In diesem Rechtsstreit kann sich der Zementkonzern LafargeHolcim keine Sentimentalitäten erlauben. Beat Hess, Verwaltungsrats-Präsident, entliess diese Woche seinen CEO. Eric Olsen ist über den Syrien-Fall gestolpert. Der Konzern hatte sich in Geschäfte mit der Terrororganisation Islamischer Staat (ISIS) verstrickt. Nun drohen rechtliche Konsequenzen.

«Der Verwaltungsrat würde nicht so drastisch eingreifen, wenn die Klagen nicht höchstrelevant wären», sagt ein Spitzenjurist. Einen CEO zu entlassen, sei immer extrem einschneidend. Das mache man nur, wenn man nicht anders könne. Bedenklich sei auch: Der Konzern ging erst vor einem Monat an die Öffentlichkeit. Damals hiess es, der CEO sei nicht beteiligt.

Im Sommer 2013 war ein syrisches Lafarge-Zementwerk in Schlagweite von ISIS
gelangt. Der französische Konzern Lafarge – damals noch eigenständig und nicht mit dem Schweizer Konzern Holcim fusioniert – wich vor ISIS jedoch nicht zurück, trotz dessen extremer Brutalität. Über Vermittler kaufte er stattdessen Rohstoffe bei ISIS ein. Möglicherweise hatte Lafarge grosse Summen an ISIS gezahlt, um Kontrollpunkte überqueren zu dürfen.

Damit endet es nicht. Lafarge liess die syrischen Mitarbeiter weiterarbeiten, ohne sie genügend zu schützen. Es habe keinen Plan gegeben, um das Werk zu evakuieren. Als ISIS im September 2014 angriff, hätten die Mitarbeiter selber flüchten müssen. «Wir machten diese ‹Evakuierung› einzeln; als einfache Leute, auf eigene Faust», wird ein Mitarbeiter in einem Report einer Menschenrechtsorganisation zitiert.

Die Vorkommnisse in Syrien haben ein juristisches Nachspiel. Zwei Menschenrechtsorganisationen – Sherpa aus Paris, und das Berliner «European Center for Constitutional and Human Rights» – sammelten Beweismaterial, interviewten Zeugen. 2016 berichtet die französische «Le Monde», kurz darauf untersucht LafargeHolcim die Anschuldigungen selber. 2017 vermeldet der Konzern, es seien nicht «akzeptierbare Massnahmen» getroffen worden. Die Kontrollen sollen verbessert werden, «disziplinarische Massnahmen» würden geprüft.

Grosse Bandbreite an Strafen

Die Menschenrechtsorganisationen werfen Lafarge mehrfache Verstösse gegen französisches Strafrecht vor. Der Konzern habe sich mitschuldig gemacht an Verbrechen, die ISIS begangen habe; er habe eine terroristische Organisation mitfinanziert. Mitarbeiter seien gefährdet, gegen deren Rechte sei verstossen worden. Die Menschenrechtsorganisationen reichen gemeinsam mit elf früheren syrischen Lafarge-Mitarbeitern eine Strafanzeige ein. Angeklagt sind: der Konzern Lafarge; der frühere CEO, Bruno Lafont; der Tochterkonzern, Lafarge Zement Syrien; dessen damalige CEOs.

Die Bandbreite der möglichen Strafen ist in Frankreich gross, so Marie-Laure Guislain, Leiterin der Rechtsabteilung von Sherpa: «In Frankreich könnte es eine Busse geben; die Auflösung verordnet werden oder die Beendigung der Aktivitäten für eine bestimmte Zeit.» Einzelnen Personen, denen eine Mittäterschaft an Verbrechen gegen die Menschheit nachgewiesen werde, würden Gefängnisstrafen drohen, 6 Jahre bis zu lebenslänglich.

LafargeHolcim hingegen lässt verlauten: es sei nicht erkennbar, dass «die genannten Vorwürfe einen wesentlichen nachteiligen Einfluss auf die Finanzlage des Konzerns haben werden». Aus Anwaltskreisen heisst es: «Es geht nicht um die hohe Busse, sondern der Ruf könnte beschädigt werden.»

Der Albtraum eines jeden Konzerns ist es, wenn sich die USA einschalten. «Wurden Terroristen mit US-Dollars finanziert, könnten Sanktionen gegen Syrien oder gegen ISIS verletzt worden sein», sagt ein Spitzenjurist. «Dann kann es in den USA zu einem Verfahren kommen.» Bislang gebe es dafür keine Anzeichen. Aus Kreisen, die mit den Details der juristischen Situation vertraut sind, heisst es: «Die USA werden nicht eingreifen, wenn sie der Gerichtsbarkeit in einem Land vertrauen. Das ist in Frankreich der Fall.»

Die Krise bringt auch Chancen für LafargeHolcim. Der Konzern bremste sich nach dem Merger selbst. Der Verwaltungsrat achtete auf das politische Gleichgewicht zwischen der schweizerischen Holcim und der französischen Lafarge. Das schlug sich schon in der Wahl des CEO nieder. Lafarge-Mann Eric Olsen war das Gegengewicht zum Schweizer Präsidenten Beat Hess. Und auch im betrieblichen Alltag musste der CEO öfter auf politisches Kalkül achten.

«Die französische Seite ist nun endgültig in der Defensive, die Holcim-Seite gewinnt noch mehr Einfluss», heisst es aus gut unterrichten Kreisen. Der Weg sei frei für einen CEO, der dem Konzern die nötige Führung gebe. «Das wird ein Externer sein müssen. Ein Interner würde als Holcim-Mann oder als Lafarge-Frau wahrgenommen werden.» Damit würde auf dem CEO-Posten jene Politik fortgesetzt, die schon in der Benennung der Chefposten im Personalwesen und Finanzen angewandt wurde: Für beide Posten wurden Externe geholt.

LafargeHolcim wird in Frankreich seinen Ruf wieder aufbauen müssen. Der Syrien-Fall hat sehr geschadet. Zumal der Konzern fast zur gleichen Zeit einen zweiten öffentlichen Aufschrei auslöste. CEO Olsen hatte es verpasst, sich von der berüchtigten Mauer von US-Präsident Donald Trump zu distanzieren. LafargeHolcim könne grundsätzlich dabei helfen, sagte er stattdessen, eine Mauer gegen Mexiko zu bauen. Daraufhin schalten den Konzern am gleichen Tag nacheinander erst ein französischer Minister, dann der Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron, am Abend schliesslich Präsident François Holland.