Kursstürze

Wenn die Börse wegen Algorithmen crasht

Ein Händler an der Börse in New York. (Symbolbild)

Ein Händler an der Börse in New York. (Symbolbild)

Auch an den Aktienmärkten kommen immer mehr Roboter zum Einsatz. Die sogenannten Algo-Trader können zwar Transaktionskosten senken – aber durch Fehlkalkulationen auch verheerende Dynamiken in Gang setzen

Das britische Pfund ist auf einem historischen Tief (siehe Grafik). Gemäss Bank of England notierte das Pound Sterling seit 168 Jahren nicht mehr so tief. In der Londoner City machen Investmentbanker bereits Witze über das «Great British Peso» oder die «Brexit Lira» – so stark hat die Währung abgewertet.

Doch der Verfall wurde nicht nur durch Menschen verursacht, sondern auch durch Maschinen – Computerprogramme bzw. Roboter, kurz: Bots. Experten sind sich sicher, dass Algorithmen für den Kurssturz Anfang Oktober verantwortlich sind.

Zunächst Tippfehler vermutet

Was war geschehen? Am 7. Oktober, zwischen 7.07 Uhr und 7.09 Uhr Singapurer Zeit, stürzte das Pfund um 6,1 Prozent ab. Die Händler trauten ihren Augen nicht, als sie den Kurseinbruch auf ihren Bildschirmen sahen. Nach einer halben Stunde erholte sich der Kurs wieder und stabilisierte sich bei 1,24 Dollar.

Finanzexperten vermuteten zunächst einen «Fat-Finger-Trader», also eine versehentlich ausgelöste Transaktion aufgrund eines Tippfehlers. So etwas ist auf den Devisenmärkten nicht unüblich. Doch schon bald wuchs die Einsicht, dass in dem Crash eine elektronische Komponente steckte.

Namentlich nicht genannte Analysten des Finanzdienstleisters City Index sagten dem «Guardian»: «Anscheinend war es ein ausser Kontrolle geratener Algorithmus, der den Verkauf auslöste, nachdem er Einlassungen des französischen Staatspräsidenten François Hollande aufschnappte, der sagte, wenn Theresa May und ihr Kabinett einen harten Brexit wollen, dann bekommen sie einen harten Brexit.»

Solche Algo-Trader werden programmiert, um bestimmte Transaktionen zu vollziehen. Vor allem im Hochfrequenzhandel, wo es auf Mikrosekunden ankommt, werden Algorithmen eingesetzt. Der Vorteil dieser Algo-Trader ist, dass sie Transaktionskosten senken und nicht emotionsgesteuert, sondern rational nach einem vorgegebenen Skript operieren. Viele dieser Algorithmen scannen aber auch News und soziale Medien, sodass sie nicht ganz immun gegen Stimmungen und den Herdentrieb auf den Märkten sind.

Vorliegend könnte es so gewesen sein, dass Computerprogramme auf das falsche Signal im Handel aufgesprungen sind und durch automatisierte Transaktionen eine Dynamik in Gang gesetzt haben, bei der der Pfund-Verfall zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung wurde. Der Crash war programmiert. Der automatisierte Handel kann die Volatilität über kurze Intervalle erhöhen, weil manche Algorithmen Stimmungsschwankungen als Handelssignal nutzen und damit die Volatilität verstärken», erklärt die Finanzprofessorin Maureen O’Hara von der Cornell University.

Der «Flash Crash» von 2010

Es ist nicht das erste Mal, dass Algorithmen einen Kurssturz verursachen. Im Januar stürzte der südafrikanische Rand wegen erratischer Bots ab. Und im August sorgten Algo-Trader für Turbulenzen auf dem neuseeländischen Währungsmarkt. Am 6. Mai 2010 kam es in den USA zu einem folgenschweren Beben: Der Dow Jones rutschte binnen weniger Minuten um 1000 Punkte ab, fast eine Billion Dollar an Börsenwert wurden schlagartig vernichtet.

Der britische Aktienhändler Navinder Singh Sarao soll aus seinem Kinderzimmer in London heraus mit einer ausgeklügelten Software die Computer der Derivatebörse Chicago Mercantile Exchange (CME) manipuliert und so eine verhängnisvolle Kettenreaktion in Gang gesetzt haben. Der als «Flash Crash» in die Börsengeschichte eingegangene Kurssturz wurde zum Inbegriff eines hochriskanten Finanzsystems, in dem schon kleinste Fehler in der Computerprogrammierung die Weltwirtschaft in schwere Krisen stürzen können. Sarao wird nun an die USA ausgeliefert, wo ihm wegen Betrugs und Marktmanipulation 350 Jahre Haft drohen.

Allein, die Gefahr für die Finanzmärkte ist damit nicht gebannt. Der Finanzprofessor und ehemalige Chefökonom der US-Börsenaufsicht CFTC, Andrei Kirilenko, warnt im Gespräch mit dieser Zeitung vor den systemischen Risiken des automatisierten Handels. «Derzeit wird die Mehrheit des Handels mit Sicherheiten von Derivaten von Algorithmen abgewickelt, die Entscheidungen in Mikrosekunden treffen. Die Schnelligkeit, Automatisierung und Komplexität erhöhen das Risiko eines Marktzusammenbruchs, wenn auch nur temporär.»

Manipulierte Twitter-Signale

Händler könnten den Markt mit Fake-Offerten fluten und Bot-Trader dann zu Fehlkalkulation verleiten, die im Ergebnis zu Kaskadeneffekten und im schlimmsten Fall zu Marktversagen führen – so geschah es beim Flash-Crash 2010 in den USA.

Das Problem ist auch, dass die Twitter-Signale, die Algorithmen zur Entscheidungsgrundlage einer Transaktion machen, von Bots manipuliert werden. Auf Twitter sind Millionen Fake-Accounts und Bots aktiv. Und diese Bots sind nicht nur eine Gefahr für den Diskurs, sondern auch für die Finanzmärkte.

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