Ölförderung

Weil das Eis schmilzt: Testbohrungen in Arktis laufen auf Hochtouren

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Trotz der jüngsten Pannen beim Ölkonzern Shell rechnen Experten in der Arktis mit Investitionen von mehr als 100 Milliarden Dollar in den kommenden zehn Jahren.

Für Ölkonzerne wie Royal Dutch Shell eröffnet der Rückzug der Eisdecke in der Arktis eine grosse Geschäftsmöglichkeit: Die Zeitfenster für Bohrungen werden länger. Und das Eis zieht sich schnell zurück. Auch Anfang Oktober 2012 liegt die Ausdehnung des arktischen Eises noch unter dem letzten Minusrekord von 2007, wie die Daten vom National Snow and Ice Data Center zeigen.

«Im laufenden Jahre können wir bis Ende Oktober bohren», heisst es bei Shell denn auch auf Anfrage der «Nordwestschweiz». Der britisch-niederländische Konzern investiert 4,6 Milliarden Dollar, um sich Zugang zu den Ölvorkommen zu sichern, die unter dem arktischen Meer vermutet werden. Es steht viel auf dem Spiel: Die Forschungsstelle US Geological Survey schätzte 2008, dass sich in der Arktis mehr als ein Fünftel der bisher unentdeckten Öl- und Gasvorkommen befinden.

Alleine das Beaufort- und Chukchimeer könnten gemäss Experten täglich bis zu einer Million Fass (159 Millionen Liter) Rohöl hergeben. Shell führt schon Testbohrungen durch. Doch am 17.September, nur einen Tag nachdem die arktische Eisdecke ihre geringste Ausdehnung seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 1979 erreicht hatte, kam es zu einem Unfall: Auf dem Bohrschiff Arctic Challenger wurde eine Kontaminierungsglocke beschädigt, mit der im Notfall ein Ölleck geschlossen werden soll.

Total-Chef warnt vor Risiken

Das Schiff hat den Fitnesstest der US-Küstenwache nicht bestanden und konnte nicht auslaufen. Umweltaktivisten sagen, der Test sei ein Beweis dafür, dass Shell mit den hohen Risiken in der Arktis, wo starke Winde und lange Nächte die Arbeiten extrem schwierig machen, nicht umgehen könne.

Unterstützung erhielten die Aktivisten erstmals von einem Topmanager der Ölindustrie. Christophe de Margerie, der CEO des französischen Ölkonzerns Total, sagte wenige Tage nach dem Shell-Zwischenfall, dass Energieunternehmen in den arktischen Wassern nicht nach Öl bohren sollten. «Öl auf Grönland wäre eine Katastrophe», so Margerie gegenüber der «Financial Times».

Die Bohrungen in der Arktis

Doch Shell gibt nicht auf. Derzeit werden schon mal kleine Oberflächen-Löcher gebohrt, sogenannte «Top Holes». Seit dem 3.Oktober sind erstmals zwei Förderschiffe im Einsatz. Ein «historisches Ereignis», wie der Konzern in einer Mitteilung betont. Die Schiffe werden bis Ende Oktober möglichst viele der rund 430 Meter tiefen Oberflächen-Löcher bohren und mit einer Kappe wieder verschliessen (siehe Video). Dann ist Schluss, die See friert zu. Im kommenden Jahr sollen dann bei diesen Löchern die Bohrungen in grössere Tiefen ansetzen.

Auch das US-Unternehmen ExxonMobil, der italienische Konzern Eni und Norwegens Statoil haben gemäss «Financial Times» bereits Explorationsverträge für Bohrungen im russischen Gebiet unterzeichnet. Der britische Versicherer Lloyds geht davon aus, dass in den kommenden zehn Jahren 100 Milliarden Dollar und mehr für Wirtschaftsprojekte in der Arktis investiert werden. Doch auch Lloyds streicht in einer unlängst veröffentlichten Studie das «komplexe Risikoumfeld» der Region heraus: «Zwar sind spezifische Risiken wie ein Bohrunfall nicht unbedingt wahrscheinlicher als in anderen extremen Regionen, aber es steht für die Umwelt viel mehr auf dem Spiel, weil Säuberungsarbeiten viel schwieriger sein dürften.» Damit ist klar: Ölfirmen, die sich versichern wollen, müssen tief in die Tasche greifen.

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