Start-Ups

Was aus Jungunternehmern wird, wenn die Geschäftsidee scheitert

Er spricht, als ob er keine Sekunde zu verlieren hätte. Kaum hingesetzt schnappt sich Alain Rollier Block und Stift des Journalisten. Mithilfe eines Zeitbalkens zeigt er auf, wieso er heute kein reicher Mann ist.

Trotz Investorengeldern von über zehn Millionen Franken ging sein Start-up-Unternehmen Axsionics vor einem Jahr in Konkurs. Heute arbeitet der 42-Jährige - wie vor einem Jahrzehnt - wieder als Unternehmensberater. Erneut steckt er jeden entbehrlichen Franken in neue Geschäftsideen.

Axsionics ist 2003 aus der Forschung der Berner Fachhochschule in Biel hervorgegangen. Das Ziel: Onlinebanking absolut sicher zu machen. Das Start-up entwickelte ein Gerät, das den Fingerabdruck des jeweiligen Kunden speichern konnte. Ab 2007 suchte Rollier mit einem Prototyp nach Investoren. Nicht zuletzt dank Auszeichnungen wie dem Swiss Technology Award und der Sendung «Start-up» des Schweizer Fernsehens wurde er fündig. Und wie: 2008, kurz vor Ausbruch der Finanzkrise, flossen über 10 Millionen Franken ins Unternehmen. «In der Krise wäre eine solche Finanzierung sehr unwahrscheinlich gewesen», ist Rollier überzeugt.

Zwischen Hype und Tabu

Mit den Millionen kamen aber auch die Veränderungen: Die Geldgeber installierten einen neuen CEO und Verwaltungsratspräsidenten. Zudem wurden innert Kürze 30 Mitarbeiter eingestellt, um die Industrialisierung voranzutreiben. «In dieser Zeit passierte zu viel Neues auf einmal», so Rollier.

Insgesamt verkaufte Axsionics rund 80 000 Fingerprintgeräte. Um das Jungunternehmen zum Fliegen zu bringen, hätten es aber 800 000 sein müssen. Anfang 2012 war das Geld aufgebraucht und das vielversprechende Start-up löste sich in Luft auf. Das Produkt überlebte: Einer der grössten Kunden kaufte die Patente aus der Konkursmasse heraus. Für Alain Rollier war das Kapitel Axsionics aber vorbei. Am Boden zerstört war er deswegen nie: «Wenn man ein Start-up gründet, ist Scheitern leider eine Option - und nicht die unwahrscheinlichste.»

Fünf Jahre nach der Gründung ist in der Schweiz eines von zwei Unternehmen wieder Geschichte (siehe Grafik). Diese Zahlen des Bundesamts für Statistik berücksichtigen auch klassische Kleinbetriebe wie Restaurants, Coiffeure oder Treuhandbüros. Für echte Start-ups, mit innovativen, technologiegetriebenen Geschäftsmodellen, liegen keine verlässlichen Daten vor. Für solche Unternehmen sind die Herausforderungen aber besonders hoch: Denn ein neuartiges Produkt zu entwickeln, zu vermarkten und zu verkaufen, ist kapitalintensiv.

Während erfolgreiche Schweizer Start-ups wie Doodle oder Digitec medial gehypt werden, ist Scheitern hierzulande ein Tabuthema. Die zigtausend Firmen, die jährlich Konkurs gehen, werden im besten Fall ignoriert - im schlimmsten Fall stigmatisiert: «Die Investorensuche für mein neues Projekt würde behindert, wenn das Scheitern meiner früheren Geschäftsidee in der Zeitung erwähnt würde.» Mit dieser Begründung lehnte es ein Jungunternehmer ab, in diesem Artikel porträtiert zu werden. Er hatte im letzten Jahr mit einem ambitionierten Start-up-Projekt keinen Erfolg gehabt.

Sinn fürs Scheitern schärfen

Genau diese Berührungsängste mit dem Thema Scheitern will Marcus Kuhn abbauen: «Für ein gesundes Start-up-Ökosystem ist ein entspannter Umgang mit Misserfolgen nötig.» Der 29-Jährige musste sein eigenes Jungunternehmen Connex.io zweieinhalb Jahre nach der Gründung aufgeben. Zu wenige Nutzer bezahlten für das IT-Programm, das die Kontaktdaten von sozialen Netzwerken, Mailprogrammen und Adressbuch-Diensten synchronisierte.

