Lästig: Halsschmerzen, eine Blasen- oder Augenentzündung. Jüngere Städter und Berufstätige lassen sich in einem solchen Fall zunehmend in einer Apotheke statt in einer Arztpraxis behandeln. Gefördert wird dies von Krankenversicherern wie Sympany. Die Kasse bietet ein Managed-Care-Produkt für Kunden an, die bereit sind, im Fall einer Erkrankung zuerst eine der 125 TopPharm-Apotheken aufzusuchen.

Ist dies nicht möglich, melden sie sich beim auf medizinische Beratung per Telefon spezialisierten Basler Unternehmen Medgate. Weil damit unnötige Behandlungen vermieden werden können, erhalten Sympany-Versicherte einen Prämienrabatt von bis zu 16 Prozent.

Gemäss Apothekerin Martine Ruggli, Geschäftsleitungsmitglied des Branchenverbands Pharmasuisse, sind weitere solche Managed-Care-Modelle auf Anfang 2018 geplant: «Wir verhandeln mit mehreren Krankenversicherern.»

Die Swica verkauft seit 2016 ein ähnliches Produkt mit einem Rabatt von 19 Prozent. 33 500 Kunden schlossen es bisher ab. Sie gehen, so Sprecherin Silvia Schnidrig, im Krankheitsfall eher in die Apotheke, wenn sie davon ausgehen, dass sie ein Medikament benötigen: «Versicherte können sehr gut einschätzen, wann ein Anruf angebracht ist oder wann sie in einer Apotheke besser aufgehoben sind.»

Die Umstellung braucht Zeit

Solche Angebote geben dem 2012 von Pharmasuisse lancierten Projekt Netcare Schub. Apotheker sollen Patienten nicht nur Medikamente abgeben, sondern sie bei 25 Bagatellerkrankungen gleich selber behandeln. Rund 90 Prozent dieser Fälle schliessen sie selber ab.

Gut ein Drittel davon betreffen Blasen- und Augenentzündungen sowie starke Halsschmerzen. In den restlichen Fällen wendet sich der Apotheker per Telefon an einen Arzt in der Region oder einen von Medgate. Der faxt – wenn nötig – ein Rezept zum Bezug
von Medikamenten in die Apotheke.

Mittlerweile nutzen 273 Apotheken Netcare, sagt Martine Ruggli. 2016 waren es rund 200, in denen Erkrankte betreut wurden. Durchgeführt wurden ungefähr 5500 Konsultationen. 70 Prozent davon entfielen auf rund 60 Apotheken.

Diese Zahlen zeigen: Das Projekt, Apotheker zu Medizinmännern zu machen, braucht Zeit. Es werde noch zwei bis drei Jahre dauern, bis sich die überwiegende Zahl der Apotheker darauf eingestellt habe, Patienten nicht nur Medikamente zu verkaufen, sondern sie auch zu betreuen, sagt Martine Ruppli: «Gleichzeitig müssen auch die Patienten das Beratungsangebot in einer Apotheke besser kennen lernen.»

Dabei geht es um nichts weniger als um das Überleben der Apotheker. Sollten deren Margen weiter schrumpfen, seien sie darauf angewiesen, zusätzliche Dienstleistungen wie die Behandlung von Patienten anbieten zu können, sagt Martine Ruppli: «Schaffen sie dies nicht, gefährden sie ihre Existenz.»

Zusätzliche Angebote geplant

Auch daher soll die Palette solcher Angebote ausgebaut werden. Zum einen wird die Zahl der Behandlungspfade für Krankheiten erweitert. Diese Ausweitung sei auch darum nötig, so Martine Ruppli, weil Apotheker ab 2019 gewisse rezeptpflichtige Medikamente in eigener Verantwortung verschreiben dürfen. Geplant ist zudem, dass in Apotheken einfache Laboruntersuchungen durchgeführt werden, beispielsweise um abzuklären, ob ein Patient ein Antibiotikum benötigt.

Apotheken sollten angesichts des Mangels an Hausärzten zu Gesundheitszentren ausgebaut werden, in denen sich Patienten bei Erkrankungen behandeln lassen können, sagt der Arzt und Medgate-Gründer Andy Fischer: «Die Konsultation muss aber nicht in jedem Fall vom Apotheker durchgeführt werden. Dies kann auch von einer Pflegefachfrau oder einer Pharma-Assistentin übernommen werden, sofern sie von geeigneten Instrumenten unterstützt werden.»

Genau dies testet ab heute der Pharmagrossist Galenica, der selbst 318 Apotheken führt. Dafür gründete er die Tochterfirma Aprioris. In deren Pflege-Praxis in der Apotheke im Einkaufszentrum Sunnemärt von Adliswil (ZH) berät eine Pflegefachfrau Erkrankte. Sie kann – wenn nötig – per Telefon einen Arzt konsultieren. «Patienten sollen in Apotheken schnell, unkompliziert und doch umfassend betreut werden», sagt Aprioris-Initiant Christian Koepe. Dies bleibt nicht das letzte ApothekenProjekt, das in diesem Jahr lanciert wird.