Jetzt wird es also selbst den Saudis zu viel. Der Ölminister des Landes, das in den letzten Jahren mehr Erdöl als jedes andere aus dem Boden gepumpt hat, traf sich  in der katarischen Hauptstadt Doha mit seinem Pendant aus Russland.

Das Gesprächsthema: Der rekordtiefe Ölpreis – und wie er wieder nach oben korrigiert werden kann. Zur Überraschung vieler endete das Treffen mit einem Beschluss. Gemeinsam mit dem Gastgeberland und dem arg vom Ölpreis gebeutelten sozialistischen Venezuela verkündeten die beiden Erdöl-Schwergewichte ihre Absicht, die Fördermengen auf dem Stand des Monats Januar einfrieren zu wollen. 

Trotz des schwerwiegenden Hakens – mehr dazu gleich – dürfte die Nachricht in weiten Teilen der Welt mit einiger Erleichterung aufgenommen worden sein. Besonders bei den Erdölproduzenten. Denn neben einem Konkurrenten wie Saudi-Arabien Öl zu fördern und dieses auch noch verkaufen zu wollen, ist in etwa so, wie Politik gegen die SVP zu machen: Man liegt im Clinch mit einem finanziell übermächtigen Gegner, der, wenn es sein muss, die Widersacher mit seinen schier unerschöpflichen Mitteln geradezu überrollt.

Saudi-Arabien fördert Öl mit der Suppenkelle

Im Falle des Erdöls sitzen die Überfahrenen gleichsam in den USA wie in Russland – und überall dort, wo sonst noch Öl aus der Erde gefördert wird. In Amerika sind es die Fracking-Firmen, die unter der Förderwut der Saudis leiden.

Fracking, also das Aufbrechen von Schiefergestein tief in der Erde, um an darin schlummerndes Öl und Gas zu gelangen, ist aufwendig und teuer.

Viel teurer als die Fördermethoden der Saudis, die Erdöl praktisch mit der Suppenkelle aus der Wüste löffeln.

Die Schieferölvorkommen in den USA sind jedoch gewaltig und aus Angst vor der neuen Konkurrenz holten die Scheichs in Riad die ganz grossen Kellen raus. Damit trieben sie zwar viele «Fracker» wie geplant in den Ruin. Doch der Schaden beschränkte sich nicht auf die US-Firmen.

Der billige Ölpreis traf auch jene hart, mit denen die Saudis im Jahr 1960 einen Pakt geschlossen hatten. Mit der Gründung der Organisation erdölexportierender Länder, der Opec, sollte eigentlich genau dies verhindert werden.

Ein Land wie Venezuela, das wie Saudi-Arabien, Iran, Irak und Kuwait Opecründungsmitglied ist, hängt nahezu vollständig am Tropf des Ölexports. 95 Prozent der gesamten Ausfuhren des Landes sind schwarz und flüssig. Bleibt der Ölpreis auf derzeitigem Niveau, ist der Staatsbankrott nur eine Frage der Zeit.

Die Produzenten sind zum Kannibalismus verdammt

Alle, die Erdöl produzieren, leiden derzeit. Und alle sind gleichermassen dazu verdammt, so viel Öl aus dem eigenen Grund und Boden zu holen wie nur irgend möglich, wohl wissend, dass dies den Preis nur noch weiter nach unten treibt.

Die Überlegung dahinter: Alles ist besser, als Marktanteile zu verlieren. Das wiederum hat mit der Struktur des Ölmarktes zu tun: Die Raffinerien, die das Erdöl weiterverarbeiten, können nicht ohne weiteres vom einen Lieferanten auf den anderen und wieder zurück wechseln.

Saudisches Erdöl ist anders als jenes aus Afrika, welches sich wiederum vom amerikanischen Schieferöl unterscheidet. Eine Umstellung ist teuer. In vielen Fällen heisst das: Wer einmal raus ist, bleibt draussen. Dies führte nicht nur zu knallharter Konkurrenz auf dem Ölmarkt, sondern zu einer regelrechten Kannibalisierung der Opec-Mitglieder untereinander – und letztlich gar zum schrittweisen Verspeisen des eigenen Fleisches.

Die heissgelaufenen Förderanlagen rund um den Globus haben die Märkte inzwischen mit so viel Erdöl überschwemmt, dass es nun also sogar den Saudis, die die Lawine erst lostraten, unheimlich wird. Und nicht nur das: Saudi-Arabien tut der tiefe Ölpreis mittlerweile richtig weh: Satte 98 Milliarden Dollar betrug das Haushaltsdefizit im vergangenen Jahr.

Die Not der mächtigen Saudis und der wohl daraus geborene gestrige Vorstoss, den das Königreich zusammen mit Russland lancierte, könnte ein erster Schritt hin zum Ende des gegenseitigen Kannibalisierens sein. Wohl gemerkt: könnte. Und hier kommt der Haken: So überraschend die Einigung ist – Ende letzten Jahres gelang es der Opec nicht, zu einer entsprechende Einigung zu gelangen – so fragil ist der Vorstoss. Denn das Abkommen ist an eine Bedingung geknüpft: sämtliche Förderländer müssen mitziehen, sonst wollen sich auch die Initiatoren nicht daran halten.

Die Ersten, die das gestern bereits ablehnten, waren Iran und Aserbaidschan. Besonders der Iran dürfte hier ins Gewicht fallen: Nach Aufhebung der Atom-Sanktionen, die der Westen gegen das Land verhängt hatte, hegt man in Teheran grosse Ambitionen im Erdölgeschäft. Das – vorsichtig formuliert – angespannte Verhältnis zu Saudi-Arabien auch vor dem Hintergrund des Syrien-Konflikts dürfte für eine Einigung in der Ölfrage darüber hinaus nicht gerade hilfreich sein.

Jede dritte Ölfirma wird dieses Jahr wohl nicht überleben

Wie ernst die Lage ist, zeigt derweil eine gestern publizierte Studie der Unternehmensberatung Deloitte: Demnach steht weltweit jede dritte Ölfirma vor dem Aus. Von den 500 untersuchten Unternehmen seien etwa 175 von einer Insolvenz noch in diesem Jahr bedroht, heisst es.

Wie viele Stücke des eigenen Fleisches – und dem der Partner und der Konkurrenz – die Ölschwemme noch kosten wird, bleibt abzuwarten. Und selbst beim Einfrieren der Produktion auf dem Wert des Januars, sollte dies denn tatsächlich zustande kommen, käme noch sehr viel Öl auf den Markt. Dass sich Saudi-Arabien jetzt als Erster bewegt, ist jedoch zumindest kein schlechtes Zeichen.