Digitalisierung
Wer löscht das Licht?

Wirtschafts-Redaktor Tommaso Manzin schreibt in seiner Analyse zur digitalen Dezimierung in den Büros: «Zu selbstgefälliger Glaube an traditionelle Stärken, etwa bei der Bildung, kann fatal sein. Es sind falsche Gewissheiten, die zu bösem Erwachen führen. Die Geschäftsmodelle, die uns jetzt zum Umdenken zwingen, kommen jedenfalls nicht aus der Schweiz.»

Tommaso Manzin
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KEYSTONE/ANTHONY ANEX

Bisher tat es der Hausdienst. Oder der Kollege am nächsten Morgen. Aber wer wird das Licht löschen an jenem Abend, auf den kein Morgen folgt?

Es geht nicht um Meteoriten. Es geht um etwas, das nicht einmal eine Masse hat. Und dennoch wird es mit Wucht einschlagen. Es geht um Digitalisierung. Anfang 2016 orakelte eine Studie der Universität Oxford, kaufmännische Jobs würden von ihr geradezu dahingerafft. Automatisierung von Industriestellen hatte schon im mechanischen Zeitalter Tradition. «Das ist halt so», sagten sich wohl auch die «Bürolisten». Die Möglichkeit, einst selbst betroffen zu sein, hatten sie nicht budgetiert. Dass die Digitalisierung ein Vollblut-Schreibtischtäter ist, zeigt aber auch eine vom Kaufmännischen Verband (KV) in Auftrag gegebene Studie. Wo früher Poster von Grossstädten oder exotischen Stränden die Blicke nicht nur in Kaffeepausen in die Ferne schweifen liessen, prangt nun das Menetekel der Ersetzbarkeit. Und in den über die still rauschenden Computer gleitenden Augen spiegelt sich die Angst vor den Maschinen, die allein übrig bleiben könnten, ohne die alten Poster eines Blickes zu würdigen.

Von der Problemzone zum Frustrationsreservoir: 45+

Verbände und Unternehmer haben die Zeichen gelesen und zeigen angesichts der Bedrohung – und Chancen – Handlungswillen: Broschüren über neue Arbeitskompetenzen werden gedruckt, mit motivierten jungen Leuten auf dem Cover. Der KV hat sogar einen Zertifikatslehrgang «Arbeitskompetenz 4.0.» geschaffen. «Jung» ist ein gutes Stichwort: Die Problemzone im gesellschaftlichen Gewebe sind Mitarbeiter ab 45 – ein Grossteil der Bevölkerung. Es gibt Stimmen, die sagen, dass es die steigende Unzufriedenheit dieser eher moderaten Schicht war, die den Brexit und die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ermöglichte. Mit steigendem Pensionierungsalter wird dieses potenzielle Frustrationsreservoir immer grösser werden.

Die Experten scheinen die Lösung gefunden zuhaben: Lebenslange Weiterbildung. Auch wenn das fantasielos und vor allem anstrengend klingt, es könnte der einzige Weg sein. Aber kann man einfach Weiterbildung trotz Familie und Beruf plötzlich zur Selbstverständlichkeit erklären? Da ist es eventuell doch einfacher, wütend zu werden und der Politik einen Denkzettel zu verpassen. Ein weiterer vielleicht etwas zu gut gemeinter Rat: flexibel bleiben. Die KV-Studie zeigt nämlich, dass Arbeit zunehmend die Form von Projekten und Expertenaustausch haben wird, ohne Hierarchien. Doch was ist der Fluchtpunkt dieser Perspektive? Freelancing? Die Ich-AG? Dass das traditionelle Angestelltenverhältnis ein Auslaufmodell sein soll, wird von den Verbänden dennoch verneint. Das ist zumindest erklärungsbedürftig. In dieselbe Kategorie fällt das Motto «Veränderungen sind Chancen». Man muss kein Hellseher sein, um sagen zu können: Die Chancen der Digitalisierung liegen auf der Seite der Unternehmer. Es steht ihnen frei, Arbeit mit Maschinen zu ersetzen.

Die Beschwörung von Schweizer Qualität darf kein Reflex werden

Fatal könnte aber auch zu selbstgefälliger Glaube an eigene, traditionelle Stärken sein, etwa bei der Bildung. Es darf nicht zum Reflex werden, sich auf die «sprichwörtliche« Schweizer Qualität zu berufen, um Unheil abzuwenden. Es sind just solche Gewissheiten, die böses Erwachen ermöglichen, dem Neuen die revolutionäre Kraft geben, wenn es dann plötzlich da ist. Die Geschäftsmodelle, die uns jetzt zum Umdenken zwingen, stammen jedenfalls nicht aus der Schweiz, sondern aus Kalifornien. Zwar betont der KV, dass Widerstand gegen die neuen Technologien zwecklos sei. Eine subtilere Form von Widerstand könnte aber ebenso gefährlich sein: zu meinen, dass man einfach nachrüsten kann.

Noch ist Windstille. Das Jahr am Arbeitsmarkt endet fast in Partystimmung: Gemäss dem Michael Page Swiss Job Index ist die Anzahl der Stellenangebote im Jahresvergleich um rund 39 Prozent gestiegen, ein Rekord. Doch ob in fünf oder zehn Jahren, der Sturm wird kommen. Darin sind sich die Experten einig. Und dann wird jener Roboter, vor dem sich alle fürchten, vielleicht auch gleich der sein, der das Licht löscht, wenn wir dereinst die Jacke von der Stuhllehne nehmen und zum letzten Mal unser Büro verlassen. Vielleicht müssen wir nicht einmal die Tür schliessen, weil sie es selbst tut.

tommaso.manzin@azmedien.ch