Importmarkt
Wasserschloss Schweiz: Doch warum wird immer mehr Mineralwasser importiert?

Valora, Denner und andere Händler verkaufen vermehrt Mineralgetränke aus Übersee, aus England oder gar vom Südpazifik – eine Ohrfeige für das Wasserschloss Europas.

Benjamin Weinmann
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Über 90 Prozent der importierten Mineralwässer in der Schweiz stammen laut Verbandsangaben aus Italien und Frankreich. (Symbolbild)

Über 90 Prozent der importierten Mineralwässer in der Schweiz stammen laut Verbandsangaben aus Italien und Frankreich. (Symbolbild)

Keystone

Vor zwei Jahren, an der Expo in Mailand, zeigte die Schweiz der Welt, worauf sie stolz ist: ihr Wasser. In seinem Pavillon präsentierte das Land ein grosses Relief der Schweizer Alpen aus Gneis. Von der Decke herab tröpfelte Wasser in die Alpentäler des Gotthardmassivs.

Auch in Bezug auf die Lebensmittelsicherheit wurde die Bedeutung der Schweizer Flüsse, der Schneemassen in den Bergen und des gespeicherten Wassers in den Gletschern hervorgehoben. Denn: Fünf Prozent von Europas Süsswasservorräten lagern in der Schweiz.

Die beiden bekanntesten Mineralwassermarken Valser und Henniez setzen in der Werbung denn auch stark auf ihren regionalen Ursprung («S’isch guat, ds Valser-Wasser») – auch wenn sie inzwischen den Grosskonzernen Nestlé beziehungsweise Coca-Cola gehören. Zuweilen sind sie so populär, dass ihr Name bei der Bestellung im Restaurant als Synonym für Mineralwasser verwendet wird.

Doch das Geschäft befindet sich auf einer Durststrecke, wie Zahlen des Verbandes Schweizerischer Mineralquellen und Soft-Drink-Produzenten zeigen. Zwar gab der Markt im vergangenen Jahr insgesamt nur leicht um 0,1 Prozent auf 964,1 Millionen Liter nach.

114 Liter

So viel Mineralwasser tranken Herr und Frau Schweizer im letzten Jahr. Das ist ein Liter weniger als im Vorjahr.

Mineralwasser ist damit noch immer das beliebteste Kaltgetränk der Schweiz. Doch der Inlandanteil sank um 3,1 Prozent auf 560,7 Millionen, während die Importe um 3,9 Prozent auf 409,5 Millionen Liter angestiegen sind. Weniger Heimat-, mehr Auslandwasser also.

«Bottled in Britain»

Exemplarisch zeigt sich diese Entwicklung beim Handelskonzern Valora. «SmartWater» heissen die Flaschen, die seit einigen Tagen in den Kiosk-Regalen stehen. Fr. 3.50 kostet der halbe Liter, gleich viel wie die Valser-Flasche daneben.

Nur: Der Inhalt stammt nicht aus den Schweizer Alpen, sondern aus England. Britisches Wasser für durstige Schweizer Kehlen? Und das im Wasserschloss Europas? Der Valora-Sprecher bezeichnet «SmartWater» als interessantes Produkt, das man testhalber in den Verkauf genommen habe.

Gesundes Alpen-Wasser mit Kalzium und Magnesium reicht nicht mehr. Das britische «SmartWater» wirbt damit, dass sich in seinen Flaschen Elektrolyte befinden. Das verleihe dem Getränk «einen distinktiven Geschmack», das Resultat sei «rein und knackig wie von einer Wolke». Bis vor kurzem standen in den Kioskregalen auch Flaschen, die von noch weiter her kommen: «Fiji Water», von der gleichnamigen südpazifischen Inselgruppe, nördlich von Neuseeland.

-3,1 Prozent

So stark ging der inländische Anteil 2016 zurück. Insgesamt wurden 560,7 Millionen Liter Schweizer Mineralwasser konsumiert.

