Frauen an die Arbeit! In Europa ist die Zahl der Frauen, die einer regelmässigen Erwerbstätigkeit nachgehen, nur in Schweden noch höher als in der Schweiz. 93 Prozent der kinderlosen Schweizerinnen sind berufstätig, auch wenn sie mit einem Partner zusammenleben. Die Erwerbsquote dieser Gruppe ist damit fast gleich hoch wie jene der alleinerziehenden Mütter, von denen viele doch gar keine Wahl haben, ob sie arbeiten möchten oder nicht. Selbst drei Viertel der Mütter mit kleinen Kindern gehen regelmässig zur Arbeit, obschon sie einen erwerbstätigen Partner an ihrer Seite wissen. Das ist zwar nicht Europarekord, aber immer noch überdurchschnittlich.

Doch nirgends auf unserem Kontinent arbeiten mehr Frauen Teilzeit als hierzulande. 58 Prozent der über 2,1 Millionen berufstätigen Frauen sind in Teilzeitpensen beschäftigt. Bei 25 Prozent erreicht das Pensum weniger als 50 Prozent. Demgegenüber geht eine grosse Mehrheit der 2,5 Millionen berufstätigen Schweizer Männer immer noch einer Vollzeitarbeit nach (83 Prozent). Ein Minipensum von weniger als 50 Prozent erlauben sich nur gerade 6 Prozent.

Hautpursache für die geschlechtliche Fragmentierung des Schweizer Arbeitsmarktes ist die Rollenverteilung in den Familien. Nach wie vor übernehmen mehrheitlich die Frauen die Hauptverantwortung für Kinder und Haushalt, während sich die meisten Männer ganz dem Geldverdienen und der Karriere widmen. Sozialwissenschaftliche Forscher an den Universitäten von Lausanne und Fribourg sind im Rahmen des langfristig angelegten Nationalfondsprojektes «Leben in der Schweiz» * der Frage nachgegangen, wie sich die geschlechtlich unterschiedlichen Arbeitsmodelle auf die Zufriedenheit der Betroffenen auswirkt. Mindestens auf den ersten Blick fällt die Antwort erstaunlich simpel aus: Frauen in Teilzeitarbeit sind deutlich zufriedener als Frauen in Vollzeitstellung. Und bei den Männern verhält es sich exakt umgekehrt.

Keine objektiven Gründe

Der Befund dieser unlängst veröffentlichten Untersuchung erstaunt aus mehreren Gründen. Zunächst widerspricht er dem in vielen westlichen Industrieländern beobachteten Phänomen, dass teilzeitarbeitende Frauen stärker diskriminiert werden als ihre vollzeitarbeitenden Kolleginnen. Derlei innergeschlechtliche Diskriminierung konnten die Autoren im Rahmen ihrer Studie nicht feststellen, belegt werden konnte dagegen der Umstand, dass Frauen in Vollzeitbeschäftigung deutliche bessere Karrierechancen besitzen und damit durchaus einen guten Grund hätten, zufriedener zu sein. Für die teilzeitarbeitenden Männer ihrerseits fanden sich in der Untersuchung kaum objektive Gründe für eine weniger grosse Zufriedenheit als ihre vollzeitarbeitenden Kollegen. Abgesehen vom Salär, das bei einem reduzierten Arbeitspensum absolut gesehen naturgemäss niedriger ausfällt als bei einem vergleichbaren Vollzeitarbeiter, sehen sich die teilzeitbeschäftigten Männer weder bei den Arbeitsbedingungen, beim Arbeitsklima noch beim Arbeitsaufwand im Nachteil.

Dennoch zeigen sich die teilzeitbeschäftigten Männer in der Umfrage wenig tatkräftig und optimistisch und bezeichnen sich auffällig oft als niedergeschlagen, ängstlich und gar depressiv. Die Untersuchung hält kurzum fest: Frauen in Vollzeitstellung und Männer mit Teilzeitjobs sind klar weniger zufrieden als ihre gleichgeschlechtlichen Gegenüber.

Objektive Gründe scheint es dafür kaum zu geben. Teilzeitarbeitende Frauen haben klar weniger Karrierechancen und müssen unter Umständen sogar mit weiteren Diskriminierungen rechnen. Und vollzeitarbeitende Männer stehen unter einem wachsenden Leistungsdruck und können vermutlich auch der in der Gesellschaft zunehmend selbstverständlichen Teilung gewisser Familienaufgaben immer weniger entrinnen. Dass die Zufriedenheit in diesen beiden Gruppen am höchsten ist, erklären sich die Forscher mit dem Umstand, dass die Befragten bei der Beurteilung ihrer eigenen Situation kaum geschlechterübergreifende Vergleiche anstellen. Die teilzeitarbeitenden Männer vergleichen sich mit jenen 83 Prozent, die mehrheitlich in Vollzeit tätig sind, und die in Vollzeit tätigen Frauen haben primär die 58 Prozent Teilzeitarbeiterinnen vor Augen.

Die Politik ist gefordert

Nach Auffassung der Autoren ist es kein Zufall, dass die Zufriedenheit der jeweiligen Minderheiten tiefer liegt als jene der Mehrheiten. Die Abweichung von der sozialen Norm führe zu einer geringeren Lebenszufriedenheit, erklären sie. Das ist eine wichtige Erkenntnis auch für die Politik. Sie kann erklären, weshalb die Frauen nicht härter für gleiche Löhne kämpfen und die Männer in ihren Betrieben nicht mehr auf Teilzeitpensen beharren. Um solche Veränderungen in Gang zu setzen, ist in der Logik der Studie die Politik gefordert.

* Die Längsschnittstudie «Leben in der Schweiz» (www.swisspanel.ch), wird von FORS, dem Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften, an der Universität Lausanne durchgeführt.