Der Mittelstand ist unter Druck. Das führt zu Verdrossenheit und Perspektivlosigkeit bei einer breiten Bevölkerungsschicht, die Zuflucht in den Armen der Populisten suche. So lautete der Tenor an einer hochkarätigen Panelveranstaltung am WEF gestern. Muss man sich Sorgen machen um den Mittelstand? Wenn ja, was muss die Politik tun?

Christine Lagarde, die französische Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), tischte ein paar interessante Fakten zur weltweiten Entwicklung der Einkommen auf. In den Industriestaaten gehe die Einkommensschere immer weiter auseinander. Dadurch werde der Mittelstand marginalisiert, dessen Anteil an der Gesamtbevölkerung in den letzten Jahren von 60 auf 50 Prozent schrumpfte. Im Rest der Welt zeigte sich jedoch ein anderes Bild: Jedes Jahr würden dort mehr Menschen in den Mittelstand aufsteigen.

Lagarde will mehr Umverteilung

Der Mittelstand in den USA und in Europa sei verunsichert und führe die Länder in die Krise. Die verunsicherte Bevölkerung sage schnell und zu allem «Nein», sagte Lagarde. Stichworte wie Brexit und die italienische Verfassungsreform wurden genannt. Als Lösung plädierte die IWF-Chefin für mehr Umverteilung, um den Mittelstand zu stärken. Damit war Starökonom Larry Summers nur bedingt einverstanden. Umverteilung und Populismus müsse man getrennt betrachten. Es gebe keine einfachen Lösungen, sagte der frühere Berater von Präsident Clinton. «Es ist ein grober Fehler, wenn man die Sorgen weiter Teile der Bevölkerung nicht ernst nimmt.» Er warf den westlichen Regierungen vor, sich vor allem für Minderheiten und Flüchtlinge einzusetzen, aber keine Antworten auf die Sorgen der Mehrheit der Wähler zu haben.

Summers, der die Politik der US-Demokraten über mehrere Regierungen prägte, ist überzeugt, dass Populisten dem Mittelstand nicht helfen werden. Donald Trump verspreche, Jobs für die unteren und mittleren Schichten nach Amerika zurückzuholen. «Er hat ein paar Telefonate gemacht und so Firmen gezwungen, einige hundert Jobs in den USA anzusiedeln. Aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was er mit seiner populistischen Rhetorik anrichtet», sagte Summers. Die mexikanische Währung habe sich dadurch um 15 Prozent abgewertet – was Mexiko als Standort für US-Firmen günstiger und attraktiver mache. «Das wird zur Verlagerung von Zehntausenden, vielleicht Hunderttausenden von Jobs aus den USA nach Mexiko führen!» Einmal mehr zeige sich: Die Populisten schaden denjenigen, in deren Namen sie angeblich handeln würden.

Auf dem Podium feuerte Summers eine Spitze gegen Hedge-Fonds-Manager Ray Dalio ab. Um die Reichen (wie Dalio) müsse man sich ja keine Sorgen machen. Sie würden auch in einer unsicher werdenden Welt Wege finden, ihren Wohlstand zu mehren.

«Populismus macht mir Angst!»

Dalio, der mit Bridgewater den grössten Hedge-Fonds der Welt führt, fühlte sich bemüssigt, die von Trump angekündigten Steuersenkungen zu verteidigen. Diese würden ein gutes Klima für Unternehmen schaffen, was Kapital anzieht und neue Jobs schafft. Der Finanz-Manager ist überzeugt, dass die Populisten nicht so schnell von der Weltbühne abtreten werden. Sie werden in den «nächsten ein bis zwei Jahren weiter zulegen.» Zum Schluss gab er jedoch zu: «Ich möchte es laut und deutlich sagen: Populismus macht mir Angst!» Dem hatten die anderen Teilnehmer des Podiums nichts hinzuzufügen.