Der Mann hat das Geld gar nicht nötig. Thomas Schmidheiny, mit geschätzten 4,8 Milliarden Franken auf Platz 27 der «Bilanz»-Reichstenliste.

Investor, Hotelier und vor allem eines: Grossaktionär des Zementkonzerns Holcim, der seine Wurzeln in der aargauischen Portlandcement-Fabrik in Holderbank hat, die am 15. Februar 1912 von Adolf Gygi gegründet wurde.

Und doch stellt er jetzt auf stur, will einen Marschhalt durchsetzen, bessere Konditionen aushandeln. Dabei wäre die Fusion mit dem französischen Konkurrenten Lafarge auf der Zielgeraden, hätte Mitte Jahr vollgezogen werden können. Dieses Zusammengehen unter Gleichen, das Schmidheiny aus «industrieller Logik» heraus stets begrüsst hatte, steht jetzt auf des Messers Schneide.

«Der Verwaltungsrat von Holcim ist [...] zum Schluss gekommen, dass der Zusammenschlussvertrag mit Lafarge in der vorliegenden Form nicht vollzogen werden kann», heisst es in einer Medienmitteilung, die gestern früh verschickt worden ist. Man habe Lafarge vorgeschlagen, über das Austauschverhältnis und Fragen der Governance in guten Treuen neu zu verhandeln. Lafarge ihrerseits habe geantwortet, dass man nur über das Austauschverhältnis Verhandlungen führen wolle.

Unterschiedliche Entwicklungen

Im Klartext heisst dies: Der Verwaltungsrat von Holcim, der stark von Schmidheiny und dessen Vertreter dominiert ist, will seinen Aktionären unter den gegebenen Bedingungen ein Zusammengehen nicht zumuten. Zu stark hätten sich die beiden Unternehmen und die entsprechenden Unternehmenswerte unterschiedlich entwickelt im letzten Jahr, ist aus Schmidheinys Umfeld als Begründung zu erfahren.

Während sich Lafarge mit ihren Heimmärkten in Europa, in Afrika aber auch im Nahen Osten schwertut, profitiert Holcim von der anziehenden Konjunktur in den USA und in Asien und ist mit dem internen Sparprogramm auf Kurs.

Mit dieser Ausgangslage habe man nicht rechnen können vor einem Jahr, heisst es weiter. Und so gibt sich die Firma, welche die Schmidheinys so schwerreich gemacht hat, mit einer Sonderdividende, die eigentlich für solche Fälle vorgesehen ist, nicht zufrieden. Man will das sorgfältig austarierte Umtauschverhältnis neu verhandeln.

Es wird ein Machtkampf der Giganten: An Holcim hält Thomas Schmidheiny 20 Prozent, der Russe Filaret Galvhev gut zehn Prozent. Hinter Lafarge stehen der belgische Milliardär Albert Frère und der ägyptische Unternehmer Nassef Sawiris.

Die Rechnung geht so: Derzeit wird die Aktie von Holcim laut den Analysen der Zürcher Kantonalbank (ZKB) mit einem Aufschlag von rund zehn Prozent zur Lafarge-Aktie gehandelt. Gemäss einem Artikel des Wirtschaftsnachrichtendienstes Bloomberg strebt der Holcim-Verwaltungsrat ein Austauschverhältnis von 0,875 zu 1 an, was einem Aufschlag von rund 14 Prozent entsprechen würde. Lafarge soll gemäss dem Artikel einen Aufschlag von rund 8 Prozent als akzeptabel betrachten.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Geplant war ursprünglich, dass der Verwaltungsrat paritätisch von beiden Seiten bestückt wird. Aus der Mitteilung von gestern ist zu entnehmen, dass Holcim eine Veränderung der Zusammensetzung der Führungsstruktur anstrebt, was Lafarge aber abzulehnen scheint. Auch dass der künftige Chef aus Frankreich kommt, kommt auf Holcim-Seite nicht gut an.

Die Folgen des erzwungenen Marschhalts sind klar. Die ZKB-Analysten sprechen etwa davon, dass der Fusionsprozess nun sicher holpriger wird. Denn es sei völlig unklar, wie der Ausgang von Neuverhandlungen ausfallen könnte: «Wir schliessen selbst ein Scheitern der Fusion nicht mehr aus, obwohl dann beide Parteien stark an Glaubwürdigkeit verlieren würden.»

Die Zukunft der Transaktion sei völlig offen, meint auch der Analyst von Bernstein, Phil Roseberg, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Sicher ist, dass sich Holcim derzeit in einer viel besseren Situation als Lafarge befindet. Die Schweizer sehen sich viel weniger unter Druck als noch vor einem Jahr, den Deal um jeden Preis durchzuziehen. Man fühlt sich nicht gedrängt in der Schaltzentrale der Schmidheinys, die in Rapperswil-Jona in einem auf den ersten Blick unscheinbaren Gebäude liegt.

Politische Risiken nehmen zu

Und so haben die Aktien von Lafarge gestern kurz nach Bekanntgabe der Differenzen um fünf Prozent verloren, während die Holcim-Papiere nur knapp über ein Prozent einbüssten.

In den nächsten Tagen werden die Handlungsspielräume der beiden Parteien ausgelotet. Setzt sich Holcim durch, kann von der viel beschworenen Fusion unter Gleichen nicht mehr die Rede sein. Retten könnte den Deal nur noch eine Übernahme durch die Schweizer, so die Spekulationen.

Einen Riegel hinter solche Ambitionen könnte die französische Regierung schieben. Sie hat ja schon nur widerwillig dem Plan zugestimmt, dass der Hauptsitz der fusionierten Firma in der Schweiz zu liegen käme. Wie sie jetzt reagieren würde, wenn der grösste Zementkonzern des Landes faktisch aufgekauft würde, ist höchst ungewiss.