Energie

Was, wenn Erdöl nicht mehr teuer wird?

Wenn Öl nicht knapp wird, dürfte es auch wenige Gründe geben, warum die Preise je wieder anziehen sollten.

Wenn Öl nicht knapp wird, dürfte es auch wenige Gründe geben, warum die Preise je wieder anziehen sollten.

Der Ölpreis sinkt erstmals seit 2004 unter 35 Dollar pro Fass. In Zeiten von Ramschpreisen für Öl und Kohle sind kreative Massnahmen seitens der Politik gefragt.

Seit eineinhalb Jahren bohrt sich der Erdölpreis unaufhaltsam in den Boden. Ein Fass der Nordseesorte Brent hat gestern eine Tiefe von unter 35 Dollar erreicht — weiter unten notierte das «Barrel», also ebenjenes Fass, zuletzt im Jahr 2004.

Und das Öl ist nicht allein. Mit ihm fällt der Gaspreis und auch der Kohlepreis zerbröselt immer weiter. Die Konsequenzen scheinen auf der Hand zu liegen: Fossile Energieträger sind billig, deshalb werden Investitionen in erneuerbare Energien zurückgehalten. Warum auch Geld in teure Solar- und Windkraftwerke stecken, wenn das Erdöl immer günstiger aus dem Boden sprudelt. Und dann tritt auch noch die Internationale Energieagentur (IEA) auf den Plan und warnt, dass durch den tiefen Ölpreis nicht nur Investitionen in die Ölförderung aufgeschoben, sondern auch notwendige Investitionen in saubere Energien womöglich länger hinausgezögert werden.

Kurs

Klar ist so viel: Saudi-Arabien pumpt zur Zeit riesige Mengen Öl aus dem Wüstenboden, das drückt den Preis. Doch bremst dies wirklich die Energiewende in der Schweiz und in Europa aus? Müssen wir in Sachen Klimaschutz wirklich hoffen, dass das Schwarze Gold schnell wieder wertvoll wird?

Öl soll unter der Erde bleiben

Einen Hinweis auf die Antwort lieferte der Petro-Konzern Shell im Herbst. Er stoppte die Suche nach Öl und Gas in der Arktis. Die Gründe: Hohe Kosten, wenig Ertrag. Die Rohstoffe bleiben in der Erde. Ob ein neuer Versuch unternommen wird, falls die Preise wieder anziehen, ist fraglich.

Patrick Graichen dürfte sich darüber gefreut haben. Der Direktor der einflussreichen deutschen Denkfabrik «Agora Energiewende» schrieb im Oktober in der Tageszeitung «taz»: «Es gibt weltweit noch sehr grosse Öl-, Gas- und Kohlevorräte – und das bleibt hoffentlich auch dauerhaft so.» Wer sich für die Schonung von Umwelt und Ressourcen interessiere, solle sich nicht darum sorgen, dass fossile Energieträger knapp werden könnten. Es gehe stattdessen um etwas anderes: «Möglichst viel Kohle, Öl und Gas muss da bleiben, wo es ist – unter der Erde!»

Kurs

Die Bekräftigungen vom Weltklimagipfel in Paris kannte Graichen damals noch nicht, dieser fand schliesslich erst im Dezember statt. Auf maximal zwei Grad Celsius soll die Erderwärmung beschränkt werden, wurde dort nun definitiv verabredet – im Vergleich zur vorindustriellen Zeit, wohlgemerkt. Und doch setzte Graichen schon zuvor auf den politischen Willen zum Klimaschutz. «Das Ölzeitalter wird nicht aus Mangel an Öl zu Ende gehen», schreibt er. Dies aus einem einfachen Grund: «Unsere Erde würde es nicht vertragen, wenn auch nur die Hälfte der vorhandenen fossilen Reserven aus der Erde geholt und dann verbrannt würden.»

Abschied vor der Verknappung

Soll das in Paris vereinbarte Ziel tatsächlich erreicht werden, muss also ein grosser Teil der fossilen Brennstoffe im Erdinnern bleiben. Graichen traut den Staaten dieser Welt offenbar zu, dass sie entsprechende Massnahmen beschliessen und umsetzen. Hat er recht, haben wir uns demnach längst vom Erdöl und der Kohle zugunsten der erneuerbaren Energien verabschiedet, lange bevor sie auszugehen drohen.

Doch wie kann das klappen? Wenn das Öl nicht knapp wird, dürfte es auch wenige Gründe geben, warum die Preise jemals wieder anziehen sollten. Wer also gehofft hat, dass die fossilen Energien immer knapper und in der Folge immer teurer werden – und so die Energiewende quasi zum Selbstläufer wird – könnte enttäuscht werden. Die Politik muss daher Lösungen finden, wie der Ausstieg aus billigen fossilen Energieträgern gelingen kann.

Kurs

Für Christian Zeyer vom Wirtschaftsverband Swisscleantech ist klar: «Kommen höhere Preise bei Kohle, Gas und Erdöl nicht von selbst, muss die Verteuerung künstlich erzeugt werden.» Treibhausgase müssten einen angemessenen Preis bekommen, am besten über Lenkungsabgaben. «Wir haben eine «Abfallhalde» für CO2 mit beschränkter Grösse», sagt er und meint: die Atmosphäre. Jeder, der seine Emissionen dort hineinblase, solle dafür zahlen – von der ersten Tonne an.

Dass billige fossile Rohstoffe der Energiewende nachhaltig Schaden zufügen, glaubt Zeyer indes nicht. «Es verändert sich dadurch nichts an der Notwendigkeit», sagt er. Der Treiber sei nach wie vor der Klimawandel. Zwar sei es wegen des billigen Öls vielleicht bei einzelnen Kunden heute schwieriger, eine Investition in Energieeffizienz zu verkaufen. Trotzdem sei etwa bei Neubauten festzustellen, dass trotz des Ölpreises flächendeckend Wärmepumpen verbaut werden.

Für die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bieten die tiefen Preise auch Chancen: nämlich für einen Abbau von Subventionen. «2014 wurden die Fossilen global immer noch mit immensen 490 Milliarden US-Dollar subventioniert – mehr als viermal so viel wie die Erneuerbaren», schreibt die Bank. Bei den tiefen Preisen könnten diese Zuschüsse zurückgefahren und das Geld stattdessen in Klimaschutzmassnahmen gesteckt werden.

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