Datencenter

Wie die Cloud die Wirtschaft umkrempelt

Cloud-Anbieter Amazon Web Services lagert Schweizer Kundendaten in riesigen Datenspeichern im Ausland.

Cloud-Anbieter Amazon Web Services lagert Schweizer Kundendaten in riesigen Datenspeichern im Ausland.

Für Start-ups geht es gar nicht mehr ohne, aber auch Traditionsfirmen setzen immer stärker auf die Datenwolke. Wer etwa in der SBB-App eine Zugverbindung sucht, surft direkt durch die Cloud des weltgrössten Anbieters Amazon. Und die Entwicklung steht erst am Anfang.

Ian Massingham hat einen merkwürdigen Beruf. Einen von jenen, die erst durch die Digitalisierung notwendig geworden sind. Massingham ist technischer «Evangelist» bei der Amazon-Tochter Amazon Web Services. Die biblische Anspielung im Jobtitel ist nicht zufällig gewählt – vieles in der Welt der IT-Giganten aus Amerika hat religiöse Züge. Man denke nur an die kulthaften Auftritte von Apple-Chef Tim Cook vor seinen «Jüngern», wenn es ein neues iPhone vorzustellen gibt.

Was Massingham bei Amazon Web Services genau macht, ist kompliziert. Vereinfacht gesagt leitet er ein Team, das Softwareentwicklern erklärt, wie sie mit der Cloud umgehen sollen.

Die Cloud, das sind teilweise riesige Datencenter, die nicht nur Speicher, sondern auch Rechenleistung oder Software für die Nutzer bereithalten. Diese können meist von überall und jederzeit darauf zugreifen. Vor allem Firmen und andere Organisationen nutzen die Amazon-Wolke. Zu den Kunden gehören Netflix und Dropbox.

Massingham kennt sich aus mit der Datenwolke. In dieser Woche war der Brite in der Schweiz, wo er in Baden AG vor rund 1500 Kunden seines Arbeitgebers sprach, notabene der grösste Cloud-Anbieter der Welt. Es war der erste Gipfel, den Amazon Web Services in der Schweiz abhielt.

© CH Media

Anzüge sucht man bei solchen Szenetreffen vergeblich. Massingham tritt in Jeans und grünen Turnschuhen auf die Bühne. Doch so lässig das Auftreten der Cloud-Vertreter ist, so überzeugt sind sie von der Bedeutung ihres Geschäfts. «Die Cloud ist ein entscheidender Erfolgsfaktor für Unternehmen – und damit für die Wirtschaft insgesamt», sagte Massingham am Rande der Veranstaltung zu dieser Zeitung. Damit bringt er eine Entwicklung auf den Punkt, die auch unabhängige Experten seit einiger Zeit beobachten.

Das Schaffhauser Beratungsunternehmen MSM Research ­beziffert die Ausgaben für Cloud-Services in der Schweiz im vergangenen Jahr auf 2,86 Milliarden Franken – und erwartet in diesem Jahr einen Anstieg um 26 Prozent. «Ohne die Cloud», bilanziert MSM Research, «würde die Digitalisierung in all ihren Facetten kaum stattfinden.»

Amazon Web Services steht an der Spitze der Cloud-Anbieter. Mit grossem Abstand dahinter folgen Microsoft und Google. Innerhalb des Amazon-Konzerns spielen die Web Services inzwischen eine gewichtige Rolle: Allein im zweiten Quartal dieses Jahres stieg der Umsatz der Tochterfirma um 37 Prozent auf 8,38 Milliarden Dollar. Auf das Gesamtjahr gerechnet sind das 33 Milliarden. Noch eindrücklicher: Von Amazons 12,4 Milliarden Dollar Gewinn letztes Jahr kamen 7,3 Milliarden von Amazon Web Services.

Schwanger dank der Datenwolke

Unterhält man sich mit Firmengründern, scheint der Fall klar: Ohne die Cloud geht heute nichts mehr. So auch beim Zürcher Start-up Ava. Die Firma mit inzwischen 120 Mitarbeitern vertreibt ein Armband, das Frauen hilft, schwanger zu werden. Und zwar so: Bisher liesse sich der Beginn der fruchtbaren Tage der Frau nicht einfach vorhersagen, sagt Pascal Koenig. Das Ava-Armband könne das. Über Nacht, so der Firmengründer, werden Parameter wie Durchblutung, Temperatur und Herzfrequenz gemessen. Eine App schickt die gesammelten Daten dann in die Cloud. Warum das nötig ist? Weil einiges an Daten zusammenkommt: «Drei Millionen Datenpunkte pro Frau und Nacht», rechnet Koenig vor. «Morgens, wenn die Daten hochgeladen werden, muss die Serverkapazität massiv hochgehen.» Eine eigene Serverinfrastruktur aufzubauen, wäre sehr teuer – «ein absolutes No-Go für ein Start-up». In der Cloud lässt sich die Leistung einfach kurzzeitig dazumieten.

Dabei sind es nicht nur Start-ups, die grosse Teile ihrer Rechenleistung aus der Cloud beziehen. «Für die meisten Unternehmen weltweit ist die Cloud ein substanzieller Teil ihrer IT-Strategie», sagt Massingham. Industriekonzerne beziehen immer mehr Dienste aus der Cloud – genau wie die SBB: «Die Handy-App der Schweizerischen Bundesbahnen läuft über unsere Cloud», sagt er. Jede Suchanfrage auf der SBB-App geht direkt in die Amazon-Wolke.

Pharmariesen wie Novartis und Anbieter von Bankensoftware wie Finnova – in der Schweiz hat sich Amazon Web Services einen beträchtlichen Kundenstamm aufgebaut. «Wir haben über 10 000 Kunden in der Schweiz», sagt Massingham. Während Konkurrent Microsoft vor wenigen Wochen zwei Schweizer Datencenter für ihre Cloud eröffnet hat, hat Amazon Web Services noch keine Datenspeicher hier – trotz Büro in Zürich und Genf. Die Daten der Schweizer Kunden sind in Frankfurt gelagert oder in Paris, künftig auch im neuen Datencenter-Cluster in Mailand, das Anfang 2020 in Betrieb gehen soll. Auf die Frage, ob Schweizer Kunden kein Problem damit hätten, dass die Daten nicht im Land selbst gespeichert sind, antwortet Massingham: «Unsere Kunden stört das nicht.»

Hundertprozentige ­Sicherheit gibt es nicht

Dass die Daten sicher sind – egal ob sie in der Schweiz ­liegen oder nicht –, ist freilich einer der zentralen Punkte im Cloud-Geschäft. Immer wieder überschatten Skandale die Branche: So verschickte Amazons Echo-Lautsprecher, über den der Sprachassistent Alexa läuft, private Tonaufzeichnungen an andere Nutzer. Hierzulande geriet die Swisscom in die Kritik, als aus ihrer Cloud Fotos Hunderter Nutzer unwiderruflich verschwanden.

Wer die Cloud nutzt, für den ist Sicherheit daher ein Dauerthema. So auch bei Ava: «Der Schutz der persönlichen Daten steht für uns an oberster Stelle», sagt Pascal Koenig. Ava versuche, mit möglichst wenig persönlichen Daten auszukommen. Diese könnten auch jederzeit gelöscht werden. «Es werden höchste Standards eingehalten», sagt Koenig. Hundertprozentige Sicherheit gebe es allerdings weder bei Ava noch sonst wo im Internet, sagt er. Das sei «die Downside der schönen neuen Welt».

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Autor

Fabian Hock

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