Auf der Plattform «Project Syndicate» trifft sich die globale Ökonomen-Schickeria normalerweise zum distinguierten Gedankenaustausch. Dieser Tage gehts aber auch mal richtig emotional zu. Barry Eichengreen etwa, der renommierte Ökonom der University of California in Berkeley, fragte Anfang Oktober, ob in Washington noch gesunder Menschenverstand regiert oder Irrsinn.

Wie wir wissen, hat die Vernunft gesiegt. Am 16. Oktober hat der Kongress einem Schulden-Deal zugestimmt, womit der Konkurs der grössten Wirtschaftsmacht der Welt in letzter Sekunde abgewendet wurde. Es stellt sich nun aber die Frage, ob Demokraten und Republikaner mit ihrem ideologisch aufgeputschten Hickhack nicht eines ihrer wichtigsten und grössten Privilegien der vergangenen sechzig Jahre leichtfertig aufs Spiel gesetzt haben: das Privileg, Hüter der wichtigsten Währung der Welt zu sein.

Um einiges schlimmer als 2008

Eichengreen, Experte für internationale Währungssysteme, ist sich nicht mehr sicher. Eine Zahlungsunfähigkeit der USA hätte den Zusammenbruch der Handelsplattform der US-Notenbank Fed zur Folge gehabt. Anlagefonds hätten panikartig US-Staatsanleihen auf den Markt geworfen und das Bankensystem wäre erneut in seiner Existenz bedroht gewesen – die Folgen wären viel schlimmer als 2008. «Der Dollar hätte als sicherer Hafen ausgedient», so Eichengreen.

Tatsächlich sind ja auch die Chinesen als Grossabnehmer der US-Schatzanleihen seit längerem alarmiert über die problematischen Zustände in den USA. Sie haben in den letzten Monaten mehrmals signalisiert, dass eine «Ent-Amerikanisierung» des globalen Geldsystems wünschenswert sei. Man wolle künftig lieber die eigene Währung, den Renminbi, zu einer Weltwährung machen.

Davon sind wir heute aber noch weit entfernt: Der Dollar hat immer noch eine sehr wichtige Bedeutung für das globale Wirtschaftssystem. Das zeigen die jüngsten Zahlen des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu den Fremdwährungsbeständen bei den Notenbanken. In keiner anderen Fremdwährung parkieren die Zentralbanken auf der ganzen Welt so viele Reserven wie im Dollar.

Vor allem im asiatischen Raum hat diese Praxis Tradition. Denn, um sich ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum zu sichern, griff Peking auf einen alten Trick der Geldpolitik zurück: Die chinesische Währung Renminbi wurde an den US-Dollar gebunden. Und zwar auf einem so tiefen Niveau, dass sich die Amerikaner mit ihrem vermeintlich starken Dollar die billige chinesische Importware regelrecht aus den Händen rissen. China ermöglichte sich mit dieser Politik Wachstumsraten von 10 Prozent und mehr.

Um eine Aufwertung des Renminbis und damit ein Ende des Exportbooms zu verhindern, musste Peking massiv Dollars kaufen. Geld war in den vergangenen Jahren stets genug vorhanden. Denn anders als die konsumfreudigen Amerikaner sind die Chinesen richtige Sparteufel: Mehr als 50 Prozent der Einnahmen gemessen am Bruttoinlandprodukt wanderten auf die hohe Kante. Gleichzeitig lag die Investitionsrate bei rund 40 Prozent. Das heisst: China nahm mehr ein, als es ausgab. Und so finanzierte das Reich der Mitte in den vergangenen Jahren das Wachstum der Vereinigten Staaten.

Vorwürfe vergiften die Stimmung

Für mehr als zwanzig Jahre funktionierte diese gegenseitig befruchtende Abhängigkeit und diente den Ländern dazu, ihre Sparungleichgewichte zu kompensieren und ihre Wachstumspläne in die Tat umzusetzen.

Die Symbiose aus Geben und Nehmen ist nun aber in Gefahr. In China hat man nämlich langsam die Nase voll. Die US-Wirtschaft kommt nicht in Fahrt und liefert damit nicht die gewünschte Unterstützung für Chinas Exportwirtschaft. Zudem vergiftet die in Washington mittlerweile salonfähig gewordene Beschimpfung Chinas als grössten Währungsmanipulator der Welt die Stimmung. Und nun sind auch noch die bisher als risikolos eingestuften US-Anleihen gefährdet?

«In der Wirtschaft läuten die Alarmglocken selten so laut», schreibt Stephen Roach, ehemaliger Chefökonom der US-Bank Morgan Stanley und heute Dozent an der Elite-Universität Yale, auf «Project Syndicate». Sein Fazit: An einer Anpassung der Koexistenz zwischen China und den USA führe kein Weg vorbei. Die Chinesen werden ihre US-Anleihekäufe reduzieren und verstärkt auf inlandorientiertes Wachstum setzen.

