Es war ein rabenschwarzer Tag für den deutschen Siemens-Konzern in China: Auf seiner chinesischen Homepage erschien ein Video, in dem ein Manager die Kunden anfleht, dem Unternehmen zu verzeihen: «Ich bitte Sie um Entschuldigung, falls Sie nicht zufrieden sind, wie die Türen einiger unserer Kühlschränke schliessen.» Roland Gerke, China-Chef der Haushaltgerätesparte von Siemens: «Es tut mir leid, dass Sie Unannehmlichkeiten hatten und dass wir so lange gebraucht haben, bis wir angemessen reagierten.»

Die Selbstkritik kursiert seit dieser Woche nicht nur im chinesischen Internet. Die Medien berichteten über die Entschuldigung des Deutschen. Damit hat die Kampagne eines chinesischen Bloggers, der sich über die Türe seines Kühlschranks ärgert, einen neuen Höhepunkt erreicht.

Das Gerät war erst drei Jahre alt

Begonnen hatte die Posse im September, als der 39-jährige Luo Yonghao in seinem Mikroblog entnervt berichtete, wie die Tür seines Siemens-Kühlschranks immer wieder aufspringe – und das bei einem erst drei Jahre alten Gerät. Seine Klage fand ein unerwartetes Echo: Hunderte Chinesen aus allen Ecken des Landes bloggten, sie hätten dasselbe Problem mit ihren Siemens-Geräten. «Wir merkten plötzlich, dass wir nicht allein waren», so Luo zur az.

An einem Sonntag im November zerschlug Luo mit Freunden vor der Siemens-Zentrale in Peking ihre Kühlschränke. Sie spannten ein Transparent auf mit dem Schriftzug: «Siemens, mach die Tür zu!». Das Video kursierte noch am selben Tag im Internet.

Kein Nobody

Der Anführer der Protestler ist in China kein Nobody. Der Unternehmer Luo gehört zu einem Kreis erfolgreicher Künstler und Geschäftsleute, zu denen der Rockmusiker Zuoxiao Zuzhou oder der Rennfahrer und Schriftsteller Han Han zählen. Viele von ihnen sind für ihre kritische Haltung gegenüber der Regierung bekannt. Nun richtete sich der Zorn gegen Siemens. Die Zerschlagung der Kühlschränke sei «die einzige Methode, Aufmerksamkeit zu erreichen», da die Konsumenten in China sonst keine Möglichkeiten hätten, ihr Recht einzuklagen: «Die offiziellen Verbraucherorganisationen sind zahnlos, vor Gericht zu gehen bringt nichts und ist zu teuer.»

Luo, ein kräftiger und redegewaltiger Mann, besitzt eine Sprachschule. Seine Blogs auf der Website «Bulloger», in denen er sich über die Tücken des Alltags und über Ungerechtigkeiten und Behördenwillkür ereifert, werden von Millionen Chinesen gelesen. «Ich kann es nicht ertragen, wenn meine Rechte missachtet werden», sagt er.

Gleichzeitig bestreitet er den Vorwurf von Kritikern, dass er sich einen Multi als Gegner ausgesucht hat, um nationalistische Gefühle zu schüren. «Kann ich etwas dafür, dass es gerade mein Siemens-Kühlschrank ist, der das Problem macht?», fragt er.

Siemens: 33000 Angestellte in China

Siemens beschäftigt in China über 33000 Angestellte. Die Schriftzeichen des Industrieriesen bedeuten «Tür zum Westen». Die Brisanz der Beschwerden und den Einfluss der Mikroblogs hat Siemens lange unterschätzt: Journalisten, die bei der Zentrale um eine Reaktion baten, wurden abgewimmelt.

«Sie haben uns etwa erklärt, Siemens sei nicht zuständig, da die Geräte von einer chinesischen Firma gebaut und nur den Namen von Siemens tragen würden», sagt Luo. Die Entschuldigung hat er zwar inzwischen bekommen, aber Luo bleibt hartnäckig. Falls die Firma innerhalb einer Woche keine zufriedenstellende Antwort auf alle offenen Fragen gebe, werde er in Peking «ein kollektives Kühlschrank-Zerschlagungs-Happening» organisieren.

Auf dem Video war hinter dem Manager Gerke ein Motto der Firma zu erkennen: «Die Zukunft zieht mit ein.» Aber vorher muss sie noch die Türen schliessen.