackt. Vor allem die Erschliessung neuer Märkte wie Mexiko und die Türkei haben zu dem rasanten Wachstum beigetragen.

Dem Chef muss es schmecken

Der introvertierte Michele Ferrero gilt als innovativer Tüftler und Perfektionist. Er hat sich nie auf dem Erfolg ausgeruht, sondern nach immer neuen Produkten geforscht. So entstanden im Laufe der Jahre die «Kinder»-Schokolade, «Tic Tac», «Mon Chérie» und viele andere meist sehr süsse Spezialitäten. Auf den Markt kommen die neuen Produkte jeweils nur, wenn Michele Ferrero höchstpersönlich mit deren Geschmack zufrieden ist. Sehr früh, schon ab den Fünfzigerjahren, hat Ferrero auch ins Ausland expandiert und Produktionsstätten ausserhalb Italiens gebaut. So ist das Unternehmen aus Alba aus eigener Kraft gewachsen und musste keine teuren Übernahmen stemmen, um neue Märkte zu erobern.

Der strenggläubige Michele Ferrero ist ein grosser Madonnen-Verehrer; in allen Ferrero-Fabriken der Welt stehen die entsprechenden Statuen. Die Top-Manager müssen den Patriarchen jedes Jahr auf eine Wallfahrt nach Lourdes begleiten. «Den Erfolg von Ferrero haben wir der Madonna von Lourdes zu verdanken; ohne sie können wir kaum etwas ausrichten», hat Ferrero einmal gegenüber Mitarbeitern erklärt. Die Ferreros gelten auch als sehr soziale Arbeitgeber: «Die Familienphilosophie besteht darin, zu arbeiten, etwas aufzubauen und etwas abzugeben», betont Francesco Fulci, Präsident der Ferrero-Gruppe und früherer UNO-Botschafter Italiens.

Zur Feier des 50-Jahr-Jubiläums der Nutella-Creme hat die italienische Post eine Sonderbriefmarke mit einem Nutella-Glas herausgegeben. Wie gewohnt hat Patriarch Michele Ferrero auch bei dieser Gelegenheit das Rampenlicht gemieden und zur Präsentation der Briefmarke seinen Unternehmenspräsidenten Fulci geschickt. Dieser bekräftigte bei dem Anlass, dass Ferrero nach wie vor keinerlei Interesse an irgendwelchen Übernahmen und anderen Börsentransaktionen habe: «Nach Meinung von Michele Ferrero ist einer der Gründe für den Erfolg der Gruppe die Tatsache, Finanzoperationen abzulehnen und lieber zu arbeiten», sagte Fulci.

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