Praktiker interpretieren dagegen die Konsequenzen des Schuldenstreits im US-Kongress weniger dramatisch. Zwar habe Washington den Managern von Währungsreserven allen Grund gegeben, den Dollar nicht zu mögen, heisst es in einem kürzlich publizierten Researchbericht von Morgan Stanley. Entsprechend hätten die Zentralbanken im volatilen zweiten Quartal dieses Jahres denn auch ihre Diversifikation in neue Währungen wie den kanadischen oder australischen Dollar weiter vorangetrieben. Aber die Reserven-Manager bauten auch weiter Dollarbestände auf und der Anteil der in Dollar gehaltenen Währungsreserven sei in den vergangenen Jahren recht stabil geblieben, wie ja auch die IWF-Daten zeigen.

Der Euro bleibt fragwürdig

Vor allem aber die mangelnde Liquidität, also die beschränkte Handelbarkeit alternativer Reservewährungen, würde weiter für den Dollar sprechen. «Liquidität ist das A und O für Reserve-Manager, und trotz des vielfach heraufbeschworenen Niedergangs des Dollars hat die US-Währung heute immer noch den gleichen 43-Prozent-Anteil am weltweiten Devisenhandel wie 1998», so Analyst Evan Brown.

Mögliche Alternativen zum Dollar böten nur der Yen oder der Euro. Doch in Japan seien die fiskalpolitischen Perspektiven noch düsterer als in den USA. Und in Europa bleibe der Weiterbestand der Währungsunion ohne eine glaubwürdige Fiskalunion weiterhin fragwürdig. «Wir erwarten weitere Diversifikation aus dem Dollar raus, aber das Nichtvorhandensein wirklich guter Alternativen wird diesen Prozess limitieren», so Brown. Eine echte Bedrohung für den Dollar sei deshalb in nächster Zeit nicht zu erwarten.

Sanjeev Sanyal, der indische Ökonom, der 2010 vom Global Economic Forum zum Young Global Leader ernannt wurde, referiert auf die Geschichte, wenn er sagt, dass sich die Politik der globalen Ungleichgewichte fortsetzen werde. «Ganz offenkundig sind Perioden des globalen Wachstums fast immer von symbiotischen Ungleichgewichten geprägt», so Sanyal auf «Project Syndicate».

Symbiotische Ungleichgewichte

Schon beim Währungssystem Bretton Woods, das nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut wurde, ermöglichten die Defizite der USA den Wiederaufbau der kriegsversehrten Länder Europas und Japans. Im Gegenzug finanzierte Europa die amerikanischen Defizite. Dann folgte «Bretton Woods II»: Die asiatischen Länder nutzten den US-Markt für ihren Aufschwung und finanzierten im Gegenzug die Defizite der Amerikaner. «Obwohl jede dieser Phasen von makroökonomischen Verzerrungen gekennzeichnet war, überdauerten sie Jahre oder sogar Jahrzehnte. Die wahre Frage ist also, wie die nächste Generation symbiotischer Ungleichgewichte aussehen wird», so Sanyal.

Seine Prognose: Innerhalb des «Bretton Woods III»-Systems werde China bald zu hohen Leistungsbilanzüberschüssen zurückkehren und von der Fabrik der Welt zum Anleger der Welt mutieren. «Wie alle unausgeglichenen Systeme wird auch dieses seine Verzerrungen aufweisen, aber trotzdem könnte dieses Arrangement viele Jahre halten», so Sanyal.

Somit werde China auch in Zukunft über genügend Mittel verfügen, um die USA zu finanzieren, wobei noch reichlich für den Rest der Welt übrig bleibe.

So würde das chinesische Kapital für eine erneute Expansion der Wirtschaft sorgen. Im Zuge einer solchen Entwicklung würde auch der Renminbi an Bedeutung gewinnen und könnte sich zu einer Reservewährung entwickeln. China und andere Staaten werden dabei die bereits eingesetzte Diversifikation ihrer Währungsreserven auf verschiedene Währungen fortsetzen.

Aus ähnlichen Überlegungen heraus entwickelte Barry Eichengreen in seinem 2011 erschienenen Buch «Exorbitant Privilege: The Rise and Fall of the Dollar» (dt. 2012) seine Vision eines künftigen Weltwährungspluralismus: «Wir müssen uns auf eine Welt vorbereiten, in der mehrere internationale Währungen miteinander koexistieren.» Auch darin wird der Dollar einen Platz haben. Doch eine Monopolwährung wird er dann nicht mehr sein.