Börse

Wie ABB und Nestlé zeigen, sind Aktivisten nur mässig erfolgreich

Prominenter aktivistischer Aktionär: Daniel Loeb, Gründer des Investmentfonds Third Point.

Prominenter aktivistischer Aktionär: Daniel Loeb, Gründer des Investmentfonds Third Point.

Daniel Loeb ist kein Kind von Bescheidenheit. Das würde auch schlecht zum Geschäftsmodell des New Yorker Hedgefonds-Managers passen. Loeb sucht mit allen Mitteln die Publizität, wenn er bei Firmen seine Rolle als aktivistischer Aktionär spielt und dem Management erklärt, wie es die Leistung steigern muss. So kam der Investor im Juni 2017 auch bei Nestlé an. Der Nahrungsmittelmulti habe sein Potenzial bei weitem nicht ausgeschöpft, monierte er in einem offenen Brief. Nestlé solle das Sortiment straffen, die margenschwachen Produkte aussieben und sich auf die lukrativeren Artikel im Sortiment konzentrieren.

Es ist das Standardrezept der sogenannten Shareholder-Aktivisten. Höhere Margen sollen eine höhere Börsenwertung bringen. Die gleiche Logik liegt auch der Abtrennung der Stromnetzsparte von ABB zugrunde, auf die der schwedische Investor Cevian während fast vier Jahren hingearbeitet hatte.

Die Hedgefonds-Manager hoffen auf möglichst viele Trittbrettfahrer, wenn sie sich lautstark als neue Aktionäre zu erkennen geben. Das Spiel folgt einer simplen Regel: Je mehr Rendite die Investoren mit ihren Interventionen in den Firmen in der Vergangenheit erzielen konnten, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie von anderen Aktionären Unterstützung erhalten. Im Fall von Nestlé schien der Zauber perfekt zu funktionieren – zumindest am Anfang. Doch dann erlosch das Feuer, und die Nestlé-Aktien verschwanden nach einem Hüpfer bald wieder im grossen Feld.

Loeb und sein Investmentfonds Third Point haben offensichtlich an Zugkraft eingebüsst. Und mindestens im Moment sieht es ganz danach aus, als würde der Glanz der Geldmanager weiter verblassen. 2018 haben Loebs Kunden mit Third Point nämlich 11 Prozent verloren, wie das «Wall Street Journal» am Freitag einem nicht öffentlichen Performance-Ausweis des Fonds entnehmen konnte.

Kein Grund zur Zurückhaltung

Eigenartig nimmt sich vor diesem Hintergrund Loebs seinerzeitige Forderung an die Nestlé-Führung aus, die grosse Beteiligung am französischen Kosmetikhersteller L’Oréal zu verkaufen. Die Aktien erwiesen sich für Nestlé nämlich als perfekte Absicherung. Während sie im Vergleich zum 1. Juli 2017 immer noch fast 8 Prozent im Plus notieren, hat der europäische Blue-Chip-Index EuroStoxx50 rund 15 Prozent eingebüsst. Nicht zuletzt dank L’Oréal kamen die Nestlé-Titel mit einem Minus von knapp 3 Prozent noch glimpflich davon. Doch die wenig überzeugende Vorstellung war für Loeb kein Grund zur Zurückhaltung. Im vergangenen Jahr riss er einen Streit mit der Leitung des US-Suppenherstellers Campbell vom Stapel. Ende November einigte man sich auf einen zwölfmonatigen Waffenstillstand, wobei Third Point im Verwaltungsrat Einsitz nehmen konnte und bei der Suche nach einem neuen Chef mitreden darf.

Aber auch bei dem US-Traditionskonzern zeigten Loebs Interventionen nur temporär Wirkung. Das ist wenig überraschend. Denn schon die langjährigen und erfolglosen Bemühungen der im Mai unvermittelt abgetretenen Chefin Denise Morrison machen deutlich, dass es auch für ausgebuffte Branchenprofis kein Kinderspiel ist, den seit vier Jahren rückläufigen Umsatz des Suppenunternehmens wieder voranzubringen.

Auch Cevian hat sich als Aktionärsaktivistin bei ABB nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Seit der ersten Investition imJuni 2015 ist der Aktienkurs um 15 Prozent gefallen. Gleichwohl sicherte sich die Beteiligungsgesellschaft einen Sitz im Verwaltungsrat. Seit 2017 sitzt Mitgründer Lars Förberg im Gremium. Letzten Dezember kündigte ABB nicht zuletzt auf Drängen der Shareholder-Aktivistin den Verkauf des eigentlichen Herzstücks des Konzerns, der Stromübertragungssparte, an. Auch dieser Schritt half dem Aktienkurs nicht – im Gegenteil. So wie das Cevian-Engagement für den Elektrotechnikkonzern eine Zäsur bedeutet, könnte es nun auch den Leistungsausweis der Investoren und damit deren Glaubwürdigkeit nachhaltig beeinträchtigen.

25 Kampagnen in der Schweiz

Aktionärsaktivisten erlebten nicht gerade ihre beste Zeit, räumt ein nicht genannt sein wollender Brancheninsider ein. Investoren begännen ihre Gelder abzuziehen, umso mehr, als sie in den letzten zehn Jahren mit simplen und kostengünstigen Indexanlagen weit besser gefahren wären. Ohne Folgen wird der Shareholder-Aktivismus aber auch dann nicht bleiben, wenn ihre bekanntesten Akteure weniger Schlagzeilen produzieren.

Die Bewegung habe sich in die Breite entwickelt und auch bisher eher passive Investmentfonds veranlasst, ihren Stimmen mehr Nachachtung zu verschaffen, sagen Beobachter. In der Schweiz feiert das Phänomen derzeit offenbar Urstände. Einer von «Finanz und Wirtschaft» veröffentlichten Statistik der Beratungsfirma Deloitte zufolge haben aktivistische Investoren in der Schweiz im abgelaufenen Jahr 25 Kampagnen und Aktionen gegen Firmen gestartet – so viele wie noch nie seit sechs Jahren.

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