Es war einer der grossen Aufreger, als im August 2009 bekannt wurde, dass Josef Ackermann als damaliger Chef der Deutschen Bank seinen Geburtstag auf Einladung von Angela Merkel im Bundeskanzleramt gefeiert hatte. Zu seinem 60. Jahrestag am 7. Februar 2008 hatte er rund 30 Gäste über die Kanzlerin eingeladen, die dann – anders lässt es sich nicht ausdrücken – auf Staatskosten bewirtet wurden. Die unterstellte mangelnde Trennung zwischen privatem und dienstlichem Anlass sorgte, angefacht vom politischen Gegner, für ein Anschwellen der Empörung. Dabei hatte das Kanzleramt bereits im April 2009 auf eine Anfrage im Bundestag geantwortet, Merkel habe den Geburtstag des Bankchefs «zum Anlass genommen», ein Abendessen mit Vertretern aus Wirtschaft und Gesellschaft auszurichten, was Teil des Jobs ist und damit natürlich nicht anrüchig.

Die Sache ruhte, bis das ARD-Magazin «Report Mainz» die Sache, angereichert mit deftigen O-Tönen von Renate Künast, seinerzeit Fraktionsvorsitzende der Grünen, dann im Spätsommer 2009 ins Scheinwerferlicht rückte. Merkel geriet in Erklärungsnot, tröpfchenweise wurde dann zunächst im Haushaltsausschuss über die Kosten des Abendessens informiert, welche grundsätzlich aus «den etatisierten Haushaltsansätzen für Personal- und Sachkosten» bestritten wurden, plus Kosten für zusätzliches externes Servicepersonal in Höhe von 2100 Euro.

Doch damit war das Drama noch nicht zu Ende, sperrte sich das Kanzleramt doch gegen die öffentlich erhobene Forderung, die Gästeliste des Abends zu veröffentlichen – was Furor verursachte, hatte der Drang nach Transparenz doch eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Den Stein ins Rollen gebracht hatte Ackermann selbst in einem ZDF-Interview, das Ausgangspunkt für den ARD-Bericht war. Darin gab er zu Protokoll, Merkel habe ihm gesagt, sie würde gerne etwas für ihn tun, er solle doch «etwa 30 Freunde und Freundinnen einladen aus Deutschland und der Welt, mit denen ich gerne einen Abend zusammensein würde im Kanzleramt. Und ich muss Ihnen sagen, es war ein wunderschöner Abend.»

Eine Menge Eitelkeit

Aus diesem Statement spricht eine Menge Eitelkeit, gepaart mit Geltungsdrang und Abgehobenheit – aber hatte sich der Deutsche-Bank-Chef wirklich nur verplappert? Merkel durfte die Folgen dieser Indiskretion jedenfalls ausbaden. Den Grossteil der Gästeliste veröffentlichte der damalige «FAZ»-Herausgeber Frank Schirrmacher, der selbstironisch gestand: «Ich war auf Ackermanns Party.» Mit seinem Ende August 2009 erschienenen Bericht rückte Schirrmacher aber auch ins Bewusstsein, dass die Stimmung im Land («Wir befanden uns vor der Krise») erst nach der Sause im Kanzleramt kippte und Banker-Bashing erst dann en vogue wurde – bebildert ist der Text mit einer Aufnahme von Ende 2006, die Ackermann und Merkel lächelnd eng beieinander auf dem Frankfurter Opernplatz zeigt, im Hintergrund ragen die Zwillingstürme. Wie sehr das Binnenverhältnis seit Ackermanns Party-Geständnis aber bereits gelitten hatte, verdeutlicht Schirrmachers Hinweis, Ackermann habe «wenig später auf Druck von Frau Merkel einen Preis nicht angenommen». Die Kanzlerin hatte einer CSU-nahen Stiftung wohl zu verstehen gegeben, dass sie Ackermanns Auszeichnung mit einem Zukunftspreis nicht unterstützt.

Für Merkel war also zwischen Februar 2008 und August 2009 der Zeitpunkt gekommen, um von Ackermann abzurücken. Dabei war die Finanzkrise bereits Ende Juli 2007 in Deutschland mit der Schieflage der IKB angekommen, Ende August war die unter Subprime-Lasten ächzende Sachsen LB der LBBW untergeschoben worden. Auch bei der Hypo Real Estate (HRE) gärte es bereits, selbst Ackermann warnte im September 2007 vor Verlusten aus Subprime-Positionen. Und während im Kanzleramt auf Joes Geburtstag angestossen wurde, zeigte sich die US-Notenbank schon besorgt über die Stabilität der für den US-Hypothekenmarkt relevanten Bond-Versicherer.

Im Herbst 2008 steht Ackermann als Frontmann der deutschen Bankwirtschaft dann im Mittelpunkt der staatlich gesteuerten Rettungsaktion für die Hypo Real Estate (HRE). Während HRE-Chef Georg Funke draussen vor der Tür warten muss, gelingt es Ackermann, das Engagement der deutschen Kreditwirtschaft auf 15 Mrd. Euro zu begrenzen – kurz darauf steht das staatliche Bankenrettungspaket von 480 Mrd. Euro. Ackermann beweist wenige Tage später fehlendes Gespür, als er anmerkt, er würde sich schämen, Staatshilfe anzunehmen, während Merkel Banken animiert, Unterstützung anzunehmen.