Heute arbeitet Kuhn als einer von 200 Angestellten für die Schnäppchen-Plattform DeinDeal.ch. Der Schweizer Gründerszene ist er als Mitorganisator der ersten Konferenz des Scheiterns - FailCon genannt - erhalten geblieben. Er will unternehmerische Fehlversuche gesellschaftsfähig machen wie im Silicon Valley in den USA: «Dort ist Scheitern nicht negativ behaftet, sondern gehört zum guten Ton.»

Auch die Wissenschaft ortet Handlungsbedarf beim Thema Misserfolg von Jungunternehmen. Fritz Oser, Professor für Pädagogik und Pädagogische Psychologie an der Universität Fribourg, will den Sinn fürs Scheitern - den «sense of failure» - schärfen: «Dadurch sollen Gefahren früher erkannt und die Anzahl Pleiten reduziert werden.»

In Büchern und Kursen für angehende Jungunternehmer wird die Möglichkeit, Schiffbruch zu erleiden, laut Oser bisher kaum erwähnt: «Auf Flyern sind jeweils nur lachende Gesichter und erfolgreiche junge Menschen zu sehen.» Der Wissenschafter plädiert für eine ausgewogenere Darstellung. Gemeinsam mit Professor Thierry Volery von der Universität St.Gallen führt er deshalb Interviews mit gescheiterten Jungunternehmern durch. Die Ergebnisse der Studie sollen später den Weg in die Start-up-Literatur finden.

Nicht bei jedem Jungunternehmen heisst es Top oder Flop: Dania Gerhardt ist heute nur deshalb Mitinhaberin einer erfolgreichen Web-Entwicklungs-Agentur, weil ihre ursprüngliche Geschäftsidee scheiterte. «Wir sind wie ein Phoenix aus der Asche entstanden», so die 32-Jährige. 2007 hatte Gerhardt genug von ihrem Job bei einer internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Sie suchte nach einer Beschäftigung mit mehr Sinn. Da es ihrem Freund auf der Bank genauso ging, kündigten beide ihre gut bezahlten Jobs und gründeten Amazee, eine Internet-Plattform für gesellschaftliche Zusammenarbeit.

Neue Geschäftsideen in Planung

Die Idee kam in der Öffentlichkeit gut an. Es wurde ein Angel Investor gefunden, der eine Million Franken investierte. Genügend zahlende Nutzer erreichte das Portal aber nie. Stattdessen kamen Firmen wie KPMG und ProSieben auf das Jungunternehmen zu und fragten, ob sie ihnen eine Plattform wie Amazee aufbauen könnten. «Das Geschäftsmodell verlagerte sich danach je länger je mehr in Richtung Beratung und Web-Entwicklung», so Gerhardt. Ende 2011 wurde das Social-Business-Portal Amazee schliesslich eingestellt und nur noch die inzwischen gegründete Agentur Amazee Labs weitergeführt.

Mittlerweile beschäftigt Amazee Labs 15 Angestellte. Die Auftragsbücher sind voll und der Angel Investor konnte ausgekauft werden. Der einstige Freund und Mitgründer ist heute Dania Gerhardts Ehemann. Gemeinsam haben sie zwei Kinder. Für das Paar hat sich der Mut zur Selbstständigkeit gelohnt, auch wenn aus dem Wunsch, mit ihrem Geschäftsmodell die Welt zu verbessern, nichts geworden ist: «Das Social-Business war einfach nicht das, was wir am besten können», so Gerhardt.

In Biel kritzelt Alain Rollier immer noch auf den Notizblock. Auf vier vollen Seiten erklärt er, wieso es mit Axsionics nicht geklappt hat - und mit welchen Ideen, die noch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, er es doch noch schaffen will. Man merkt Rollier nicht an, dass er schon einmal gescheitert ist. Vielleicht deshalb, weil er sich selbst nicht als gescheitert empfindet: «Das wäre ich nur, wenn ich es jetzt nicht mehr versuchen würde.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1