Nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten gab es Bedenken, ob man diesem impulsiven Immobilienguru den «nuclear football», jene 20 Kilo schwere schwarze Leder-Aktentasche, überlassen könne. Mit dem Koffer, in dem sich nicht wie in der Legende behauptet ein roter Knopf, sondern die Atomcodes befinden, kann der Präsident und Oberbefehlshaber der Truppen zu jeder Zeit einen Nuklearschlag befehligen. Dabei erreicht ein anderer Knopf, den Trump täglich und bevorzugt nachts bedient, ähnliche Sprengkraft: der Sende-Button von Twitter.

Am 6. Dezember um 5.52 Uhr morgens twitterte Trump: «Boeing baut eine brandneue 747 Air Force One für künftige Präsidenten, aber die Kosten sind ausser Kontrolle, mehr als vier Milliarden Dollar. Bestellung canceln!» Nach 10 Sekunden war der Aktienkurs im freien Fall. Trumps Drohung, den milliardenschweren Deal – das Auftragsvolumen belief sich laut Reuters auf nur 2,87 Milliarden Dollar – mit der prestigeträchtigen Air Force One platzen zu lassen, verschreckte die Anleger.

Die zehnsekündige Verspätung, mit der die Märkte nach Berechnungen der Analysefirma Nanex reagierten, markiert einen ungewöhnlichen Vorgang: Händler griffen das Signal auf, noch bevor computerisierte Trading-Programme überhaupt reagierten – obwohl der Tweet in seinem simplen Duktus wie massgeschneidert für maschinelle Analysen wäre. Das ist erstaunlich. In Zeiten des Hochfrequenzhandels, wo Algorithmen in Mikrosekunden Transaktionen vollziehen, sind zehn Sekunden eine halbe Ewigkeit. Worin liegt der Grund für diese Zeitverzögerung?

Eine Erklärung wäre, dass Algorithmen das Signal zunächst als zu schwach erachteten. Banken führen schon länger Stimmungsanalysen von Tweets durch, um in Echtzeit Marktveränderungen aufzuspüren. Die US-Technologiefirma iSentium nutzt eine Software, die Tweets in ihre Einzelteile zerlegt und stimmungsrelevante Adjektive identifiziert. Der Kurznachrichtendienst ist mit 500 Millionen Tweets am Tag ein Seismograf für Stimmungen.

Efrem Hoffman, Gründer der Analytics-Firma Running Alpha, hält Trumps Tweets gar für eine neue Quelle von Marktinformationen. Der Datenspezialist arbeitet an einer Strategie, die stimmungsrelevante Wörter, die von Trumps Handy abgesetzt werden, analysiert und die emotionale Volatilität mit Schlüsselbegriffen bestimmter Politikbereiche korreliert. Taugt Trump zum Börsenorakel?

Aus einzelnen Tweets lassen sich freilich noch keine validen Markttrends ableiten. Und doch kann ein Tweet die Börse in Bewegung bringen. «Wenn Trump weiterhin öffentlich einzelne Unternehmen via Twitter aufruft, haben wir bald einen interessanten Datensatz, mit dem wir arbeiten können», sagte der Analyst Zachary David dem Sender CNBC. Trump hat auf Twitter 17,2 Millionen Follower, darunter rund ein Drittel Bots, automatisierte Skripte, die unablässig teilen und retweeten. Womöglich manipuliert diese Roboterarmee nicht nur die öffentliche Meinung, sondern auch Stimmungen auf den Märkten, indem sie Handelssignale setzen, auf die Computerprogramme aufspringen. Der Twitter-Kanal ist die gefährlichste Waffe des president elect. Wenn Trump twittert, zittert die Börse.