Spätestens nach dieser Episode dürfte Merkel gedämmert haben, dass sie sich zu sehr hatte vereinnahmen lassen von Ackermann, der unter dem Schutzschirm impliziter staatlicher Deckung operierte und so das Aufdecken seiner Bilanz- und Compliance-Sünden verzögern konnte. So konnte der gebürtige Schweizer – in der Branche wurde sein Aufblühen abschätzig so kommentiert: «Er war als Seppel aus Zürich gegangen und als Joe in Frankfurt angekommen» – weiter als Strahlemann unterwegs sein. Die Selbstinszenierung des Bankenchefs gipfelte in TV-Auftritten als Experte zur Griechenland-Krise, als Ackermann dem Publikum erklärte, was das Problem mit den (allerdings von Bankenrettungen aufgeblähten) Staatsschulden ist – während es auch in der Bilanz der Deutschen Bank schon gärte. Und obwohl das straffere Aufsichtsregime bereits seine Schatten warf, gab er noch Folgendes zum Besten: «Nicht die Kapitalausstattung der Banken ist das Problem, sondern die Tatsache, dass Staatsanleihen ihren Status als risikofreie Aktiva verloren haben.»

Ackermann führte die Deutsche Bank von 2002 bis 2012 und hinterliess, darüber herrscht heute Einigkeit angesichts der gewaltigen Altlasten sowie der Defizite in der Unternehmenskultur, einen Scherbenhaufen. Kennen gelernt hatte ihn Merkel 2003 noch als Oppositionsführerin. Als Regierungschefin hatte sie ihm dann 2006 noch vor seiner Aussage im Mannesmann-Prozess persönliche Integrität bescheinigt – dann kam das Victory-Zeichen. Trotzdem blieb Ackermann noch vor Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller erster Ansprechpartner von Merkel in Bankenfragen über ihren engsten Beraterkreis im Kanzleramt hinaus. Bei der Rettung der Hypo Real Estate waren es Ackermanns Truppen, welche die Bücher in München prüften und weitere Milliardenlöcher zutage förderten. Seinen Strategiechef Axel Wieandt delegierte er an die Isar als HRE-Sanierer. Und da Ackermann nicht verlegen war, auch Details auszuplaudern, liess er die Presse wissen, dass die Kanzlerin ihn noch um Mitternacht auf dem Handy angerufen und es dabei geschafft habe, «noch 1,5 Milliarden mehr aus mir herauszupressen».

Das Verhältnis kühlte ab

Dann kühlte das Verhältnis nach dem Schambekenntnis Ackermanns ab, Merkel bezieht ihn nicht mehr ein bei den grossen Themen, obwohl er sich selbst als Griechenland-Retter andient. Das gipfelte in die an Ackermann gerichtete Zurechtweisung, man könne nicht immer «Risiken vergemeinschaften», ohne diese selber «als Akteur» auch ein Stück weit mitzutragen. In der Folge rückte Merkel nicht unwesentlich von Marktpositionen ab. Heute will aus der deutschen Regierung keiner mehr mit einem Spitzenbanker fotografiert werden. Merkel ist auf Abstand gegangen zu einer Branche, die sie in gewissem Sinne enttäuscht hat.

Dass eine Kluft zwischen Berlin und Frankfurt besteht, wurde zuletzt im Oktober 2016 offensichtlich. Als sich die Spekulationen über eine möglicherweise notwendige Stützung der Deutschen Bank wegen einer drohenden US-Milliardenstrafe zuspitzten, liess sich Merkel nach tagelangem Schweigen doch noch zu einer Stellungnahme hinreissen, die sich nicht als hilfreich erwies, da sie den Druck auf die Aktie nur verstärkte: «Zur Deutschen Bank möchte ich nur so viel sagen, dass die Deutsche Bank ein Teil des deutschen Banken- und Finanzsystems ist. Und dass wir uns natürlich wünschen, dass alle Unternehmen, auch wenn es temporäre Schwierigkeiten gibt, eine gute Entwicklung nehmen.»

Diese gute Entwicklung ist der Deutschen Bank seitdem durchaus gelungen: Der Angriff der Spekulanten wurde abgewehrt, die Aktie vollzog eine Erholungsrally, was Deutsche-Bank-Chef John Cryan den Spielraum verschaffte, eine Kapitalerhöhung über acht Milliarden Euro auf den Weg zu bringen. Und auch wenn es bei der Deutschen Bank niemand an die grosse Glocke hängt, so ist doch zu vernehmen, dass mittlerweile wieder ein besserer Draht nach Berlin besteht, um sich beispielsweise in regulatorischen Fragen mit internationaler Tragweite abzustimmen.

Für Merkel scheint es aber dennoch ein weiter Weg zu sein, sich auch mal offensiv für den Bankenstandort Deutschland einzusetzen. Dies wird von einigen ihrer Parteifreunde bedauert, nicht zuletzt, da in diesen Tagen aktiv um die Ansiedelung von Banken aufgrund des Brexit geworben werden müsste. Und da wäre es sicher hilfreich, wenn es auch von höchster Stelle eine Geste des Willkommens gäbe – es muss ja nicht gleich ein Fest im Kanzleramt steigen.

Im April 2011 fand dann übrigens das letzte Kapitel in der Party-Saga statt: Infolge einer Klage nach dem Informationsfreiheitsgesetz (IFG) musste das Kanzleramt die Gästeliste des Abends veröffentlichen – und das alles nur, weil Josef Ackermann den Wichtigtuer hatte spielen müssen. Peinlich für Merkel: Den Dokumenten zufolge wollte sie «Leistungen und Erfolge» des Geburtstagskindes herausstellen, «insbesondere was das Investmentbanking angeht». Diese Rede wurde aber nie gehalten.