Implantate, die Organe zerstören, Knochen verrotten lassen oder unerwünscht Elektroschocks auslösen. Eine internationale Recherche von Journalisten zeigt auf: Immer mehr Menschen werden durch Implantate verletzt oder gar getötet. Ein Implantat ist ein künstliches Material, das für längere Zeit im Körper platziert wird. In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 14'034 Verletzungen, Todesfälle oder Probleme in Zusammenhang mit Implantaten wie Hüftgelenken, Herzschrittmachern oder Brustimplantaten gemeldet. Das berichtete die «Süddeutsche Zeitung» im Rahmen einer Berichterstattung über die sogenannten Implant Files. Dabei handelt es sich um Unterlagen, die von Journalisten weltweit ausgewertet wurden. Sie zeigen, dass sich etwa in Deutschland die Zahl der medizinischen Vorfälle in den letzten zehn Jahren verdreifacht hat. In den USA hat sie sich sogar verfünffacht. Obwohl es Ärzte melden müssten, wenn ein Implantat zu Komplikationen führt, würden sie das nicht immer tun, so ein Fazit der Journalisten. Und von den gemeldeten Vorfällen werde nur die Hälfte untersucht.

Kein neues Problem

Anstoss für die Recherche gab laut dem «Tages-Anzeiger» das Experiment einer niederländischen Journalistin. Diese hatte ein Netz für Mandarinen in einer gefälschten Studie als hochwertiges Implantat präsentiert, um Frauen mit Inkontinenzproblemen zu behandeln. Die Studie legte sie drei Prüfstellen für Medizinprodukte vor. Obwohl die Journalistin bei dem Experiment angab, dass der Einsatz des Implantats bei einer von drei Frauen schwere Nebenwirkungen hervorrufen könne, stellten die Prüfstellen ihr eine Zulassung für das Produkt in Aussicht. Auch wenn die gross angelegte Recherche um die Implant Files das weltweite Ausmass der Komplikationen aufzeigt, die durch Implantate verursacht werden – ganz neu ist die Erkenntnis, dass es durch Implantate zunehmend Komplikationen gibt, nicht.

So zeigte etwa eine Studie, die von einem internationalen Forschungsteam ausgearbeitet wurde und 2014 im «British Medical Journal» erschien, dass neuartige Modelle von Hüft- und Knie-Implantaten im Vergleich zu älteren Modellen zu mehr Komplikationen führen. Laut einem «Spiegel»-Artikel sei der Grund dafür darin zu suchen, dass die Nachfrage nach Implantaten stark gestiegen sei. Das habe dazu geführt, dass neue Anbieter mit neuen Produkten auf den Markt drängen.

Aufgrund dieser und ähnlicher Forschungen kamen innerhalb der EU Zweifel auf am Kontrollsystem von Medizinprodukten. Im letzten Jahr hat die EU zwei Verordnungen verabschiedet, um die Qualität von Implantaten zu verbessern und die Patienten so zu schützen. Das hat auch Auswirkungen auf die Schweiz. Damit die Schweiz gleichberechtigt am europäischen Binnenmarkt teilnehmen kann, muss sie ihre gesetzlichen Grundlagen für Medizinprodukte den Entwicklungen in der EU anpassen. Im Dezember wird dem Parlament ein entsprechender Vorschlag vorgelegt.

Forderung nach Transparenz

Laut der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz braucht es vor allem mehr Transparenz, um Patienten in der Schweiz vor Risiken wegen minderwertiger Implantate zu schützen. «Es ist wahnsinnig schwer, an Informationen zu kommen, ob gewisse Implantate fehlerhaft sind», erklärt Barbara Züst, die Geschäftsführerin der SPO. Sie sei nicht wirklich davon überrascht, dass die Zahl der Komplikationen wegen Implantaten relativ gross ist. Die SPO erhalte regelmässig Anfragen wegen Komplikationen, vor allem im Lifestyle-Bereich, etwa nach Brustvergrösserungen.

Für Patienten sei es wichtig, vor einem Eingriff ein ausführliches Beratungsgespräch in Anspruch zu nehmen und sich über den Eingriff und die Herkunft eines allfälligen Implantats zu informieren. Wichtig sei es auch, einen Implantate-Auweis zu verlangen. Ansonsten sei es nach einigen Jahren nicht häufig schwer, herauszufinden, was für ein Implantat in den Körper eingesetzt worden sei.

Eine staatliche Kontrollstelle ist in den Augen der SPO nicht unbedingt notwendig, um für Sicherheit zu garantieren. Aber die Zulassungsstellen für Implantate müssten streng kontrolliert werden.