Auf der Website von «Fiji Water« heisst es, dass das Wasser durch vulkanisches Gestein gefiltert wird und 1600 Meilen vom nächstgelegenen Kontinent entfernt ist. Was zeigt, dass viele Konsumenten Lifestyle grösser schreiben als Heimatgefühl und Umweltgedan-
ke angesichts der langen Transportwege. Hauptsache trendiges H2O, trotz mehr CO2-Ausstoss.

Süffige Margen

Wie gross der Importanteil im Sortiment ist, sagt Valora-Sprecher Kilian Borter nicht. Nebst den einheimischen Valser-Wasserflaschen und jenen der Billigmarke «ok.–» sind auch Evian- und San-Pellegrino-Flaschen im Angebot.

Bei vielen Importflaschen dürften die Händler mehr verdienen. Denn einerseits ist Schweizer Mineralwasser in der Regel teurer, und dank des starken Frankens wird die Einfuhr von ausländischem Wasser, sei es aus Fidschi oder England, günstiger. Der Verkaufspreis bleibt hingegen gleich, während die Marge steigt.

Valora betreibt denn auch einigen Aufwand, um das britische Wasser zu verkaufen. Denn der Konzern bezieht das Produkt nicht von Coca-Cola HBC Schweiz, der hiesigen Abfülltochter des US-Getränkeriesen, der «SmartWater» vertreibt. Dies bestätigen sowohl Valora als auch Coca-Cola auf Anfrage. Man führe «SmartWater» zurzeit nicht im Schweizer Sortiment, sagt Cola-Sprecher Patrick Bossart. Und bei Valora heisst es auf Anfrage, man arbeite mit einem Schweizer Importeur zusammen. Ein Name wird nicht genannt.

Dass Coca-Cola das Wasser in der Schweiz nicht vertreibt, dürfte allerdings auch damit zu tun haben, dass die Amerikaner hierzulande mit dem heimischen Valser-Wasser präsent sind. Deshalb dürfte Cola nicht erpicht darauf sein, ihr eigenes Wassersortiment mit «SmartWater» zu konkurrieren. Auch Coop musste kürzlich auf einen anderen Kanal ausweichen, als der Detailhändler die ausländische Cola-Marke Vitamin Water ins Sortiment aufnahm.

Über 90 Prozent der importierten Mineralwässer in der Schweiz stammen laut Verbandsangaben aus Italien und Frankreich. Darunter befinden sich auch Mineralwassermarken aus Quellen in Schweizer Nähe wie Evian (vis-à-vis von Lausanne), Vittel (in den französischen Vogesen) oder San Pellegrino (zwei Stunden Autofahrt von Lugano), wobei die letzteren beiden zum Nestlé-Konzern gehören.

Vermehrt still statt sprudelnd

Bei Volg, der Supermarktkette des Bauern-Genossenschaftsriesen Fenaco, heisst es, dass 25 Prozent des Wasserumsatzes mit ausländischen Flaschen erzielt werden, in erster Linie mit Evian, das bei den Kunden sehr gefragt sei. Auch bei Coop und Migros stammen drei von vier Mineralwassern aus der Schweiz, primär aus den eigenen Quellen.

Bei Coop liegt diese im Wallis für die Eigenmarken Swiss Alpina, Aquina und Prix Garantie. Hinzu kommen regionale Wasser wie Passugger, Elmer, Knutwiler und Eptinger. Für den Löwenanteil des Auslandsortiments kommt ebenfalls Evian auf.

Ein umgekehrtes Bild beim Migros-Discounter Denner. Drei von vier Wasserprodukten stammen aus dem Ausland, wie Sprecher Thomas Kaderli sagt. Die Schweizer Mineralwasser mit Kohlensäure würden ihren Anteil im Markt halten können. Man stelle jedoch vermehrt eine Abwendung der Kundschaft fest, weg von Wasser mit Gas, hin zu stillem Wasser.

Und was ist mit den weiten Transportwegen für die Tausenden Liter Wasser? Der Weg von Evian in die Denner-Verteilzentren sei vergleichbar wie jener von Schweizer Mineralwassern wie Valser, und die Auslieferung in die Filialen würde über umweltfreundliche Lastwagen geschehen, sagt Kaderli. Und wo immer möglich – so argumentieren alle Händler – verlagere man den Transport auf die Schiene.