E.ON wird sauber. Der grösste der Deutschen Energieriesen will sich von seinen Atom-, Kohle- und Gaskraftwerken trennen und stattdessen auf Erneuerbare setzen. Wie E.ON am Sonntagabend ankündigte, wird der Bereich der konventionellen Kraftwerke zusammen mit dem Energiehandel in eine eigenständige Gesellschaft überführt. Ein Drittel der rund 60 000 Mitarbeiter soll künftig in der neuen Gesellschaft arbeiten. Stellenstreichungen soll es keine geben, heisst es seitens E.ON.

Der Konzern war durch die Energiewende und die am Boden liegenden Strompreise in immer grössere Schwierigkeiten geraten. Das alte Geschäftsmodell mit grossen, zentralisierten Kraftwerken funktioniert in Zeiten der dezentralen Energiewende immer schlechter. Jetzt hat der Konzern die Reissleine gezogen und die Abspaltung seines ursprünglichen Hauptgeschäfts beschlossen.

Die deutschen Energiewende-Befürworter äussern sich zu Entscheidungen der Stromkonzerne normalerweise sehr kritisch. Die Ankündigung von E.ON kam dagegen gut an: Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sprach von einem «guten Tag für die Energiewende». Die Umstrukturierung beim grössten deutschen Stromkonzern habe eine «internationale Signalwirkung».

Schritt war überfällig

Für Professor Marc Oliver Bettzüge, Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität Köln (EWI), ist der Schritt von E.ON auch eine späte Folge der Liberalisierung des Strommarktes, also der Öffnung der Stromnetze für den Wettbewerb. Im Grunde sei es überraschend, dass bei den meisten Energieversorgern immer noch konventionelle Kraftwerke, erneuerbare Energien und der Netzbetrieb unter einem Dach liefen. «Die Risiko- und Ertragsstruktur der verschiedenen Geschäftsfelder sind sehr unterschiedlich, und die möglichen Synergien demgegenüber eher gering und abnehmend», sagt Bettzüge.

Die Schweizer Stromriesen Axpo, Alpiq und BKW haben eine ähnliche Struktur, wie sie Bettzüge kritisiert. Zwar haben sie keine eigenen Kohlekraftwerke. «Trotzdem sollten sie sich überlegen, wie sie aus ökonomischen Gründen möglichst zügig aus der Kernkraft aussteigen können», sagt Elmar Grosse Ruse, Energieexperte beim WWF Schweiz. Hier würden sich die Konzerne noch recht wenig bewegen. Dass sich mit der Kernkraft nicht mehr beliebig viel Geld verdienen lässt, zeige sich bereits am AKW Mühleberg. Der Betreiber BKW will das Kraftwerk 2019 aus wirtschaftlichen Gründen vom Netz nehmen.

Noch kein Handlungsbedarf

Die Konzerne selbst wollen von einer möglichen Aufspaltung nichts wissen. Die E.ON-Ankündigung habe man zur Kenntnis genommen, heisst es seitens der Axpo. «Für Axpo ist ein solcher Umbau des Konzerns allerdings keine Option.» Der grösste Schweizer Energieversorger setzt auch weiterhin auf die verschiedenen Erzeugungsarten.

Auch Alpiq sieht sich auf dem richtigen Weg. «Alpiq hat im vergangenen Dezember eine neue Strategie beschlossen und setzt diese nun um», teilte der Konzern mit. Das Unternehmen will die Wirtschaftlichkeit der eigenen Wasserkraftwerke steigern und mit neuen Angeboten im Dienstleistungsbereich «näher an den Endkunden rücken», heisst es.

BKW sieht ebenfalls keinen Anlass zur Umstrukturierung. Den Wandel im Energiebereich habe man «frühzeitig erkannt und die Weichen gestellt». Im Frühjahr 2012 sei die Strategie auf Energie, Netze und Dienstleistungen ausgerichtet worden, teilte die BKW mit.

Neue Energiewelt

Für die Ökonomin Kemfert ist E.ON mit der Abspaltung der konventionellen Energiesparte ein Befreiungsschlag gelungen, der anderen Stromriesen noch bevorsteht. «Die Investitionen in erneuerbare Energien nehmen zu», sagt sie — nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Die wirtschaftlichen Chancen seien sehr gross, das wolle E.ON jetzt offenbar ausnutzen. Der Konzern mache sich fit für die neue Energiewelt — mit dem Portfolio aus Grosskraftwerken habe dies nicht gelingen können.