Gastkommentar

Warum wir die Natur imitieren sollten, um das Coronavirus zu bekämpfen

Edy Portmann.

Edy Portmann.

Mit naturinspirierter Koordination wären wir Covid-19 eventuell schneller los und obendrein für zukünftige Herausforderungen besser gewappnet.

Haben Sie sich auch schon gefragt, wie Ameisen den schnellsten Weg zu Nahrungsquellen finden? Oder wie sich Termiten koordinieren, um ihre Bauten zu errichten? Die Antwort ist Schwarmintelligenz, die «kollektive Intelligenz dezentralisierter und selbstorganisierter Systeme». Sie ermöglicht es Insekten, sich selbst zu koordinieren, indem sie Spuren in ihrer Umgebung hinterlassen, sodass nachfolgende darauf reagieren können. Dies passiert bei den Insekten nicht bewusst, sondern ist genetisch programmiert; sie werden von den Pheromonen der jeweils anderen angezogen. Sie arbeiten also unbewusst zusammen.

Weil wir (zu) oft in unergiebigen Befehls-/Kontrollketten gefangen sind, ist meine Frage, ob wir uns dieses Prinzip zunutze machen könnten. Wo Pheromone Insekten die Errichtung komplexer Bauten ermöglichen, scheint es bei uns kein analoges Konzept zu geben. So sind weder die ägyptischen Pyramiden noch die Chinesische Mauer Ergebnis einer Schwarmintelligenz. Doch könnten wir uns auch im Schwarm organisieren, um effizienter zu werden?

Von der Gabe der Vögel inspiriert, befasste sich Leonardo da Vinci als einer der ersten damit, ihren Flug auf Maschinen zu übertragen. Diese Imitation wird (vom griechischen «bios» für Leben und «mīmēsis» für Nachahmen) als «Biomimetik» bezeichnet. Sie brachte uns neben Flugzeugen auch Sonarverfahren, die dem Echolot von Delfinen nachempfunden wurde, sowie Kletten-inspirierte Verschlüsse.

Aus Insektensicht sind wir mit unseren Befehls- und Kontrollketten einfach gestrickt. Es scheint, unser einziges Werkzeug im Kampf gegen Corona sei ein Hammer und alle Lösungen Nägel. Dabei treffen diese sich als Marktangebot/-nachfrage.

Auf die jetzige Situation bezogen, stellen Sie sich vor, dass alle Forscher, die nach Antworten auf Covid-19 suchen, nicht nur von der «unsichtbaren Hand des Marktes» geleitet würden, um ans Ziel zu kommen, sondern von kollektiver Intelligenz. Angenommen, wir würden für die Suche als Onlineschwarm zusammenarbeiten, anstatt uns als Art einsame Wölfe auf Patentwettkämpfe einzulassen und dabei Forschung ständig zu replizieren. Denken Sie auch, dass wir mittels technologischer Unterstützung gemeinsam darauf hinarbeiten könnten, um so die Krise schneller zu überwinden?

Nach Primavera De Filippi von der Universität Harvard könnten uns Internettechnologien als Pheromonspur dienen. De Filippi vermutet, dass wir uns mit Distributed-Ledger-Technologien wie Blockchains besser und organischer koordinieren könnten, ohne dabei unseren freien Willen aufzugeben. Sie eröffnet uns nämlich Wege, die Dynamiken unserer Tierwelt zu imitieren. Eine Dokumentation individueller Aktionen in verteilten Datenbanken als eine Art digitale Pheromonspur ermöglicht uns eine indirekte Koordination, frei von Hierarchie. Das Internet erlaubt, Informationen auszutauschen, und die Blockchain, als Ersatz für Forschungspublikationen, kann als unabhängiges, transparentes Buch geführt werden, welches aufzeigt, wer wann was im Rahmen der Suche getan hat.

Eine Blockchain könnte dazu beitragen, Manipulationen zu verhindern. Eine in ihr ruhende biomimetische Marktwirtschaft baut auf Kollaboration mit Technologie. Dank ihr liesse sich die Krise wohl effizienter überwinden und dies, ohne dass wir uns auf jemanden zur Koordination verlassen müssten. Sie hälfe, Autorenschaft, Vertrauen sowie Widerstandsfähigkeit gegen Einmischung zu stärken und die Kollaboration zu fördern. So könnten wir unsere Märkte stärker mit ihr verbinden, was uns ermöglichte, hierarchisch organisierte Märkte durch eine verteilte Zusammenarbeit zu beschleunigen, um die Krise etwa mit einem Impfstoff respektive dem weltweiten Rollout dessen schnell zu beenden.

Die Einführung von Pheromonspuren in unsere digitalen Gesellschaften wäre zu begrüssen. Mit naturinspirierter Koordination wären wir Covid-19 eventuell schneller los und obendrein für zukünftige Herausforderungen besser gewappnet.

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