Arbeitswelt

Wie die digitale Technologie unseren Alltag verändert

Die Digitalisierung krempelt die Arbeitswelt um – auch in den Fabriken. Auf was sich die Beschäftigten jetzt einstellen müssen.

BorgWarner erstellt den Schichtplan basisdemokratisch. Die Mitarbeiter bestimmen selbst, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit sie zur Arbeit kommen. Per Smartphone werden die Zeiten untereinander abgestimmt. Passt die gut entlohnte Samstagsschicht besser in den Zeitplan als die am Donnerstagmorgen, reicht ein Klick in die elektronische Arbeitszeit-Umfrage – den «Schicht-Doodle» – und die Schicht ist getauscht.

Wäre BorgWarner ein hippes IT-Start-
up mit einer Handvoll bärtigen Online-Bloggern um die 30, würde diese Art der Arbeitseinteilung wenig überraschen. Dass es sich aber bei dem Unternehmen um einen Hersteller von Getrieben, Turboladern und Wegfahrsperren handelt, einen US-Traditionsbetrieb, gegründet im Jahr 1880, lässt erahnen: Es bewegt sich etwas in der Industrie. Denn solche Beispiele sind keine Einzelfälle mehr.

Elektronische Helfer

Besonders im Kommen sind kleine, vernetzte Helfer, die Angestellte in den Fabriken und Logistikzentren bei ihrer Arbeit unterstützen. Immer beliebter werden etwa Datenbrillen – was man angesichts des grandiosen Flops der «Google Glass» kaum vermuten würde.

Doch so nutzlos die Brillen im privaten Gebrauch sind, so vielversprechend sind ihre Möglichkeiten in den Werkhallen und Lagern: Sie weisen Logistikern den richtigen Weg zwischen kilometerlangen Hochregalen und ersparen Qualitätsprüfern mühsames Aktenordnerwühlen. Dem Brillenträger werden die gewünschten Informationen in Echtzeit direkt aufs Auge geschickt.

Tim Jeske vom Düsseldorfer Institut für angewandte Arbeitswissenschaft (IFAA) überrascht diese Entwicklung nicht. «Digitalisierung bedeutet auch, dass Informationen besser verwendet werden», sagt er. Dies komme den Beschäftigten zugute, sei es durch die bessere Anpassung der Arbeitszeiten an die familiären Umstände oder die Erleichterung der Arbeit durch elektronische Helferlein.

All dies läuft heute unter dem Schlagwort Industrie 4.0 und meint: die totale Vernetzung in der Produktion. Der Mensch arbeitet Hand in Hand mit Robotern, digitale Helfer erleichtern den Fabrik-Alltag.

Obwohl der Einsatz von Smartphone und Datenbrille im Nachhinein bei den meisten Benutzern positiv bewertet werde, begegneten viele Angestellte technischen Neuerungen anfangs mit Vorbehalten, sagt Jeske.

«Manche sehen ihren Arbeitsplatz bedroht und lehnen die neuen Technologien deshalb ab.» Es sei daher umso wichtiger, von Beginn an die Beschäftigten in Sachen Industrie 4.0 einzubinden und den Nutzen zu erklären. Doch reicht das aus, um den besorgten Arbeitern die Angst vor einem möglichen Jobverlust zu nehmen? Sind diese Ängste gar berechtigt?

Qualifizierung ist der Schlüssel

«Die Prognosen beim möglichen Arbeitsplatzabbau gehen sehr weit auseinander», sagt Martin Kuhlmann vom Soziologischen Forschungsinstitut der Universität Göttingen. Dass der Mensch wichtig bleibt, dafür gebe es schlicht keinen Beleg. Das gelte jedoch genauso für die Warnungen, die den Menschen in der industriellen Fertigung bereits als Auslaufmodell betrachten.

Trotz der unterschiedlichen Aussagen herrsche in einem Punkt jedoch Einigkeit: bei der Bildung. «Es muss in Ausbildung und Qualifizierung investiert werden», sagt Arbeitsforscher Kuhlmann. Diese Ansicht teilten selbst «die neoliberalsten Ökonomen». Am besten solle dies bereits «im frühkindlichen und schulischen Bereich» beginnen. Einen Haken habe die Sache jedoch, so Kuhlmann weiter: Diejenigen Firmen, die Weiterqualifizierung der Mitarbeiter am lautesten fordern, bilden oft nur die ohnehin schon gut qualifizierten Angestellten weiter.»

Kuhlmann rät den Beschäftigten in der Industrie daher, selbst aktiv zu werden. Am besten im Zusammenschluss mit Kollegen. «Qualifizierung ist die entscheidende Komponente, um auch künftig am Arbeitsmarkt bestehen zu können. Die Arbeiter und Angestellten sollten innerhalb ihres Betriebs auf Weiterbildungen drängen.»

Um in Zeiten von Industrie 4.0 nicht abgehängt zu werden, sollten die Menschen wissen, was auf sie im Arbeitsalltag zukommt. Kuhlmann sieht hier besonders drei Entwicklungen: neue Technologien, mehr Flexibilität und steigende Kooperationsanforderungen.

Beispiele wie der elektronische Schichtkalender, der inzwischen in einigen Betrieben eingesetzt wird, haben dabei nicht nur Vorteile. Zwar komme mehr Flexibilität sowohl dem Unternehmen als auch den Angestellten zugute – der Betrieb kann Schichten je nach anfallender Arbeit ausschreiben, der Mitarbeiter seine Arbeitszeit dem Stundenplan der Kinder anpassen. Allerdings könne so auch der Druck auf die Arbeitnehmer erhöht werden, warnt Kuhlmann.

Es braucht erfahrene Mitarbeiter

Obwohl nach Ansicht von Arbeitsmarktexperten keine abschliessende Aussage über die Zukunft der Industriearbeitsplätze in dieser frühen Phase der Industrie 4.0 getroffen werden kann, lässt sich doch ein Trend ausmachen. Und dieser Trend gibt Hoffnung, dass Investitionen in die Ausbildung nicht umsonst sind.

Tim Jeske vom Düsseldorfer IFAA beschreibt das so: «Die Unternehmen werden auf die Ressource Mensch auch künftig nicht verzichten wollen.» Sie würden einiges tun, um weiterhin Fachkräfte an sich zu binden. Und Martin Kuhlmann ergänzt: «Auslagerungen von bestimmten Tätigkeiten werden wahrscheinlich zunehmen, doch qualifizierte, erfahrene Mitarbeiter werden gerade in der hochautomatisierten Fabrik ein ganz entscheidender Baustein sein.»

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